Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1930
- Issue
- 4 (15.4.1930)
- Article
- Der hebräische Unterricht im 1. Schuljahr
- Date
- 1930-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Aufteilungen Des JüDiftfjen iefjreroereina für Aspern S ch r i f t l e i t u n g: Max Adler, München 1930 München, 15. April Nr. 4 Der hebräifcde Unterricht im 1. Schuljahr Von Julius K i s s i n g e r, München Fortsetzung und Schluß Lautreines und deutliches Sprechen ist nur möglich bei vorhandenem Sprachgefühl, Verständnis- und inhaltvolleö Lesen setzen das Vorhandensein eines der sprachlichen und gefühlsmäßigen Auffassungskraft des Kindes entsprechenden Lesestoffes voraus. Beide sind bei unseren Kleinen nicht vorhanden. Als Aufgabe des hebräischen Unterrichtes ergibt sich also: 1. Bildung eines möglichst großen Wortschatzes und eines damit innig verbundenen Sprachgefühls. 2. Kenntnis der' hebräischen Laute und Buchstaben und lesendes Erfassen kleiner, leichter Sprachstücke im Rahmen des vom Schüler erworbenen Sprachschatzes. Die Lösung dieser Aufgabe ist schwierig und fast unmöglich, wenn die Mittel hierzu gesucht werden bei den zur Erlernung von Fremdsprachen gebräuchlichen Methoden, also Vokabelndrill, Grammatikregeln, Übersetzen von der Muttersprache in die fremde oder umgekehrt; sie wird leicht und möglich, wenn wir uns Hilfesuchend an die Methode der Arbeitsschule mit dem der Individuallage des Kindes angemessenen ArbeitSunterricht wenden, der sich nicht erschöpft im Kneten, Basteln und Kleben, sondern in seiner wesentlichen geistigen Seite erkannt wird und darin besteht: Die Kinder durch eine ihren Kräften, ihren körperlichen und seelischen Bedürfnissen gemäßen UnterrichtSweise zur freudigen und. lebensfrischen Eigentätigkeit und damit zur persönlichen Selbsttätigkeit führt. Alle körperlichen und geistigen Eigentümlichkeiten der Schulneulinge: der starke Bewegungs-, der mächtige Nachahmungs-, der fröhliche Spiel- und ernste Arbeitstrieb, die Freude an graphischer Darstellung, die spontan wirkenden Geisteskräfte, insbesondere die Kraft der Sprachbildung und Sprachentwicklung, erleichtern und ermöglichen mannigfach ineinander verwoben ein stetig lückenlos sicheres und freudiges Zustreben zum gesteckten Ziele. Es ist nicht möglich, im Rahmen dieses Aufsatzes eine weitgehende stoffliche Darstellung der Lösung der gestellten Aufgaben zu bieten. Nur in großen Zügen können grundsätzliche Gedanken und Beispiele dargestellt werden. Als erste Aufgabe ist die Bildung eines Wortschatzes und eines damit verbundenen Sprachgefühls bezeichnet worden. Es bedarf auf Grund der gemachten Ausführungen wohl keinerlei Begründung, daß das nicht durch Einpauken isolierter Vokabeln geschehen kann. Als solches ist aber auch das Benennen der Dinge mit dem hebräischen Wort innerhalb eines deutschen Satzes zu bezeichnen, wie: Der in der Mitte des Zimmers oder: Ich sehe die oder: 'ü’Hö, dürfen wir in den Hof gehen? Den richtigen Weg zur Lösung finden wir, wenn wir den gegenwärtigen Stand der Sprachentwicklung bei den Sechsjährigen die sogenannte Altersmundart berücksichtigen. „Substanz und Aktionsstadium" sind die wissenschaftlichen Begriffe für diese Entwicklungsstufe. Das Kind ist stark in der sittlichen Wahrnehmung und erfordert Beschäftigung mit den Dingen. Teile des Körpers, mit denen man Tätigkeiten ausführen kann, diese Tätigkeiten selbst, Dinge in der Schule und im Erfahrungskreis der Kinder, sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften, sich oft wiederholende Redensarten, wie nnx- OHN. ‘in. xh, yTP usw. sind die ersten Objekte, an denen die hebräische Sprachkraft entzündet und entwickelt werden muß. Es ist eine berechtigt aufzustellende Forderung, bei Erwerbung des Sprachschatzes in erster Linie Begriffe religiösen Inhaltes zu berücksichtigen und so zugleich religiöse Bildung zu erstreben. In der einseitigen und ausschließlichen Betonung dieser Forderung liegt die Gefahr der Auswahl abstrakter Begriffe, die für diese Sprachstufe als verfrüht abzulehnen sind. Die für den Religionsunterricht im Gesamtstundenplan zur Verfügung stehende Zeit läßt eine Ausdehnung dieser Übungen im Sinne eines neuhebräischcn Sprachunterrichtes nicht zu. Als letztes Ziel des schulmäßigen Unterrichtes schwebt uns die Erlernung der Sprache des Pentateuch und des Gebetbuches vor Augen. Ziel des hebräischen Unterrichtes im l. Schuljahr ist mehr sprachliche Schulung als religiöse Bildung, und zwar nicht nur in Hinsicht begrifflich formaler Kräfteentwicklung, sondern auch im Sinne von Aneignung eines Sprachschatzes zwecks Zugang zu dem in der hebräischen Sprache manifestierten religiösen Bildungsgute. Bei der praktischen Gestaltung dieser Übungen sind zwei Stufen zu beachten: das Verstehen und das Sprechen. Auf der ersten Stufe erfolgt der Erwerb innerer Wortvorstellungen, die erst dann, wenn