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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-06-15 · 12 (15.6.1930) · p. Seite 187

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
12 (15.6.1930)
Article
Konflikt der Kulturstile
Date
1930-06-15
Page
Seite 187 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 187 Das Gefühl, daß etwas Niedriges und Rohes im Antisemitismus steckt, ist mir zum erstenmal in den Knabenjahren ausgegangen, als ich sah, wie ein grundgutmütiger Jude, der einzige in unserer Klasse, zuerst von einigen Wenigen und schließlich von den meisten verlacht, gefoppt und gequält wurde. Später lernte ich die feineren Gründe und Ideologien kennen, mit denen der Antisemitismus sich ein kulturpolitisches Ansehen gibt und gar eine Sendung und Pflicht am deutschen Volke sich einreden möchte; doch blieb mir jenes erste Gefühl immer wach und unbeirrt, ja es verstärkte und klärte sich, wie eben ein gesunder natürlicher Widerwille gegen etwas Unanständiges in demselben Maße wächst wie dieses bemäntelt, verziert und uns als anständig aufgedrängt wird. Für mich als Nichtjuden hat die Judenfrage nur diese eine Beunruhigung: wie werden wir die Schande des Antisemitismus, los? Für das übrige sollte man, scheint mir, die Juden selbst sorgen lassen. Ihnen obliegt es, zu dem kulturellen Leben des deutschen Volkes, zu seiner Geschichte, zu seinen Erinnerungen und Hoffnungen das richtige Verhältnis zu finden. Mögen die einen ganz darin aufgehen und deutsche Brüder werden, mögen andere mehr aus der Ferne damit sympathisieren, und wieder andere sich im Gegensatz dazu fühlen. Für uns, wenn wir stark, uns selbst getreu und duldsam und hochsinnig bleiben, kann aus dem allem nur Bereicherung, Hilfe und Freundschaft, oder im schlimmen Falle, Ansporn und Wettstreit und ein ehrlicher Kampf kommen. Und diese munteren Gäste aus dem uralten weisheitsträchtigen Morgenland, die uns so vielfach zu fördern, so reich zu beschenken und auf allerlei heikle Proben zu stellen gekommen sind, sollten wir, die weltoffenen, gefahrensrohen Germanen, von uns weisen? „Oie 6errscdatt der Minderwertigen"' Der Münchener Rechtsanwalt Edgar I. Jung hat ein 700 engbedruckte Seiten starkes Buch „Gegen die Herrschaft der Minderwertigen" — „Für deutsche und europäische Neuordnung" geschrieben. Das Werk enthält eine Kulturkritik großen Stils sowie eine eindringliche Auseinandersetzung mit fast allen um uns herum sichtbaren Unwerten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. In der Reihe der Kampfschriften der letzten Jahre gegen den Liberalismus (gegen den politischen, wirtschaftlichen und weltanschaulichen Liberalismus) ist das Iungsche Buch die zusammenfassende Darstellung der von überallher zusammengetragenen Gründe zur Erhärtung des Satzes: „Am Liberalismus gehen die Völker zugrunde." Die Staats- und Gesellschaftslehre des Verfassers, seine Schilderung des modernen Parteiwesens sind der Grundauffassung nach schon in den bekannten Werken von Oswald Spengler, von Robert Michels und des Berliner Staatsrechtslehrers Carl Schmitt enthalten und zwar bei Spengler, Michels und Schmitt in viel schärferen Linien und in geschliffenerer Beweisführung. Die Einschätzung des christ-katholischen Mittelalters als Höhepunkt europäischer Kultur gehört zu diesem Bild. Die Lobpreisung des „hochmittelalterlichen Menschen", „mit der ganzen Unbefangenheit seiner noch unverscherzten Quellnähe", diebewunderte „Spannung zwischen Geist und Magie, erleuchtender Vernunft und dunkler gnadenreicher Offenbarung", alles das sind uns geläufig gewordene Wendungen. Zuletzt hat Leopold Ziegler in seinem „Heiligen Reich der