Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1930
- Issue
- 4 (15.4.1930)
- Article
- Der hebräische Unterricht im 1. Schuljahr
- Date
- 1930-04-15
- Page
- Seite 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 4 Mitteilungen.des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 9 Arbeitsunterrichtes. Vorausgehendes Lautieren des Wortes, Hervorholen der Buchstaben aus ihrem Häuschen, Zusammensetzen derselben zum verlangten Worte; Lesen derselben, Einräumen der Buchstaben, Wiederholung des ganzen Aktes mit Steigerung bis zur Geschwindigkeit; alle diese Tätigkeiten beanspruchen die ganze Aktivität des Kindes. Das Lesen der zusammengesetzten Wörter erfolgt nicht auf Kommando, sondern stellt sich von selbst ein, gleichsam als Probe darauf, ob das gewünschte Wort steht. Es ist klar, daß durch dieses Verfahren die auch bis zum heutigen Tage noch oft als Maßstab der Disziplin angesehene Ruhe nicht mehr ganz vorhanden ist. Die äußere Disziplin ist gelockert, um so stärker aber die Diszipliniertheit der geistigen Arbeit. Steht man vor solch einer Klasse, so denke man an den Montessorisatz: „Wir sehen ein Kind nicht für gezogen an, wenn ihm eine künstliche Ruhe beigebracht wird, als wäre es ein Stummer oder eine Unbeweglichkeit, als wäre es ein Lahmer. DaS ist nicht ein gezogenes, sondern ein vernichtetes Kind." Die Reihenfolge in der Darbietung der Buchstaben schließt sich einerseits an den Deutschunterricht an, anderseits sind hierfür maßgebend die beabsichtigten schriftlich darzustellenden Wörter und Sätze. Es ist selbstverständlich, daß die alten didaktischen Grundsätze: „Vom Nahen zum Entfernten", „Vom Leichten zum Schweren" als Direktiven wirksam sind. Bis zum Schlüsse des zweiten Trimesters sind sämtliche Buchstaben als Bestandteile einer inhaltsvollen Sprache erfaßt. Es beginnt nun ein freudiges Arbeiten in der Darstellung des in den vorausgegangenen Sprechübungen erworbenen Sprachschatzes, das gleichzeitig als immanente Wiederholung diesem eine höhere Sicherheit und größere Geläufigkeit verleiht. Fortsetzung dieser Übungen, Erweiterung und innere Verknüpfung des Sprachschatzes ist Teilaufgabe des dritten Trimesters. Hierzu stehen schon die verschiedenartigsten Hilfsmittel zur Verfügung: Bildbetrachtung, Erzählungen, biblische Geschichten, religiöses Leben bilden in kindesgemäßer Weise Quellen zur Bereicherung der Sprache. In diesem Stadium verdient die schriftliche Darstellung gegenüber der durch den Lesekasten den Vorzug. Ein großer Vorzug dieses Lehrverfahrens besteht in der Möglichkeit einer engen Konzentration im Sinne des neuzeitlichen Gesamtunterrichtes. Hebräischer Laut und adäquates Schriftzeichen werden in enger Anlehnung an den Schreib-Lese-Unterricht dem Schüler dargeboten und von ihm angeeignet. Der heimatkundliche Anschauungsunterricht mit seinem Umgebungs¬ und Beobachtungsunterricht, der laut Lehrordnung weitestgehende Berücksichtigung des religiösen Jahreskalenders in sich schließt, sorgt für klare Vorstellungen und Sachverhaltsbeziehungen, die in den Religionsstunden in das Gewand der hebräischen Sprache gefaßt werden können. Wieviel Zeit wurde gerade durch die Worterklärungen dem eigentlichen Religionsunterricht geraubt! So sprechen wir z. B. als konzentrierendes Thema für den Gesamtunterricht: „Vom Obst". Die Begriffe Erd- und Baumfrucht, Weinstock, Trauben, Wein finden ihre Klärung. In engster Verbindung entstehen die hebräischen Begriffe HDIX."