Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 12 (15.6.1930)
- Article
- Konflikt der Kulturstile
- Date
- 1930-06-15
- Page
- Seite 186 (sequence 1)
- Language
- German
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186 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 Konflikt der kullurstile Die Münchener Jubiläumstagung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Über die Münchener Tagung des Abwehrvereins vom 2. bis 4. Juni hat die Presse aller Richtungen ausführlich berichtet. Die Referate aus den Abwehrblättern und der „Central-VereinS- Zeitung" sind in aller Hände. Besonders bemerkenswert ist das „Mahnwort" führender Persönlichkeiten Bayerns „gegen den das Deutschtum und das Christentum verletzenden Antisemitismus"; darin heißt es: Nach einem mutigen und opfervollen Ringen ohnegleichen erlebte unser deutsches Volk einen jähen Sturz in die Tiefe politischer Ohnmacht und wirtschaftlicher Not. Die Unbegreiflichkeit solch schweren Geschicks trieb viele von denen, die teils verzweifelt, teils mit jungstürmendem Mut gegen die Not des Vaterlandes wie gegen die eigene ankämpsen wollten, in die Arme falscher Propheten, die den Juden als den Schuldigen an allem Unglück bezeichneten und einen Kampf gegen das Judentum als den „Befreiungskampf" organisierten. Solcher Judenhaß birgt schwere Gefahren in sich und ist eines Kulturvolkes vom Range des deutschen unwürdig. Wer sein Vaterland liebt, wird sich davon fernhalten, die Zwietracht im Innern zu vertiefen und das Ansehen des deutschen Namens unter den Nationen herabzuwürdigen. Ein Christ muh anstelle liebloser Unduldsamkeit und gehäßiger Ungerechtigkeit das Gebot christlicher Nächstenliebe setzen. Wer Anspruch auf Bildung erhebt, muß sich sreihalten von Unwahrhaftigkeit, Selbstgefälligkeit, vor Überschätzung der eigenen Art und Unverständnis gegenüber den anderen. Wer menschlich denkt, wird die Herzlosigkeit der Zurücksetzung und Anfeindung, der schon das jüdische Kind ausgesetzt ist, nicht mitmachen wollen. Wir fühlen uns — schließt das „Mahnwort" — gerade als Deutsche und Christen im Gewissen verpflichtet, unsere Mitbürger zu ernster Besinnlichkeit gegenüber dem zügellosen Judenhaß zu ermahnen und sie eindringlich hinzuweisen auf die Pflicht zu Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, zu religiöser und sozialer Ethik, mit der die Betätigung des Judenhasses unvereinbar ist. Unterschrieben ist das „Mahnwort" vom Vizepräsidenten des Bayerischen Landtags und früheren Minister Erhard Auer, Prof. Benno Becker, Botschafter a. D. Johann-Heinrich von Bernstorff, Schriftsteller Waldemar Bonsels, Augsburger Oberbürgermeister Deutschenbaur, Direktor des Münchener Schauspielhauses Otto Falckenberg, dem Nürnberger Pfarrer Geyer, dem Schriftsteller Dr. Max Halbe, dem Münchener Pfarrer Dr. Heisler, Prof. Dr. Georg Hohmann, Präsident der Reichsbahndirektion München Käß, Schriftstellerin Dr. h. c. Isolde Kurz, Augsburger Stadtpfarrer Lindenmayr, Würzburger Oberbürgermeister Dr. Löffler, Prof. Dr. Walter Lotz, dem Dichter und Nobelpreisträger Thomas Mann, dem Herausgeber der „Allg. Rundschau" Dr. Moenius, Senatspräsident am Oberstlandesgericht Dr. Ernst Müller, Akademieprofessor Geheimrat Albert Niemeyer, Dr. Anton Graf von Pestalozza, Pros. Emil Preetorius, Prof. Dr. Joseph Popp, Oberstudiendirektor Dr. Reitinger, Pros. Dr. Adolf Weber, Bamberger Oberbürgermeister Weegmann, Oberbürgermeister Dr. Weiß und zahlreichen anderen in Politik, Wissenschaft, Literatur und Wirtschaft führenden bayerischen christlichen Persönlichkeiten. Besonders wirkungsvoll war innerhalb der Tagung der Vortrag von Leo FrobeniuS am Montag abend, dem 2. Juni, im Bayerischen Hof, über den „Konflikt der Kulturstile". Der Redner führte aus: Er habe im Orient gesehen, daß man dort keine Rassenunterschiede kenne. Der Antisemitsmus ist eine europäische Angelegenheit, die zum erstenmal -das Problem der Wertschätzung verschiedener Kulturstile aufttellt. Die europäischen Völker haben sich eine gewisse Überschätzung ihrer eigenen Kultur angewöhnt, die - sie als ideales Muster