die Zeit gekommen, die Sprechschwelle überschreiten und zur lautlichen Darstellung drängen. Demnach zuerst Verstehübungen in der Art von Erteilung von Befehlen, deren Ausführung den Kindern obliegt. Eine sehr willkommene Sammlung solcher Übungen findet sich in der Fibel I. Teil von Rosenfelder im Anhang. Diese Übungen sind inhaltlich im heimatkundlichen Anschauungsunterricht vorbereitet, tragen mehr spielenden Charakter, bieten Gelegenheit in den Religionsstunden eine stattliche Anzahl hebräischer Sätze sprachlich zu erarbeiten. Es gelingt durch diese Übungen die unwillkürliche Aufmerksamkeit in höchstem Grade zu erregen. Die auf diese Art lehrkunstgerechte Auswertung des Bewegungsiriebes hält die kleine Schar arbeitsfähig, erleichtert die Schulzucht im Anfangsunterricht, insbesondere wenn bei der Gestaltung dieser Übungen der Humor des Lehrers das Freudebedürfnis der Kinder zu befriedigen versteht. Schon in den ersten Stunden melden sich die sprachlich stark Begabten zur selbständigen Befehlserteilung und bald gesellen sich auch die Minderbegabten ihnen zu. Die Selbsttätigkeit des Einzelnen und der ganzen Klasse wird in erhöhtem Maße in Anspruch genommen, jedes Wort wird lustbetont erfaßt und direkt, also nicht erst durch das deutsche Wort, mit dem Gegenstand bzw. mit der betreffenden Tätigkeit assoziiert und so zum unverlierbaren Eigentum. Aus diesen Verstehübungen wurden hierdurch bereits Sprechübungen, die nun erweitert werden durch die sprachliche Darstellung der auögeführten Befehle. Die einfachen Redewendungen bilden den Stoff zu allen weiteren Sprechübungen durch fortgesetztes Hinzufügen neuer Substantiv» und Verba. Von den letzteren verdienen die AktionSverba wie -j^n “I^D -HPS usw. vor jenen, die einen abstrakteren Inhalt haben, den Vorzug. Im Wesen der vorzunehmenden Übungen liegt eS begründet, daß 'ns und tjun als die ersten Formen des Verbs dem Kinde geläufig werden. ES ist falsch in jener Periode der seelischen Entwicklung, in der daS Kind am Gegenwärtigen haftet, mit Rücksicht auf den zukünftigen Pentateuchunterricht den su gebrauchen. An einem Beispiel möge veranschaulicht werden, wie sich eine solche Sprechübung im Laufe des Jahres gestaltet: > nh'in hx. '-h .n^in hx “p rrrn >hx “ton ’Jx rpnn px n:?m Ox . nV“v iyjn rPnn hx n-7i7! myjn Hierzu kommen noch Plural, Maskulinum und Femininum, ebenso der 121? usf. Alle Sätze werden gewonnen aus lebendiger Anschauung und so sprachinhaltlich ausgenommen. An der klaren, lautreinen und deutlichen Aussprache des Lehrers bildet sich eine solche des Kindes. Keine Regel über die Betonung, keine des Sch'wa, sondern das Sprachgefühl wird bei diesen Kindern in Zukunft die richtige Aussprache bewirken. In gemischten Klaffen dürfte sogar die gleichzeitige Einführung von Singular und Plural, Maskulinum und Femininum sich empfehlen. Durch konsequente Fortsetzung und Erweiterung wird ein Mehrfaches erreicht. 1. In der kindlichen Psyche bildet sich ein gesondertes EinstellungSzentrum für die hebräische Sprache. 2. Das Kind erhält einen festen konkreten Wortschatz, der nunmehr als Apperzeptionshintergrund wirkt, die Aufnahme und das Behalten neuer Worte wesentlich erleichtert. 3. Das sich bildende Sprachgefühl und die hrrvorgerufene Sprachkraft bringen die erworbenen Sprachelemente in Assoziationen, die, durch äußere Anregung gereizt, über die Sprachschwelle treten und lautlich reproduziert werden. Anordnung häuslicher Übungen ist noch nicht möglich, aber auch nicht notwendig. Das Kind nützt die spontan in ihm wirkenden Kenntnisse und Fertigkeiten in seinen häuslichen Spielen aus. Ellern und Geschwister sind die Schüler, der kleine Abcschütz der Lehrer. Mädchen gebrauchen häufig beim Umgang mit ihren Puppen die hebräische Ausdrucksweise. Die erste Voraussetzung für das Lesenlernen ist erfüllt. Das Kind verfügt über einen lebendigen Sprachschatz von etwa 100 Wörtern, die es, gestützt durch das gleichzeitig erworbene Sprachgefühl, zum Gedankenausdruck verwenden kann. Verständnis- und inhaltvolles Lesen ist grundgelegt. Inzwischen haben auch die Kinder im Deutschlesen gute Fortschritte gemacht. Eine Anzahl Laute und deren Buchstaben, die Technik des Lautierens und Zusammenlesens sind angeeignet. DaS Problem des Lesenlernens gestaltet sich jetzt einfach. Das nächste Ziel ist nun die Aneignung der den im Deutschunterricht in guter Artikulation angeeigneten Lauten entsprechenden graphischen Darstellung der-hebräischen Buchstaben. Die einzige Arbeit, die hierbei geleistet werden muß, ist die mechanische Assoziation von Laut- und Schriftelement, die selbst von den Schwachbegabten mühelos bewältigt wird. Als Hilfsmittel hierzu bieten sich Lesekasten und Heft; letzteres zum Einprägen der Buchstabenformen; ersterer zum Zusammensetzen der Wörter. Gerade der Lesekasten ist ein typisches Handwerkzeug für das Lesenlernen im Sinne des