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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-07-15 · 14 (15.7.1930) · p. Seite 218

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
14 (15.7.1930)
Article
Judentum und deutscher Geist
Date
1930-07-15
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 zum Wilhelm Meister darstellt. Und in der Tat ist die Gesinnung, aus der heraus Moritz Maimons Lebensgeschichte herausgegeben hat, eine durchaus nicht ästhetische, sondern im echten Sinne der Aufklärung bürgerlich-revolutionäre. Moritz glaubt, daß Maimons Leben das Beispiel für die siegreiche Kraft menschlichen Wissens und Willens auch innerhalb drückender Verhältnisse sei. „Was aber diesem Buche noch in anderer Rücksicht einen besonderen Wert gibt, ist eine unparteiische und vorurteilsfreie Darstellung des Judentums, von der man wohl mit Grund behaupten kann, daß sie die erste in ihrer Art ist und deswegen besonders zu den jetzigen Zeiten, wo die Bildung und Aufklärung der jüdischen Nation ein eigner Gegenstand des Nachdenkens geworden ist, vorzügliche Aufmerksamkeit verdient." Diese Lebensgeschichte ist in der Tat der dokumentarische Niederschlag eines ostjüdischen Versuches, in die rationale Bildungswelt des deutschen Bürgertums kurz vor 1800 einzudringen. Sie ist nicht etwa eine Beichte im Sinne Augustins oder Rousseaus, die das Verborgene und Geheime, das bisher der Welt und sich selbst Verschwiegene ans Tageslicht ziehen möchte, vielmehr legt sie durchaus das allen bereits offenbare Leben noch einmal offenbar vor, dieses Leben nämlich eines entwurzelten, zwischen Ernst, Verspottung der anderen und seiner selbst unsicher wechselnden, mit den Grimassen eines verwunderten Clowns hin und hergeschüttelten tragikomischen Menschen. Maimons Leben füllt eine der Formen, in denen das Oftjudentum den Durchbruch nach Europa versucht hat, ein Prozeß übrigens, der auch heute noch nicht abgeschlossen ist. Der eine Weg ging über die individualisierten Formen religiösen Lebens im Chassidismus, der andere über die mehr oder minder gewaltige Erzwingung der gesellschaftlichen Gleichstellung, wie z. B. bei Lassalle, der dritte über den mächtigen Eroberungsdrang der kulturellen Güter des angebeteten Europas: so war es bei Salomon Maimon. Maimon ist nach Europa ausgebrochen, weil er es zu Hause einfach nicht mehr ausgehalten hat. Der Vater war ein jüdischer Schankwirt, zum Elend dieses Berufes gezwungen durch die miserabele polnische Iudengesetzgebung; die Kindheitserinnerungen des Jungen durchzitterten die Verhöhnungen des jüdischen Familienlebens durch die christliche Umwelt. In dieser Hölle der Niedrigkeit und Verstoßung ersteht ihm als entscheidendes Grunderlebnis ein jüdischer spiritueller Hochmut, der die Leiden der Gegenwart tausendfach vergoldet sieht durch die Sonderstellung des Juden in einer zukünftigen Welt. Dieser Messianismus ist zunächst rein märchenhaft, haggadisch, während er eine abgrundtiefe Verachtung gegen den schematischen Lernbetrieb und die bornierte Logik des Cheder-Lebens hat. Eine despotische Vertreibung der Eltern von ihrem Wohnsitz beschenkt ihn nun mit einem wirklichen Lehrer, der in ihm die Liebe zu der systematischen Logik des Talmuds erweckt. Fanatisch hochbegabt ist dieser Junge, der mit 11 Jahren schon Rabbiner werden könnte, jedenfalls aber als Auszeichnung für sein Wissen in eben diesen Alter verheiratet wird. Damit sind die erotischen Seiten seiner Charakterentwicklung ein für allemal in Unordnung gebracht, und bis zum Ende seines Lebens sind alle Erlebnisse, die dieser Sphäre angehören, ausschließlich hilflos und komisch. Mit der Vertiefung seines Wissens kommt das deutsche Alphabet, das deutsche Buch, das durch einen Zufall ihm in der Gestalt medizinischer Werke zugänglich wird, die er durchstudiert, um sich sodann für einen fertigen Arzt zu halten