ansehen. Der Antisemitismus beabsichtigt, die Juden, deren Kultur von ihren Gegnern als moralisch minderwertig verachtet wird, aus den Gastvölkern auszuscheiden. Die Andersartigkeit der Juden beruht in ihrem feinen Vermögen, sich aus die jeweiligen Kulturen einzustellen, auf ihrer extremen Veranlagung und auf ihrem sezierenden Intellekt, der vor sich selbst nicht Halt macht. Die Juden leben immer den extremen Inhalt des Landes, mit dem sie verbunden sind, und so brachten sie in Englands großer Zeit einen Disraeli, in Ungarns kleinmütiger Zeit eine Schar von zersetzenden Bolschewisten hervor, die das Land an den Abgrund regierten. Wir Deutsche haben den Juden gegenüber eine versöhnende Ausgabe zu leisten und die deutschen Juden mögen ihre Stärke erweisen, indem sie am Aufbau des neuen Deutschen Reiches fördernd Mitarbeiten. Nach dem Vortrag von Frobenius behandelte Pater Augustin I. Arand die Stellung der christlichen Religionen zum Judenhaß, der allen göttlichen und Naturgeboten zuwiderlaufe. Das 5. und 8. Gebot verbieten den Feindeshaß, die Christen sind dem jüdischen Volk, das Gott zu seiner Menschwerdung auserwählt habe, in Dankbarkeit verbunden und lehnen in tiefer Empörung die Schändung jüdischer Synagogen und Gräber ab. Dr. R. Horlacher zeigte, daß die Methoden des Antisemitismus an die Zeit der feindlichen Greuelmärchen gegen Deutschland erinnern und forderte im Sinne nationaler Würde die Abwehr eines ungeistigen und rohen Kampfes. Die Abwehrblätter haben anläßlich der Münchener Iubiläumstagung eine Rundfrage bei bayerischen führenden Persönlichkeiten veranstaltet. Aus den wichtigsten Antworten drucken wir nachstehend einen Auszug ab: Der Erzbischof von Bamberg Hauck: Jederzeit habe ich gegen ungerechtes und liebloses Vorgehen gegen die jüdische Religion wie gegen die jüdischen Mitbürger, soweit es veranlaßt war, Stellung genommen und mir die Anerkennung der jüdischen Gemeinde dahier wie der bayerischen Judenschaft verdient. Georg Kerschen st einer: Ich erkläre den Antisemitismus als eine unsittliche Stellungnahme gegenüber Mitmenschen und insbesondere Mitbürgern. Wer immer eine Klasse oder Rasse allgemein der sittlichen Minderwertigkeit bezichtigt, begeht ein Unrecht, denn keine Rasse, keine Klasse ist in allen ihren Gliedern durchweg gut oder durchweg schlecht. Die ungeheure Gefahr, die in einer solchen Haltung liegt, besteht darin, daß sie den Menschen der Gerechtigkeit entwöhnt. Die Gerechtigkeit gegen jeden Einzelnen ist aber allein die Grundlage eines gesunden Gemeinschaftslebens. Hans Pfitzner: Der Antisemitismus schlechthin und als Haßgefühl ist durchaus abzulehnen. Eine andere Frage ist, welche Gefahren das Judentum für deutsches Geistesleben und deutsche Kultur in sich birgt. Aber solche Gefahren birgt jede Rasse in gewisser Ausprägung für eine Kultur in sich. Diejenigen Deutschen also, die die Scheidung zwischen „völkisch" und „jüdisch" machen, und nicht zwischen so und so gearteten Juden und so und so gearteten Deutschen, sollen sich selbst erst einmal an ihre Nase fassen und sich erinnern, wieviel Förderndes und Verdienstliches für das geistige Deutschland gebildete Juden schon getan haben und wieviel anderseits von „Volksgenossen" hier verdorben und lieblos vernichtet worden ist. Die Kulturgeschichte spricht auf jeder Seite davon, und jeder Tag bringt neue Beispiele. Staats mini st er Schweyer: Die Gerechtigkeit wird mit Recht als die Grundlage der Staaten gepriesen. Jeder Verstoß gegen die Gerechtigkeit richtet sich daher auch gegen die Grundlagen des Staates. Der Antisemitismus als leidenschaftlicher politischer Kampf gegen das Judentum als solches, auch gegen das eingebürgerte und mit dem Volke verwachsene Judentum, steht mit den Forderungen wahrer Gerechtigkeit in schroffem Widerspruch. Er ist weder ein Freund des Christentums noch ein wirklicher Freund des Volkes und Vaterlandes: er ist vielmehr eine nicht zu unterschätzende inner¬ und außenpolitische Gefahr. Mit den souveränen Sätzen Karl Boßlers, des berühmten Romanisten der Münchener Universität, sei dieser Auszug beschlossen: