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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-06-15 · 12 (15.6.1930) · p. Seite 191

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
12 (15.6.1930)
Article
Mischehen und Ehescheidungen
Date
1930-06-15
Page
Seite 191 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 191 1912/14 1924/26 Ehescheidungen im ganzen 5,5 7,8 rein evangelische 5,1 6,4 rein katholische 5,9 7,2 rein jüdische 2,5 3,6 Mann evangelisch, Frau katholisch 11,9 12,1 Frau kacholisch, Mann evangelisch 8,1 12,0 Mann evangelisch, Frau jüdisch 17,6 14,3 Mann jüdisch, Frau evangelisch 13,6 9.3 ohne Bekenntnis, ohne Angabe 23,4 24,5 Die höhere Scheidungshäufigkeit der Mischehen gegenüber den reinen Ehen erhellt aus diesen Zahlen ohne weiteres; sie wird noch übertroffen von der Scheidungsfrequenz'der bekenntnislosen Ehen, in denen ja grundsätzlich jede religiöse Bindung aufgegeben ist; der zunächst auffallende Rückgang bei den evangelisch-jüdischen Mischehen dürfte teilweise mit der Zunahme der Scheidungen bekenntnisloser Ehen Zusammenhängen, da sich neuerdings Partner von Mischehen vielfach als „bekenntnislos" auf dem Standesamte eintragen. Jedenfalls scheint die Ehescheidung um so häufiger vorzukommen, je weniger eine religiös gefestigte Weltanschauung vorhanden ist. Dieser Frage ist May in dankenswerter Weise weiter nachgegangen durch Feststellung der Scheidungshäufigkeit bei den Mitgliedern des Hamburger Synagogenverbandes und der nicht dazugehörigen jüdischen Familien. Darnach waren 1910 in Hamburg von im ganzen 3241 rein jüdischen Ehepaaren 1241 Mitglieder des Synagogenverbandes, während 2000 außerhalb desselben standen; die Zahl der Ehescheidungen betrug in den drei Jahren 1912/14 bei den Mitgliedern 2, bei den Nichtmitgliedern 22, also im Jahresdurchschnitt 7,3 bzw. 0,7. Die vorgenannte Scheidungsziffer der rein jüdischen Ehen für 1912/14 (2,5°/oo) lautet dementsprechend für die Synagogenmitglieder 0,7°/oo, für die Nichtmitglieder 3,7°/o0. Nimmt man noch hinzu, daß in den 18 Jahren von 1910 bis 1927, die teilweise in die Zeit der höchsten allgemeinen Scheidungsfrequenz fallen, bei einem Mitgliedsstand des Synagogenverbandes von rund 1200 Familien, nur 12 Ehescheidungen vorkamen, so kann über die Ehefestigkeit innerhalb einer religiös geschloffenen Gemeinschaft, auch wenn sie wie beim jüdischen Ritus die Ehescheidung grundsätzlich zuläht, kein Zweifel bestehen. Weitere Untersuchungen in der Mayschen Arbeit über die Zusammenhänge von Wohlstand und Ehescheidung, von Wohlstand und Geburtenhäufigkeit und Sterblichkeit, insbesondere Säuglingssterblichkeit, können hier nur angedeutet werden; sie lassen, wie auch sonst beobachtet, eine fortschreitende soziale. Nivellierung erkennen. Ebenso müssen weitere von der Mischehe ausgehende Fragen wie Nachwuchsgestaltung und Art der religiösen Kindererziehung in Mischehen zunächst unerörtert bleiben. Dr. PH. Schwartz. Vas Liebermann-kuck Das Liebermann-Buch von Hans Ostwald, 500 Seiten mit 270 Bildern von Max Liebermann, eine größere Anzahl zum erstenmal veröffentlicht. Paul Franke Verlag, Berlin 1930. Aus den Seiten des „Liebermann-Buches" tritt uns ein Werdegang von vorbildlicher Zielbewußtheit und Zähigkeit entgegen, ein eiserner Wille, dem einen großen Ziel alles andere unterzuordnen. Darum ist dieses Buch ein Vademekum fiir alle Strebenden, auf welchem Gebiete auch immer. Talente und Gaben sind so verschiedenartig wie die Menschen selbst. Aber eines ist ehernes Naturgesetz für jeden echten, höchsten Erfolg: Treue gegen sich selbst, Unermüdlichkeit im Ringen um die letzte erreichbare Vollendung. Mit unerschütterlichem Zielbewußtsein hat schon der Abiturient Max Liebermann für feine Sehnsucht gegen den Wunsch des Vaters gekämpft, ist der junge Kunstschüler in Weimar unbeirrt von Zeitmoden und den Forderungen verständnisloser Lehrer der inneren Stimme gefolgt. Mit der gleichen Treue hat er alle Ereignisse seines Lebens dem großen Hauptgebot der künstlerischen Aufwärtsentwicklung untergeordnet, und mit der gleichen Treue steht noch heute der Dreiundachtzigjährige Tag für Tag vor der Staffelei. Wenn Fritz Stahl im Gegensatz zu romantischen Anschauungen den wirklichen Idealismus dahin bestimmt, daß die Künstler „ihr ganzes menschliches Ergehen untrennbar mit dem Schicksal ihres Werkes verbinden", so ist der „Realist" Liebermann ein Idealist im besten Sinne. So bedeutend wie als schaffender Künstler ist er als Organisator; allein die Tatsache, daß er gegen die Kunsttyrannei Anton von Werners die „Berliner Sezession" ins Leben rief, ist ein bleibender Ruhmestitel. Und endlich der Mensch Liebermann, der unter dem zwanglosen, witzigen, zuweilen schnodderigen Verlinertum eine reiche, ganz persönlich zugeschnittene Bildung, eine umfassende Kenntnis von Menschen und Dingen und ganz echtes Gefühl verbirgt. Als Beispiel für Liebermanns drastische Ausdrucksweise sei aus der Fülle von Liebermann-Anekdoten aus dem Buch eine Bemerkung über eine sehr fruchtbare Berliner Landschaftsmalerfamilie herausgegriffen: „Man müßte der ganzen Familie die Klauen abhacken!"", oder ein Satz gegen einen mächtigen Gegner: „Ick sage immer, wenn Anton von Werner ooch ohne Hände geboren wäre — denn hätte er doch die jrößte Schnauze!" Wie er mit humoristischer Übertreibung spitzig scharf eine Persönlichheit charakerisiert, zeigt eine Äußerung über Hans Thoma: „Ick gloobe, der hat een Privattelephon zum lieben Gott!" Das Gespräch zwischen Liebermann und Dehmel über „Kultur und Rasse" zu dem Thema „Ein deutscher Dichter und ein jüdischer Maler" gibt den besten Begriff von Liebermanns unverbildetem, schlagfertigem, grundgescheitem Mutterwitz: Jüdisches Erbgut, das jetzt so sehr im Absinken begriffen ist. F. „Cm neuer begriff von Religion" Berichtigung zu diesem Aufsatz in der letzten Nummer der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" (1. Juni 1930). Meine Ausführungen sind z. T. fehlerhaft abgedruckt worden. Es muß heißen: Und vollends vom Märtyrertum, von der Blutzeugenschaft, auf die das Judentum und auch andere Religionen Hinweisen können, sagt Michael Guttmann: „Überall gehört sie zum eisernen Bestände der inneren religiösen Überzeugung, und nach außen hin — zur Mahnung und Belehrung, daß sich zwischen Kult und Kult keine Brücke zur Bereinigung schlagen läßt. Wer dies tut, leistet Zerstörungsarbeit nach beiden Seiten hin. Die ethisch-humane Ausstrahlungder Religionen ist es einzig und allein, die berufen ist, eine Atmosphäre für Menschengemeinschaft, für Universalismus zu schaffen. Allgemeine, unterschiedslose Ethik ist die Plattform, auf der wir uns alle treffen und als Kinder eines Vaters wiedererkennen." Wir brauchen also, um zur religiösen Toleranz auch im Sinne Lessings zu gelangen, nicht etwa einen neuen Begriff von Religion zu ersinnen. Im Judentum ist diese Toleranz aufs tiefste verankert und aufs unauflösbarste verwurzelt usw. Bezirksrabbiner Dr. Ernst Steckelmache r. ttus der Semeinde München Ausstellung jüdischer kullgeräle Der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden veranstaltet gemeinsam mit der Israelitischen Kultusgemeinde München anläßlich seines zehnjährigen Bestehens gelegentlich der diesjährigen Tagung am 29. und 30. Juni in München eine „Ausstellung jüdischer Kultgeräte und Einrichtungen für Synagoge und Haus". Die Ausstellung, die von einer Reihe bayerischer Gemeinden und von zahlreichen Privatpersonen beschickt werden wird, soll das Interesse weiterer Kreise auf ein Kunstgebiet lenken, das bisher in Bayern noch wenig Beachtung gesunden hat, obwohl es in seiner Art geeignet ist, die rege Beteiligung der Juden am allgemeinen künstlerischen Leben auch in früheren Zeiten darzutun. Der jüdische Kultus bietet trotz der Einfachheit seiner meist schmucklos gehaltenen Beträume doch mannigfache Gelegenheit zur Betätigung von Künstlern und Kunsthandwerkern. Besonders diese haben in der Gestaltung der im öffentlichen wie im häuslichen Gottesdienste verwendeten Geräte und Einrichtungen häufig ein so starkes Können und einen so sicheren Geschmack bewiesen, daß ihre Arbeiten heute noch bei aller Begrenztheit ihrer Darstellungsmittel allgemeine Beachtung verdienen. Die Ausstellung wird im Saale der Gesellschaft Konkordia, Prannerstraße 4, stattfinden und am 24. Juni eröffnet werden.

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