! '">2 yy,“ '"12 ‘,2.i n '"12 Die inhaltliche und sprachliche Vorbereitung für die entsprechenden ni2"D ist hierdurch wie von selbst erfolgt. Kurz gestreift soll noch die Frage werden: Fibel oder keine Fibel. Zweifellos sind die neuesten Fibeln aus den vorstehenden Ausführungen ähnlichen Erwägungen entstanden. Ihr Aufbau und die Texte zeugen davon. Ihre Verwendung in der Klasse birgt jedoch die Gefahr in sich, in die Gleise der alten Fibelmethode einzuspringen und den ihnen zugrunde liegenden Ideen nicht gerecht zu werden. Lesekasten und Heft machen sie entbehrlich für jenen Lehrer, der sich bestrebt, den Geist des Lehrbuches zu erfassen, um dieses, zur größten intelektuellen Freude der Kinder, von ihnen selbst erschaffen zu lassen. Rückblickend kann man also zusammenfassen: 1. Durch die weitestgehende Anwendung der arbeiisschulmäßigen Gestaltung, durch innige Konzentration mit dem Gesamtunterricht, durch kindertümliche und kindesgemäße Methode sind die Kinder am Ende des ersten Schuljahres in den Besitz eines etwa 150 bis 200 Wörter umfassenden in sich nach allen Seiten begrifflich und' gedanklich verwobenen Sprachschatzes gelangt. 2. Der mustergültige Vortrag des Lehrers, die fortwährende, mit immanenter Wiederholung durchsetzte Übung im Sprechen entzündet ein hebräisches Sprachgefühl als den Keimboden für das selbständige Wachstum des Sprachvermögens und Grundlage eines phonetisch richtigen und inhaltlich verstandenen Lesens hebräischer Texte. 3. Ein zunächst unbeabsichtigter, aber naturgemäß sich ergebender Erfolg besteht in der Erlernung der Quadratschrift und in der Fähigkeit, lauttreue Wörter aus dem Gedächtnis niederzuschreiben. 4. Die im Schüler geweckte Freude an ihrem inneren geistigen Wachstum, die erzeugten Erkenntnis- und Gefühlsdispositionen für das Hebräische gründen Neigung und Fähigkeit zu weiterem Fortschritt, sich letzten Endes auswirkend zu einem verständnisvollen Auffassen des in unserem heiligen Schrifttum niedergelegten religiösen Bildungsgutes. Als wertvolle Bücher für die Hand des Lehrers seien noch angegeben: die neuzeitlichen Fibeln, ganz besonders aber der seinerzeit vom Kollegen Hirnheimer gehaltene Vortrag über den hebräischen Unterricht und der Lehrplanentwurf von Studiendirektor Stoll. Als wertvollster Wegweiser ,nag jedoch dem Lehrer der altjüdische Satz sein *o*n '2 \bv ly^N "jlin im Sinne Pestalozzis: „Der ganze Unterricht muß aufgebaut sein auf den ewigen unwandelbaren Gesetzen der kindlichen Menschennatur." Freie Vereinigung israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz In der zweiten Fortbildungskonferenz am Sonntag, den 16. März, in der „Traube" zu Neustadt a. H. sprach der Unterzeichnete über das in letzter Zeit in pädagogischen Kreisen und Zeitschriften viel genannte, besprochene und empfohlene Werk von Rabbiner Dr. Emil Schorsch: „Die Lehrbarkeit der Religion." Die bisher geäußerten Mängel dieses Werkes können dessen Wert in keiner Weise berühren. Bestehen bleibt als Ergebnis der wissenschaftlich — streng und lückenlos — durchgeführten Untersuchung die gültige Antwort