Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 14 (15.7.1930)
- Article
- Judentum und deutscher Geist
- Date
- 1930-07-15
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
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14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 219 Moses Mendelssohn gefallen lassen wollen, bis er gegen de seines Lebens noch einmal Ruhe findet durch den Grafen lckreuth, der ihn auf seinen' Gütern leben läßt. Der Aristokrat nachsichtiger als der Bürger und läßt sich die schlechten Macen des großen Schriftstellers und Denkers im Gegensatz zum rliner bürgerlichen Dünkel durchaus gefallen. Als Maimon X) stirbt, wird er als Ketzer verscharrt. Oie philosophischen Anschauungen Maimons lassen sich nicht . Kürze zu allgemeinem Verständnis bringen. Doch darf auf m Punkt hingewiesen werden. Die Grenze wissenschaftlichen ForschenS war von Kant erkenntnis-theoretisch mit dem unerkennbaren Ding an sich gesetzt worden. Maimon tendierte dahin, auS diesem rein formalen Unerkennbaren etwas Inhaltliches zu machen oder es abzuschaffen, damit an die Stelle der logischen Konstruktion ein methaphysischer Inhalt trete. Damit weist er bereits auf die nachkantische philosophische Entwicklung hin, indem er die Möglichkeit schafft, an die Stelle der erkenntnistheoretischen Grenzen eine die Welt inhaltlich aussprechende Idee zu setzen. Die Münchener lagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer 6emeinden I. )er Alte Münchener Rathaussaal bot einen würdigen und reprätativen Rahmen für die Eröffnungssitzung am Sonntagvormittag, n 29. Juni. Der Vorsitzende der Tagung, Geheimer Rat Professor . Silberschmidt, erinnert in seiner Begrüßung an die Gründung des rbandes vor zehn Jahren und beglückwünjcht die Vertreter aus Pfalz zu der Befreiung am 1. Juli. Nach dem Dank an die rdt München und an das bayerische Kultusministerium widmet Vorsitzende sodann den verstorbenen Tagungsmitgliedern Alexan- Trier (Aschaffenburg) und Hermann Engel (Würzburg) ehrende chruse. Justizrat Dr. Oestreich begrüßt die Ehrengäste und die rsammlung namens der Münchener Kultusgemeinde. Bei der ckären und peinlichen Lage des bayerischen Judentums in der genwart sehe er von einem historischen Rückblick ab; die Münner Kultusgemeinde glaube die Verpflichtung zu haben, auf das tiefte zu protestieren gegen das verantwortungslose Treiben, get all die Ungerechtigkeit, Intoleranz und Verhetzung, deren sich visse Teile der Bevölkerung gegen die Juden fortgesetzt schuldig cchen. Diese Kreise schreckten nicht von der Schändung unserer -eiligten Grabstätten zurück. Es habe noch keinen Kulturstaat;eben, dem nicht die Herrschaft des Ungeistes zum Unglück gechte. Wir hätten keinen heißeren Wunsch, als daß dieses Unglück n unserem geliebten bayerischen und deutschen Vaterland fern übe und daß auch aus diesen Beratungen die Kraft ströme, dem inzen und dem Vaterland zu dienen. Ministerialrat Mezger vom bayerischen Kultusministerium, der t dem Geheimen Rat Ministerialdirektor Dr. Hezner erschienen ir, übermittelte die besten Wünsche der Staatsregierung und gab len Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre. Der Verband habe ) ausgezeichnet bewährt, sei nicht mehr aus dem öffentlichen Leben : bayerischen Juden wegzüdenken und werde von der Regierung; die legitime Vertretung des bayerischen Judentums betrachtet, ne wirksame Vertretung sei aber nur dann möglich, wenn in allen rgelegenheiten nicht nur vereint geschlagen, sondern auch vereint rrschiert werde. Bürgermeister Geheimrat Dr. Küfner begrüßt den Verband und > Versammlung namens der Stadt München. Ein Wiederaufstieg .5 dem deutschen politischen und wirtschaftlichen Unglück sei nur öglich, wenn alle positiven kulturellen Kräfte sich zusammenschlösi. Die Arbeiten des Verbandes dienten diesem positiven Aufbau, sonders durch die Pflege der sozialen Gesinnung und der Nächsten-!be, einer Grundforderung des jüdischen Bekenntnisses. Er dankte m Verband noch besonders für die Veranstaltung der Ausstellung bischer Kultgeräte, die eine