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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-04-15 · 8 (15.4.1930) · p. Seite 104

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
8 (15.4.1930)
Article
Das Gebet um Tau
Date
1930-04-15
Page
Seite 104 (sequence 3)
Language
German
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Nr . 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 119 Kraft der eigenen Darstellung. Elia, das Volk und der Knabe. Der Knabe erkrankt, damit Elia seelisch reift und das Land nicht verschmachtet. Der Sieg der Liebe, das Bild des Taus. Um diese Erzählung hat Kalir den schönsten Piut unseres Talgebetes gewunden, das tachas elath opher, das in manchen Gemeinden mit vollem Recht der Rezitation des Vorbeters Vorbehalten bleibt. Auferstehung, Wiedergeburt durch die Kraft der Liebe ist das Thema unseres Festes, der Inhalt des Talgebetes; darum spricht dieses Gebet noch heute mit unvermindeter Kraft zu uns, wenn auch der irdische Segen des Taus uns entrückt erscheint. Klingt es doch aus in die hohe Hoffnung, den unerschütterlichen Glauben an den neuen Frühling der Menschheit, an die Wiedergeburt unseres Volkes, an das Wiedererblühen im Lande des Taus. „Aus dem Schoß der Morgenröte fließt der Tau Deiner Iugend" (Ps. 110, Z). vie vessackhaggadah als Lernduck Von Dr. Ernst S i Über Sederabend und Pessachhaggadah haben in den letzten Wochen die Herren Rabbiner Dr. Baerwald und Dr. Finkelscherer sowie Professor Kirschner und Theo Harburger die grundlegende Einführung innerhalb der Lehrkurse der Kultusgemeinde München gegeben. Dazu im folgenden eine willkommene Ergänzung! Wir wollen heute von einer Funktion der Pessachhaggadah reden, die vielleicht nicht immer genügend gewürdigt wird: von der Verbindung, die sie zwischen den gelehrten, talmudkundigen Schichten des Volkes und der jüdisch weniger gebildeten Masse gestiftet hat. Sie ist nämlich auch darin ein rechtes „Volksbuch", daß sie die geistigen Güter einer schöpferischen Oberschicht bis in das entfernteste jüdische Haus trägt. So betrachtet, könnte sie auch heute, in der Renaissance jüdischen Bewußtseins und Wissens, wieder eine ganz neue Lebendigkeit bekommen, die ihren spezifisch religiösen Gemüts¬ und Traditionswerten ergänzend und helfend zur Seite träte. Die folgenden Bemerkungen sollen nur andeutungsweise Fingerzeige für eine derartige Behandlung der Haggadah geben. Schon die Formeln, die am Rüsttage des Festes beim Verbrennen des Gesäuerten gesprochen werden, eröffnen ein Problem, das sich dann zu Beginn des Seders selbst bei den Worten: „Dies ist das Brot des Elends..." fortsetzt: das Problem des Aramäischen im jüdischen Kult. Die eben erwähnten Stücke sind ja bekanntlich nicht hebräisch, sondern aramäisch abgefaßt, das zur Zeit des Cyrus, also im fünften Jahrhundert v. Ehr., die diplomatische Sprache des Orients war, dem Französischen im achtzehnten Jahrhundert vergleichbar, und dann allmählich zur Volkssprache der Juden wurde, so daß nur noch die Gelehrteren Hebräisch verstanden. Hier kann man nun den Einbruch des Aramäischen in die Bibel erörtern (Teile der Bücher Esra, Nehemia, Daniel, und ein Satz in Jeremia sowie zwei Worte in der Genesis), und die prinzipielle Bedeutung dieser Zweisprachigkeit unserer Heiligen Schrift Herausstellen. Man wird vielleicht dann die Bestimmungen aus dem Mischnatraktate „Meggilah" heranziehen, in denen festgelegt wird, welche Gebetsstücke nur in hebräischer, welche auch in anderen Sprachen gesagt werden dürfen, was wiederum einen Ausblick auf die Kämpfe der Reform im neunzehnten Jahrhundert eröffnet. Diese ganze Entwicklung führte jedenfalls zu der etwas paradoxen Situation, daß die einstmals volkstümlichsten Gebets- und Lernstücke, wie das Kaddifch und die Mehrzahl der talmudischen Aggadoth, heute verhältnismäßig am schwersten zu verstehen sind. Will man sich bei den oben erwähnten Formeln noch tiefer aufhalten, so kann man das Wesen der talmudischen Formel überhaupt entwickeln, die zwar durch ein abstraktes Rechtsprinzip Tatsachen — in diesem Falle den Sauerteig — gleichsam aus der Welt schaffen kann, aber erst, nachdem alles Erdenkliche versucht worden ist, sie realiter aus der Welt zu schaffen. Die „Mah nischttannah"-Frage macht den Diskufsionscharakter der jüdischen mündlichen Lehre leibhaft und fordert Erörterungen heraus, die die Herkunft der talmudischen Dialektik aus dem wirklichen Dialog zeigen, während das folgende Stück: „Sklaven waren wir dem Pharao in Ägypten", eine geschichtsphilosophische Rechtfertigung des Wahrheitsgehaltes unseres biblischen Berichtes zuläßt: während die meisten anderen Völker sich in ihrem Geschichtsmythos eine heroische Vergangenheit zuschreiben, bekennen wir unsere geringen Anfänge, aus denen uns Gottes Gnade emporgeführt hat. Eine bald folgende Stelle der Haggadah: „Von Anfang an waren unsere Väter Götzendiener...", erweitert dieses Bekenntnis sogar auf Israels eigentlichstes Lebensgebiet: auf den Glauben. Diese zweimalige Betonung des Entwicklungsprinzips darf allerdings weltanschaulich non (Jerusalem) nicht schrankenlos ausgewertet werden, da beide Stellen von dem Zustande vor der großen Revolution in unserem Leben, vor der Offenbarung der Thora, handeln. Aber zwischen ihnen liegt noch so manches, das der Behandlung in unserem Sinne fähig ist. Die Erzählung von Rabbi Elieser und seinen vier Genossen in Bne-Brak führt uns mitten in das mischnaitische Zeitalter zu Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts und gibt Gelegenheit, in den fünf rabbinifchen Persönlichkeiten die verschiedensten Typen kennenzulernen: Reiche und Arme, Handwerker und Priester, die alle dem gleichen geistigen Ideal dienen. Auch ihre historische Situation wird nun zu erörtern sein: sie war von der Auseinandersetzung mit den Judenchristen beherrscht, und so erklärt sich die an späterer Stelle der Haggadah auftretende Betonung, daß Gott sein Volk „in eigener Ehre und Selbscheit", nicht aber „durch einen Boten, nicht aber durch einen Engel, nicht aber durch einen Seraph" erlöst habe. Der nun folgende Teil macht zu seinem Verständnis und zum Verständnis vieler anderer Abschnitte der Haggadah eine genauere Darlegung dessen nötig, was wir Hermeneutik, talmudifch-midraschische Schriftdeutung nennen. Da ist zuerst als Voraussetzung festzustellen, daß im heiligen Text der Thora kein überflüssiges Wort stehen darf und also jede scheinbar rein rhetorische Wendung, die für den Zusammenhang nicht unbedingt nötig wäre, einen besonderen, nicht ohne weiteres ersichtlichen und durch Deutung zu interpretierenden Sinn haben muß. Man wird von diesem Prinzip her die nun folgenden Teile der Haggadah leicht auch im einzelnen erklären können, braucht freilich nicht zu verschweigen, daß wir hier ein literarisches Produkt aus der Schicke des Rabbi Akiba vor uns haben, der ja auch unter den Weisen von Bne-Brak erwähnt wird, daß aber sein Zeitgenosse Rabbi Jischmael nicht, wie er, „Gesetzesbestimmungen an jedes Krönchen (der Thorabuchstaben) hing, sondern vielmehr den entgegengesetzten Grundsatz aufstellte: „Die Thora spricht gleichsam in menschlicher Sprache", d. h.: auch sie gebraucht gelegentlich überflüssige Worte und darf daher nicht in allen Einzelheiten so intensiv gedeutet werden. Das beide Gegner überwölbende und vereinigende Prinzip bleibt freilich das der Kontinuität der mündlichen Lehre, für die gerade Rabbi Jischmael, nach Hillels Vorgang, dreizehn hermeneutische Regeln aufstellte, die in logischen Kategorien die Ableitung des Gesetzes aus dem Schriftvers sicherzustellen suchen. Die Haggadah zeigt uns aber noch mannigfache andere Deutungsweisen. Das rätselhafte „Whi....", „Und sie ist es, die unseren Vätern beistand...", wird beinah immer als Akrostichon der vier Buchstaben des hebräischen Wortes „Whi" (und sie) erklärt, von denen der erste, „Waw", den Zahlenwert 6 hat und die 6 Ordnungen der Mischna andeutet, der zweite, „He", die 5 Bücher Moses, der dritte „Jud" die zehn Gebote, und der vierte, „Alef", den Einen Gott. Diese Deutungsmethode ist besonders für das kabbalistische Schrifttum von größter Fruchtbarkeit geworden und hat, unter dem Namen „Gematria" (Geometrie, eigentlich: Arithmetik), eine höchst merkwürdige Zahlen- und Buchstäb enmystik hervorgebracht.* In diesem Zusammenhänge wäre vielleicht auf die pythagoräischen Vorläufer solcher Gedanken zu verweisen, sowie etwa auf den Thorakommentar des „Baal Haturim", des Verfassers eines Ritualkodexes „Die Vier Turim" (Reihen) (aus dessen Kommentierung Rabbi Joseph Karo die Grundlagen zu seinem berühmten „Schulchan Aruch" gewann). Dieser Thorakommentar sammelt nämlich „Gematrioth" und stellt 1 Über diese Erscheinung unterrichtet jetzt am zuverlässigsten: Dornseiff, Das Alphabet in Mystik und Magie (1922), des. S. 133ff. über Gematria, Notarikon, Kabbala (Anm. der Schriftleitung).

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