auf unsere Fragen: Unter welchen Umständen nur kann Religion gelehrt werden? Welchen Religionslehrertyp brauchen wir heute? Diese Fragen greifen so sehr in unsere heutigen Sorgen und Bestrebungen ein (die Lehrerbildungssrage u. a.), daß es zunächst unbedingte Pflicht und Gewissenssache jedes Lehrers und jedes Verantwortlichen innerhalb der Judenheit ist, sich mit dem Inhalt des Schorschschen Buches bekannt zu machen. Daß der Verfasser zu seinen Formulierungen teilweise Ausdrücke und Bilder wählt, die den Lehrer sofort an die Symbolik des Rer tamid (weatto tezaweh ....) erinnern, erhöht den Reiz des Buches ungemein und beweist die Richtigkeit seiner Ergebnisse von der Thora her. — Im 2. Teil der Konferenz wurde unter Leitung des Unterzeichneten und unter regster und lebhaftester Mitarbeit aller Anwesenden Mischnah gelernt (Peßochim 1. P.) — Auch die allgemeine Aussprache brachte viel des Anregenden. — Es wäre nur zu wünschen, daß alle Kollegen (auch die an der Peripherie) sich an diesen Konferenzen beteiligen. Am Donnerstag, dem 29. Mai (Himmelfahrt), findet die Jahresversammlung in Landau statt. Die Einladung hierzu wird zu gegebener Zeit nur in diesem Blatte erfolgen. H. Schottland. Bezirkslehrerkonferenz Schwaben. Unsere nächste Bezirkskonferenz findet am Dienstag, den 22. April, vormittags lO^UHr, im Kaiserhof zu Augsburg statt. Vollzähliges Erscheinen wird erwartet. M. Sonn, Buttenwiesen. Bezirkskonferenz Fürth. Die nächste Konferenz findet am 27. April statt. Vlumenthal. Vereinsmitteilungen Dem Mitglied unserer Verwaltung, Herrn Kollegen Stoll, wurde vom Staatsministerium für Unterricht und Kultus der Titel „Studiendirektor" verliehen. Kollege Heippert (Scheinfeld) wurde zum Volksschullehrer in Kitzingen ernannt. Oberlehrer Blatt (Obbach) verließ am 1. April seine Gemeinde, in der er 37 Jahre in Treue und Hingebung seines Amtes gewaltet, und übersiedelte nach Würzburg, um dort seinen Ruhestand zu verbringen. Vielfache Ehrungen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung, so insbesondere die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes, zeugen von der großen Liebe und Verehrung, die man ihm an seinem Wirkungsorte und darüber hinaus entgegenbrachte. Vor einigen Wochen hat Lehrer Blumenthal (Hofheim) die Bezirkskonferenz Burgpreppach-Hofheim ins Leben gerufen. Wir begrüßen den Zusammenschluß der Kollegen in diesem Bezirke und hoffen, daß auch hier fruchtbringende Arbeit für Beruf und Judentum geleistet wird. Die Einzeichnungslisten für den Jubiläumsfonds sind nun fast alle in unseren Händen. Wir erkennen dankbar den großen Opfersinn unserer Kollegen, der sich auch hier dokumentiert, an und bitten die Kollegen, die gezeichneten Beiträge spätestens bis 15. Juni an Unseren Vereinskassier Hellmann unter ausdrücklicher Bezeichnung „Jubiläumsfonds" abzuliefern. Zur würdigen Ausgestaltung unserer Jubiläumstagung sollen auch einige Lehrerchöre beitragen. Sangeskundige Kollegen mögen ihre Bereitschaft zur Mitwirkung Kollegen Hellmann, Würzburg, Ludwigstraße 31, erklären. Besonders werden 1. Tenöre und 2. Bässe benötigt. Texte und Noten gehen denselben durch Hellmann zu. München, den 1. April 1930. M. Rosenfeld M. Adler. Für den Jnhall der „Mitteilungen" verantwortlich: Max Adler, München.