und seine nähere und weitere Umgebung durch Krankenbesuche und Rezepte zu beglücken. „Da meine äußeren Umstände immer schlechter wurden, weil ich mich nicht mehr zu meinen gewöhnlichen Geschäften schicken wollte und mich daher überall außer meiner Sphäre befand; ich auch von der anderen Seite meine Lieblingsneigungen zum Studium der Wissenschaften in meinem Wohnorte nicht genügend befriedigen konnte, so beschloß ich, mich nach Deutschland zu begeben und da Medizin und bei dieser Gelegenheit auch andere Wissenschaften zu studieren." Mit 25 Jahren kommt er nach Königsberg, wo ihn das Leben durch die frisch emanzipierten jüdischen Studenten, die mit dem struppigen und unordentlichen, zudem Jargon redenden eingewanderten Oftjuden nichts zu tun haben wollen, verekelt wird. Nach Berlin geschickt, wirft ihn dort als Freidenker die jüdische Orthodoxie wieder heraus. Er bettelt sich bis Posen durch, wo sich der Oberrabbiner seiner annimmt und ihm eine Hauslehrerstelle verschafft. Aber auch hier macht er sich bereits nach 3 Jahren durch die Verhöhnung eines lächerlichen Aberglaubens, der die Posener Gemeinde beherrschte, unmöglich und kommt zum zweiten Mal nach Berlin, wo er diesmal rasch achtungsvolle Aufnahme im Kreise Moses Mendelssohns findet. Er versucht seinem Leben durch das Erlernen des Apothekerhandwerks Seßhaftigkeit zu verleihen, erleidet aber sehr bald aufs neue Schiffbruch, weil er seinem Handwerk zu wenig praktisches, den ausschweifenden Vergnüglichkeiten der Großstadt Berlin allzuviel praktisches Verständnis entgegenbringt. Wir finden ihn in Amsterdam, wo er nach anfänglichen Erfolgen sich wieder bei der Orthodoxie rasch unbeliebt macht, so daß er auf der Straße mit Steinen beworfen wird. Damals macht er jenen berühmten lächerlichen Selbstmordversuch, wo er mit dem halben Körper über dem Wasser gebeugt, schon den Tod gleichsam sich vorspiegelnd, mit den Beinen doch nicht nachzufolgen vermag, so recht ein Ausdruck für die unglückselige Situation von Salomon Maimon, der als aufgeklärter Jude des Ostens unter den nicht aufgeklärten Juden des Westens, d. h. des regionalen Gebietes der bürgerlichen Aufklärung, leben wollte. So wird es verständlich, daß er in Hamburg sogar bereit ist, sich taufen zu lassen, da er doch nichts mehr glaubt, aber deswegen weift ihn auch die Kirche zurück. Wieder ist er dauernd unterwegs, bald in Berlin, bald in Breslau, wo ihn seine Frau aufsucht, die, begleitet von einem zwanzigjährigen Sohne, die Scheidung fordert und nach einem Paragraphen aus dem Schulchan Aruch erlangt, der folgendermaßen lautet: „Ein Vagabund, der seine Frau auf viele Jahre verläßt, ihr nicht schreibt und ihr kein Geld schickt, soll, wenn er aufgefunden wird, zur Ehescheidung gerichtlich gezwungen werden." Der „Vagabund" kommt wieder nach Berlin und schreibt dort eine Abhandlung über Kants „Kritik der reinen Vernunft", die durch den jüdischen Freund von Kant, Markus Herz, diesem zugeleitet wird. Kant antwortet begeistert, gesteht, daß noch niemand von seinen Gegnern ihn und seine Hauptprobleme so ausgezeichnet verstanden habe, und spricht in den Worten größter Hochachtung von Maimon. Damit war das äußere Lebensschicksal Maimons zunächst zum besseren gewendet. Sein Buch über Kant wird gedruckt, Zeitschriften nehmen Aufsätze von ihm an, und Maimon ergreift die Gelegenheit beim Schopf, verfaßt seine Lebensgeschichte und wird mit einem Schlage im ganzen geistigen Deutschland bis zu Goethe und Schiller hin bekannt. Freilich hat er es nicht vermocht, sich lange in seiner günstigen Position zu behaupten. Wie ehemals in der jüdischen Orthodoxie macht er sich jetzt durch sein rauhes und ungeschliffenes Benehmen in den christlichen bürgerlichen Kreisen unbeliebt, die sich den jüdischen Literaten nur in der Glätte, Liebenswürdigkeit und Konsilianz

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