Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 15 (1.8.1930)
- Article
- Alte jüdische Kunst
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 236 (sequence 2)
- Language
- German
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236 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 einer gewissen Sicherheit erfreuen durfte, so daß er auch daran denken konnte, seine Synagoge reicher und kunstvoller auszugestalten, als in den bösen Jahrhunderten vorher. Wir sehen in der Ausstellung Fragmente der alten Ausstattung der ehemaligen Colmberger Synagoge, die ein jüdischer Künstler, Elieser Sußmann aus Brod, um das Jahr 1730 ausgemalt hatte. Die Colmberger Synagoge war wie die vom selben Künstler ausgestatteten in Bechhofen in Schwäbisch Hall, in Kirchheim und in Horb in Oberfranken ein mit einer Holztonne überwölbter Raum, dessen Decke ein farbenprächtiges Gespinst von Ranken und allegorischen Tierfiguren schmückte. Der östliche Einfluß verleugnet sich nicht. Es ist die gleiche üppige Buntheit, wie wir sie bei alten Werken slavischer Volkskunst kennen, die hier zu uns spricht. Nur beim Thoraschrein selbst scheint es, als ob der Künstler sich von der gleichzeitigen fränkischen volkstümlichen Art in der Konturierung des Schreines selbst und auch in der malerischen Behandlung der Schranktüren habe beeinflussen lassen. Ganz aus dem Geist gleichzeitiger Volkskunst heraus geboren ist der Thoraschrein in Geroda mit dem originell stilisierten Löwen der Bekrönung. Meisterwerke der Stickerei, die im 18. Jahrhundert in besonderer Blüte war, sind die ausgestellten Thoravorhänge und Mäntel, welche wohl die größte Überraschung für jeden Besucher der Ausstellung bilden. Die meisten von ihnen sind Arbeiten jüdischer Künstler, wie der Thoravorhang und der Thoramantel (Abb. in der Gem.-Ztg. 1929, Nr. 8, S. 121), welche in der Werkstatt des Fürther Vorbeters Elkana Naumburg um 1725 entstanden sind. Die Verbindung der Gold- und Silberftickerei mit dem farbigen Hintergrund sind Muster eines höchst entwickelten Geschmackes, die sich mit jeder gleichzeitigen Leistung auf diesem Gebiete messen können. Daß die Thorarollen, das Heiligste, was in der Syna- 6 ay eri sehe Vereinsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins Günstige Verzinsung von Guthaben, auch au! Bank-Sparbuch goge aufbewahrt wird, der Gegenstand besonders reicher Ausstattung wurden, ist nicht verwunderlich. Di'e Bekrönung der Rollenftäbe, die Thorakronen, das an die Rolle gehängte Schmuckschild (Abb. in der Gem.-Ztg. 1929, Nr. 7, S. 103) die Lesezeiger sind häufig Meisterwerke der Goldschmiedekunst, welche die üppige Formensprache des 18. oder die bescheidenere des frühen 19. Jahrhunderts reden. Das allermeiste entstand allerdings, wie schon früher erwähnt, in den Werkstätten des zünftigen Goldschmieds. Die Wimpel, die Wickelbänder für die Thorarollen, schmücken die schönen hebräischen Buchstabenreihen mit volkstümlich aufgefaßten dekorativen Beiwerk aus Ornamenten und sogar figürlichen Zutaten. Diese Wickelbänder sind sicher ureigenstes Kunstgut der jüdischen Frommen, da schon die Schwierigkeit bestand, solange hebräische Texte, teilweise sogar mit Binnentext in den Buchstaben, fehlerlos zu kopieren. Nur ganz Sprach- und Schristgewandte konnten sich an derartige Ausgaben wagen. Meist werden es kunftgeübte Vorbeter gewesen sein, welche diese kalligraphischen Meisterwerke schufen. Die großen Standleuchter für den Vorbeter und die meist recht stattlichen Chanukkahleuchter stammen meist aus den Gießereien Augsburgs und Nürnbergs. Sie zeigen, wie fast alle Erzeugnisse dieses Handwerks, die Formen der späten deutschen Renaissance. Die Buchftabengravuren sind dann wohl wieder Zutaten von hierfür geschulten jüdischen Handwerkern. Dasselbe gilt auch von den gravierten Zinntellern, den Ssederschüsseln, die, blank und unverziert gekauft, ihren speziellen kultischen .Charakter erst durch den Stichel des jüdischen Künstlers erhielten. Die Kunstwerke für den Gebrauch der häuslichen Feier sind naturgemäß von bescheideneren Ausmaßen als die für die Synagoge bestimmten. Auch hier zeigt die Ausstellung typische Vertreter jeder Gattung. Prachtvolle Becher mit eingravierten Stellen aus der Schrift, Hänge- und Tischleuchter für den Sabbat, Gewürzbüchsen in jeder Technik und Form, auch für den Reisegebrauch, Kerzenhalter und silberbeschlagene, reich illuminierte Gebetbücher zeigen, wie das kultische Gerät dekoriert und geformt wurde. Für die Ethrogfrucht wurden Dosen geschaffen, di? manchmal die reiche Formensprache des Rokokos reden (Abb. in der Gem.-Ztg. 1927, Nr. 9, S. 277), manchmal aber fast naturalistische Nachbildungen dieser limonenartigen Frucht aus Glas sind. Der Chanukkahleuchter fürs Haus ist kleiner als der für die Synagoge. Er tritt in jeder erdenklichen Form auf, bei der nur die 8-Zahl der Dochtrillen und des Anzünders gewahrt bleibt. Wandleuchter mit nebeneinander angeordneten Lichtöffnungen, achtarmige Standleuchter, ein Leuchter in Form eines achtköpfigen Fabeltieres zeigen die Wandlungsmöglichkeiten dieses in keiner jüdischen Familie fehlenden Kultgerätes. Auch das Material ist verschieden. Silber und Bronze, Zinn und Steingut werden benützt. Aus dem Gebiete der Kleinkunst des Goldschmiedes, soweit es in der Ausstellung vertreten ist, müssen besonders die reichen Trauringe und die prächtigen Traugürtel erwähnt werden. Mancherlei Amulette, für Wöchnerinnen oder für die Kinderwiege, runden das Bild des religiösen Bedarfes der Juden an Kultgeräten ab. Daß die jüdischen Künstler der Darstellung des Menschen nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber standen, beweisen mehrere Beispiele, wie die Seite eines Sabbatsgebetbuches von 1724 (Abb. in der Gem.-Ztg. 1928, Nr. 8, S. 116) oder auch die sehr originellen, reinste Volkskunst atmende Gebetsrichtungstafel in der Technik des Scherenschnitts mit Federzeichnung oder eine ähnliche Tafel mit Segensprüchen.