wertvolle Bereicherung der Kunssstadt tünchen bilde. Den Mittelpunkt der Eröffnungssitzung bildete der Vortrag von abbiner Dr. Baerwald Jüdische Bildung, eine Aufgabe der Zeit. Unter Heranziehung der neueren erziehungswissenschaftlichen Gemkensysteme von Kerschensteiner, Spranger, Erich Stern, Ernst rieck und Litt beantwortete der Redner in gedrungener und fein sschliffener Fassung die Frage nach dem Wesen der modernen Bilmg und konfrontierte damit das jüdische Bildungsideal. Der Voragende ging aus von der allgemeinen Wandlung des Bildungsbegriffs. Die Entfaltung des Menschlichen aus einem rohen Zustand zu einer allseitigen harmonischen Ausbildung aller körperlichen, geistigen und seelischen Fähigkeiten ist Inhalt und Aufgabe der bumanitas und Persönlichkeitsausbildung. In der Einschätzung der Persönlichkeit und der Humanität sind feit dem Altertum erheblich auseinander gehende Auffassungen festzusteUen. Heute ist jedenfalls das Bildungsideal der Aufklärung des 18. Jahrhunderts verlassen; Bildung ist mehr als Wissen. Der Irrtum jenes Zeitalters, das Bildung dem Wissen gleichsetzte, ist ebenso edel und schön wie der des Sokrates, der gelehrt hat, es genüge das Gute zu wissen, um danach zu handeln. Die menschliche Seele ist das Objekt und das Ziel unserer heutigen Bildung. Die wahre Bildung bedient sich bloß der Kenntnisse und formt sie zur Erkenntnis um. „Sei was du kannst, aber sei es ganz", das ist unser heutiges Vildungsstreben. Nächstes Ziel der Bildung ist die Überwindung des rationalen Individualismus, der seit der Renaissance die letzten Jahrhunderte der abendländischen Kultur als Prinzip beherrscht hat, und die Wiedergewinnung des Ganzheits- und Gliedschaftsbewußtseins. Nur die Eingliederung des Einzelmenschen in die Gemeinschaft, das gemeinsame Werk in und mit der Welt formt und bildet die Persönlichkeit: Die Einsenkung des Einzellebens in die gemeinsamen Lebensuntergründe, die Übereinstimmung mit den Kulturgütern der Umwelt und mit den Menschen, die sie geschaffen haben. So kommen wir zu dem Bildungsbegriff unseres führenden deutschen Pädagogen, des großen Münchener Erziehers, Georg Kerschensteiner: Die Bildung des Individuums wird nur durch die Kulturgüter ermöglicht, deren geistige Struktur ganz oder teilweise der individuellen Psyche adäquat ist. Oder (wie es Kerschensteiner in seiner „Theorie der Bildung" auch ausgedrückt hat): „Bildung ist der durch Kulturgüter geweckte individuell organisierte Werksinn von individuell möglicher Weite und Tiefe." Nachdem so der Redner den heutigen Bildungsbegriff scharf Umrissen hatte, wandte er ihn auf die „jüdische Bildung" in origineller und anregender Weise an. Religion und Bildung weisen, wenn sich auch nicht identisch sind, eine weitgehende Übereinstimmung aus. Bildung und Studium sind die Grundlagen des Judentums. Von dem ältesten und nachhaltigsten Bildungsbuch, der Bibel, heißt es: Du sollst darin lernen Tag und Nacht. Das prophetische Wort des Pfalmisten „Wäre nicht die Lehre mein Trost, ich wäre zugrunde gegangen", hat sich, seitdem aus der Kultreligion die Lehrreligion geworden ist, erfüllt. Nicht zwischen reich und arni, vornehm und niedrig, sondern zwischen gelehrt und unwissend unterscheidet das Judentum. Aber es geht hier um mehr als ein bloßes Wissen. Es ist eine Lebenslehre — thorath chajim —, eine Praxis, die mittels des Wissens gelernt werden soll. Das ganze Leben zu erfassen, ein Lebensideal aufzustellen, ist charakteristisch für die jüdische Lehre. Die Tat in der Gemeinschaft ist die Hauptsache; es handelt sich bei der Tat nicht speziell um Erfüllung religiöser Vorschriften, sondern um unsere gesamte Lebensform; es gibt keine Handlung des Juden, die nicht lesebem sebomastm, „um Himmelswillen", geschieht. Diese Auffassung gab dem jüdischen Leben seinen Wert und schuf Rang und Ordnung. Nicht wer am meisten wußte und am scharfsinnigsten denken konnte, sondern der war im Judentum „gebildet", in welchem die sittlichen Lebensgrundsätze der Thora-Erkenntnis adäquat waren. So war, nach dem Wort eines nicht-jüdischen