Deutschen" in diesen Stimmungen geschwelgt. „Seit dem Versiegen der Strömungen von Klassik, Romantik und des Idealismus versinkt Europa immer tiefer in die Verstrickung seelenloser Mächte, zerrissener klafft das Gefüge der Kultur auseinander, das immer mehr zur bindungslosen, wertfreien Zivilisation wird." Das ist der in allen Variationen wiederkehrende Ton der Iungschen Kulturkritik. Dem entsprechen die Richtlinien „volklicher Außenpolitik" und die Hoffnungen im Sinne Fichtes und des „Geistes von 1813". So jenseits von jeder Realpolitik und von der Tagesarbeit der politischen Parteien die Gedanken Jungs sich bewegen, sie haben jedenfalls nichts zu tun mit dem phrasendurchdrängten hohlen Pathos der patentierten „Patrioten" völkischer Prägung. Das Werk von Jung ist (zwar ohne vorwärts bringende neue Gedanken) in jeder Zeile vornehm geschrieben. Der Kampf gegen „die Verlogenheit des überall tönenden Verbalidealismus", gegen 1 Die Herrschaft der Minderwertigen, ihr Zerfall und ihre Ablösung durch ein Neues Reich von Edgar I. Jung. 2. Auflage, 692 Seiten. Berlin 1930. die Lippenrede „sozial" und „human" macht das Buch an und für sich sympathisch. Die beobachtende Schilderung der Gegenwart berührt fast alle Fragen der deutschen und europäischen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zustände und wechselt ab mit der Aufdeckung der geschichtlichen Wurzeln und mit Forderungen an die Zukunft. Der Aufwand von 700 Druckseiten steht in einem merkwürdigen Mißverhältnis zu der praktischen Tragweite der Deklamationen und zu ihrem Unvermögen, einen Gesinnungswandel oder gar eine Tatwendung bei noch so williger Bereitschaft irgendwo hervorzubringen. In den Einzelbeobachtungen der Gegenwart ist Jung am anfechtbarsten und einseitigsten. Bei der Behandlung der Rassenfrage bleibt er zwar immer vorsichtig und besonnen; er weiß, daß es reinrassige Völker nicht mehr gibt, daß die Mischungen und Zusammenhänge der Rassen der menschlichen Erkenntnis verschlossen sind, daß eö letzten Endes gefährlich sei, in ein Volk den Zwiespalt einer Einteilung nach rassisch Hochwertigen und rassisch Minderwertigen zu tragen. „Wo ist ein zuverlässiger Beweis dafür, daß die besondere Bevorzugung beispielsweise der nordischen Rasse das Gesamterbgut des deutschen Volkes in seiner rassenmäßigen Güte erhöhen würde?" Auch dieRechte der einzelnen Staatsbürger dürfen (nach Jung) nicht nach rassenmäßigen Gesichtspunkten abgeftuft werden. Die „Legende von der jüdischen Verschwörerherrschaft" und die Erhoffung alles Heils von Rassenreinheit sei im Grunde — liberal; und liberal ist für Jung der Inbegriff für alles Schädliche, Rückständige, Minderwertige. Trotz der allgemein (abgesehen von der antiliberalen fixen Idee) maßvollen Grundhaltung lassen die ziemlich weitläufigen Ausführungen, die den Juden in dem Buch gewidmet sind, einen anspruchsvolleren Leser unbefriedigt. Weder von einem logisch geschlossenen einheitlichen Weltbild her gesehen noch nach der Tatsachenseile hin besitzt die Iudentheorie Jungs Gültigkeit. Es könne zwar — so wird ausgeführt — von einer einheitlichen Geifteshaltung der Iudenschaft kaum gesprochen werden. „Vom Standpunkt dieses Buches aus gesehen sind sie (die Juden) Reaktionäre, die im großen und ganzen an einer Weltanschauung fefthalten, die überwunden werden muß. Die Juden sind individualistisch und damit das geborene Volk des Kollektivismus. Sie haben wenig Verständnis für den faustischen Kampf um innere Freiheit. Das Heldische wie die Tragik liegt ihnen — ungeachtet der heldenhaften Haltung mancher einzelner — nicht." Jung macht sich in

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