Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-05-01 · 9 (1.5.1930) · p. Seite 118

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
9 (1.5.1930)
Article
Synagogenbau-Kunst
Date
1930-05-01
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2727810-2727900-2727909-2737791--06047-2737847
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 135 Kuppelmotiv aus der Augsburger Synagoge 'M Straße, welche er täglich so und so oft durchwandert, am unmittelbarsten ansprechen. Im letzten Jahrzehnt aber ist die Baukunst wieder Führerin geworden in der Ausprägung des Zeitgeistes, ähnlich wie in früheren Epochen. In unserer Zeit allgemeiner Verwirrung, Wandlung, Umschichtung — des Umsturzes alter Werte und der Sehnsucht nach dem Aufbau neuer —, ist die Vertiefung, die Besinnung auf das Wesentliche das, was gefordert wurde, wonach auch weiterhin gerufen werden muß auf allen Gebieten menschlichen Lebens und Wirkens. Diese Grundeinftellung muß auch für eine erfolgreiche Entwicklung wahrhafter Baukunst — diese als Kulturfaktor aufgefaßt — und für den Schaffenden selbst erstes Gesetz sein; und insbesondere muß dies gelten für den problematischsten Zweig, den Sakralbau. Das nach dem Krieg geprägte und allzuoft wiederholte Schlagwort „neue Sachlichkeit" braucht durchaus nichts Ungeiftigeö zu meinen, auch nichts Nüchternes, Seelenloses. Für die anderen Baugebiete: Wohnhaus, Geschäftshaus, Industriebau ergeben neue praktische, wirtschaftliche, konstruktive und kulturelle Bedingungen die neuen Lösungen. „Neuzeitlich" ist: klare Entwicklung aus dem Zwecke (der ein praktischer ebensowohl als ein höchst idealer sein kann); — ist: Anwendung neuer KonftruktionSmethoden und Materialien sowie Entwicklung neuer Formgedanken hieraus; — ist aber auch Erfüllung der äußeren und inneren Gestaltung mit dem wesentlichen und geistigen Gehalt der besonderen Aufgabe (dies sind lauter Bedingungen, welche an sich nicht neu sind, sondern eine Selbstverständlichkeit waren in den reifen historischen Kunftepochen). Die Problemstellung des Sakralbaues (einer Synagoge oder Kirche) aber hängt m. E. in erster Linie mit dem Wesen des Menschen selbst zusammen, mit seinen feinsten und tiefsten Werten. Ist doch Gestaltung und Stimmungswert eines solchen Raumes nichts anderes als ein hehrer Mittler — gleich einem jüdischen Gesang oder einer Bachschen Kantate — Mittler zur Andacht und Erhebung und — wenn der Bau echt gestaltet ist — gleichzeitig selber: Andacht, weil Widmung an das Höchste. Um die heutige Aufgabe zu skizzieren, so wie sie sich mir darftellt, muß ich einen wenn auch kurzen geschichtlichen Rückblick auf den Synagogenbau geben. Eine Entwicklungsgeschichte im eigentlichen Sinne kann nach dem heutigen Stande unseres Wissens nicht wohl geschrieben werden. Es ist uns sehr wenig von selbständigen Gestaltungen jüdischer Gotteshäuser bekannt; ja, soweit wir zu urteilen vermögen, scheint es, daß die Juden im Verlaufe der Zeiten wenig Eignung oder Neigung zu eigenen Bauschöpfungen zeigten. Man hat sich vielmehr, wie ersichtlich, der Bauform und dem Zeitftil des Aufenthaltlandes angeschlossen;, nur einige Kulteinrichtungen, wie die Aufstellung von Almemor und Schrein und die Anlage ein- oder zweiseitiger Galerien für die Frauen geben einen gewissen Sondercharakter. Von einer organisch entwickelten Bau- und Raumlösung aus den Bedingungen des Kultes und des jüdischen Wesens kann aber keine Rede sein? Es kann daher ein charakteristischer Typ des Synagogenbaues als ein vorhandener Wert der Tradition m. E. nicht festgeftellt werden. — Nach der schlimmsten Bauepoche (1870 bis 1900) setzte eine gründlichere und geistvollere Baugesinnung auch bei Errichtung jüdischer Gotteshäuser ein, dies m. W. zuerst in Deutschland; es geschah solches gleichzeitg, wenigstens zum Teil mit dem Auftreten jüdischer Architekten als Erbauer (neuere Synagogen dieser Epoche sind, als bessere Beispiele, jene von Berlin, Essen, Frankfurt a. M., Mainz). 1 So sehen wir in der mittelalterlichen Prager „Alt-Neu-Schule" ein gotisches Kirchlein, dem alten Wiener Tempel einen fast festlichen kleinen Ovalraum der Empirezeit, die liebenswürdig ausgemalten Land-Synagogen Frankens — trotz des jüdischen Malers als Zeugen süddeutscher, barocker, teilweise ländlicher Kunst. Blick von der Frauengalerie in der Augsburger Synagoge

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.