Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 12 (15.6.1930)
- Article
- Mischehen und Ehescheidungen
- Date
- 1930-06-15
- Page
- Seite 190 (sequence 1)
- Language
- German
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190 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 Mischehen und Ehescheidungen Die starke Zunahme der Ehescheidungen in der Nachkriegszeit — in Bayern sind es regelmäßig rund 3000 jährlich gegen rund 1000 in den letzten Vorkriegsjahren — hat wiederholt zu Untersuchungen über die Ursachen dieser offensichtlichen Gefährdung der ehelichen Gemeinschaft Anlaß gegeben. Dabei ist auch die Frage der Mischehen berührt worden, weil sich die auffällige Tatsache ergab, daß die konfessionellen Mischehen bei den Ehescheidungen in weit höherem Maße beteiligt sind als bei den Eheschließungen. In Bayern waren von 100 Eheschließungen 1913 10,9, 1928 13 konfessionell gemischt, von 100 Ehescheidungen aber 19,1 bzw. 21,9. Die Lockerung der religiösen Bande, welche im allgemeinen wohl die Voraussetzung für eine Mischehe bildet, scheint sich demnach auch im Sinne einer leichteren Auffassung gegenüber der ehelichen Gebundenheit auszuwirken. Was speziell das jüdische Element in Bayern anlangt, so tritt dort der Anteil der Mischehen noch in erhöhtem Maße in Erscheinung, wenn auch den verhältnismäßig kleinen Zahlen der jüdischen Eheschließungen und Ehescheidungen bzw. Zahlen über die Mischehen keine allzu große Beweiskraft innewohnt. Dementsprechend will es auch Nicht viel besagen, wenn sich der Prozentsatz der Mischehen an den Scheidungen neuerdings gesenkt hat: Eheschließungen Ehescheidungen an denen Juden beteiligt waren abs. abs. # 1913 gemischt 389 64 85,9 14,1 8 9 47,1 52,9 zusammen 453 100 17 100 1928 264 78,5 25 69,5 gemischt 85 21,5 11 30,5 zusammen 349 100 36 100 Vereinsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins .^Bayerische VjeteinsbarUc vpcubudi Günstige Verzinsung von Guthaben, auch auf Bank-Sparbuch Es treffen also in Bayern auf 100 Eheschließungen an Ehescheidüngen rein jüdische gemischt jüdische 1913 2,1 14,1 1928 9,5 12,9 Demgegenüber treffen im Staatsdurchschnitt 1928 auf 100 konfessionell reine Eheschließungen nur 4,3 Ehescheidungen, auf 100 gemischte Eheschließungen nur 8 Scheidungen. Dabei ergeben sich diese Ziffern keineswegs aus dem Übergewicht des katholischen Volksteils in Bayern —70 Prozent der Bevölkerung sind katholisch —, bei welchem die kirchlichen Bestimmungen die Scheidung verbieten, vielmehr reichen auch die Ziffern der Evangelischen nahe an den Staatsdurchschnitt heran (1928): Auf 100 Eheschließungen treffen Ehescheidungen rein gemischt katholisch 4,0 8,1 evangelisch 4,9 8,0 Die höhere Scheidungsfrequenz der jüdischen Ehen — der reinen wie der gemischten — dürfte wesentlich mit der vorwiegend städtischen, speziell großstädtischen Siedlungsweise des jüdischen Volksteils Zusammenhängen, da bekanntlich das großstädtische Milieu die Scheidungshäufigkeit im allgemeinen wie auch das Zustandekommen von Mischehen (Binnenmischung der Konfessionen, Abstumpfung des religiösen bzw. konfessionellen Bewußtseins) begünstigt. Treffen doch aus die großstädtischen Bezirke (mit 100 000 und mehr Einwohnern), welche in Bayern nur 18 Prozent der Bevölkerung umschließen, 62 Prozent der Ehescheidungen, bei Scheidungen von Mischehen sogar 67 Prozent: ähnlich hoch ist die Großstadtquote der Ehescheidungen, an denen Juden — in reinen wie gemischten Ehen — beteiligt sind: 66,6 Prozent. Dazu folgende Übersicht für 1928: Ehescheidungen in den Art der geschiedenen Ehen MÄW.WN-l, *an JfÄ Nürnberg, Augsburg' absolut °,o ^anvgerllyisvezirken absolut # Eheschließungen im ganzen 1910 62,2 1159 37,8 davon ungemischte Ehen darunter: 1460 60,9 939 39,1 katholisch 1018 63,6 582 36,4 evangelisch 417 55,2 338 44,8 jüdisch 16 64.0 9 36,0 gemischte Ehen 450 67,2 220 32,8 darunter mit Beteiligung von Katholiken 324 60,2 214 39,8 Evangelischen 419 66,6 210 33,4 Juden 8 72,7 3 27,3 Weitere Erkenntnisse auf diesem Gebiete würden sich ergeben bei Berechnung von Beziehungszahlen zwischen der Zahl der Ehescheidungen und denjenigen der stehenden Ehen (zusammenlebende Ehepaare) der verschiedenen Konfessionen sowie auf Grund spezieller religionsstaüstischer Nachweise, doch sind entsprechende Unterlagen für Bayern nicht vorhanden. Um so mehr zu begrüßen ist im Interesse der Klärung des Gesamtproblems ein kürzlich von R. E. M a y in Schmollers Jahrbuch (53. Band 1929, Heft 3) erschienener Aufsatz: Mischehe und Ehescheidungen, in welchem an Hand von Hamburger Daten Untersuchungen in der vorerwähnten Richtung angestellt werden. Die absoluten Zahlen für den jüdischen Volksteil sind zwar dort noch kleiner als für Bayern — Scheidungen in jüdn scheu Ehen durchschnittlich jährlich 1912/14: 8, 1922/26: 12, Scheidungen evangelisch-jüdischer Mischehen 1912/14: 9, 1922/26: 11; die Berechnungen scheinen aber doch die vorhandenen Tendenzen richtig zum Ausdruck zu bringen. Darnach trafen in Hamburg auf 1000 stehende Ehen vorbezeichneter Konfession Ehescheidungen: