Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 8 (15.4.1930)
- Article
- Das Gebet um Tau
- Date
- 1930-04-15
- Page
- Seite 103 (sequence 2)
- Language
- German
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118 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Schon der Bibel ist das Bild des Taus als Zeichen des Wiedererstehens, der Lebenserweckung, des ewigen Iungborns der Schöpfung, der Liebe, Milde und Reinheit geläufig. Wir müssen uns immer vor Augen halten: der Tau ist eins der bestimmenden Naturerlebnisse jener Landschaft. Wenn tropische Hochsommerglut vom ewig-blauen Himmel ungehemmt herniederbrennt, wenn vom Osten her der trockene Steppenwind leis und sengend über die Felder streicht, als wollten die sengenden Arme des Wüftentodes auch diesen kleinen Küstenstrich in vernichtender Umschlingung fassen, dann ergreift beklemmende Mattigkeit die schmachtende Kreatur, die aufatmend die schützenden Schatten der Nacht begrüßt — doch am Morgen, wenn der linde Westwind vom Meer, der Zephir, den befruchtenden Segen des Taus schwer über die Landschaft bettete, ein Wunder der Wandlung: helles „tauftischeö" Grünen und Sprießen, Blühen und Prangen „herrlich wie am ersten Tag"; man erlebt Tag für Tag die Wirklichkeit einer Wiedergeburt, Erquickung, Verjüngung, Auferstehung, die ewige Jugend und Heilkraft der Natur. So wird es verständlich, wenndie Bibel, wenn das ganze hebräische Schrifttum immer wieder das Bild vom Tau abwandelt, das Bild von seiner lebenerweckenden, heilenden, verjüngenden Macht. Aus der Fülle der möglichen Belege nur die ergreifende Schlußpredigt des Hosea, des Propheten, der die zartesten Bilder der Liebe zwischen Gott und Israel schuf, die Worte von der alles versöhnenden Macht der Teschuwoh, von dem Wiederfinden zu Gott in bräutlicher Liebe: „Ich will wie der Tau für Israel sein; es wird aufblühen die Anemone und ausbreiten wird es seine Wurzeln wie der Libanon" (Hos. 14,6), oder das Wort von Micha (5,6): „Und es wird sein der Überrest Jakobs inmitten vieler Völker wie der Tau von dem Herrn" (ein beglückendereS Bild für die geistweckende Mission unseres Volkes kenne ich nicht), oder wenn Mose sein Abschiedslied mit den Worten beginnt: „Es träufle wie Tau meine Rede" (5. B. M. 32, 2). In der Symbolik des Talmud aber wird der Tau das Korrelat, z.T. auch das Werkzeug der Auferstehung: xhx c«n D'nön -,'8 „Die Toten werden nur durch die Kraft des Taues zum Leben erweckt," heißt es in jer. Taan. 63 in Erklärung des IesajaverseS (26, 19). Leben mögendeineToten, . . . . Wachet, jubelt Staubbewohner, denn dein Tau ist ein Tau der Lichtkräfte" (f. a. Chag. 12b). Hier haben wir nun die innere dogmatische Beziehung zu unserem Pessachfest. Das Passah ist das Fest der Auferstehung und diese Lehre soll gerade in einer Zeit, da dieses Dogma von anderen Sekten (Sadduzäern) angegriffen wird, mit den Gebeten des Festes sichtbarlich und einprägsam verbunden werden, wie das auch durch den Prophetenabschnitt zum Sabb. Chol-hamoed, der Prophetie des Iecheskel von der Auferstehung Israels durch das Wort Gottes, geschieht. — Dies ist wohl ein Grund dafür, daß auch das Tal-Symbol immer stärker theologischen Charakter annimmt und auch das Tal-Gebet immer weiter ausgebaut wird. Hier könnte noch eine Reihe von Gründen erwähnt werden, so die Parallele zum „Geschem", die Symboldeutungen zum Manna- Tau, zu dem Gideonwunder, zu dem Omeropfer u. a.; diese kleine Skizze muß sich auf zwei Gesichtspunkte beschränken. * Bemerkung der Schristleitung: Das Hosfnungslied Hosea XIV, 2—10 ist das kostbarste Juwel des prophetischen Schrifttums und verdient sorgfältig nachgelesen zu werden. Die Änderung „wie die Pappel" rt3r6 — liwneh statt „gleich dem Libanon" •pjaV — lewonon, wie Duhm und Sellin „verbessern", ist unnötig. nDtPlCP ist nach Cant. 5,13 die rote Anemone. Zum rechten Verständnis der Beziehung dieses Gebetes zur Grundidee des Passah gehört aber mindestens noch die Deutung des Taus als Symbol der Liebe und Milde. Bringen die stürmischen Regengüsse neben der kostbaren Feuchtigkeit manche Gefahren für Boden und Ernte, mancherlei Störung für Reise und Verkehr, besonders zur Zeit des „Malkausch", der Tau kommt lind und leis, mild und gütig, wie das Mahnwort eines liebenden Vaters, wie die zarte Liebkosung des Freundes (s. Schir Haschirim). „Gleich dem Tau, der auf Gräser fällt, ist Sein Wohlwollen" (Prov. 19, 12). Gott naht sich Israel — so singt der Paitan — in herablassender Güte, „das Haupt umhüllt mit Tau", - das Manna, sonst ungenießbar, wird köstlicher Wohlgeschmack durch die LiebeSzutat des Taues — das Feuer der göttlichen Nähe wirft Israel nieder in der Stunde der Offenbarung, da gebietet der Heilige den Wolken der Ehre, daß sie lebenspendenden Tau niederträufeln auf die Schwachen, den milden „Tal" der Liebe (Mechilta, zitiert nach Ialkut Schoftim V). Der Gedanke von der Kraft der „Liebe" klingt durch unser ganzes Passahfeft, es ist ja die Brautzeit Israels, da es sich seinem Gotte angelobte, seinem Rufe folgte in Wüste und Einsamkeit. Die Pijutim des Pessach beherrscht das Hohelied, dies einzigartig heilige Werk, das poesieumwobene Erotik zum höchsten metaphysischen Gleichnis erhebt, bei glühendster Sinnenfreude von unnahbarer Reinheit, das Buch der heiligenden Liebe, in dem Poesie, Mystik und Metaphysik das innigste Bündnis schließen. Das Zeichen der Liebe aber ist wieder der „T a u". „Keine Wiedererweckung zum Leben, nur durch die Liebe," dieses Thema zieht sich durch das ganze Talgebet. Den ergreifendsten Ausdruck findet dieser Gedanke in der talmudischen Erzählung von Elia und dem Sohne der Witwe von Zorphat (Talm. jer. Berach). Die bekanntere Variation am Ende des babylonischen Sanhedrin entspricht nicht ganz der dichterischen Verarbeitung bei Kalir. In heiligem Zorn über die Ruchlosigkeit des Ahabs und den Abfall des Volkes hat Elia, der Prophet, den „Schlüssel für Tau und Regen" von dem Allmächtigen erbeten. Hungersnot soll Volk und König zur Besinnung bringen. Die Bitte wird gewährt. Elia wird von der Witwe zu Zorphat mit ihrem letzten Vorrat gespeist, er bringt als Lohn Segen in Krug und Korb. Aber der Sohn der Witwe stirbt. Elia will von dem letzten Mittel, der ihm für einmal von Gott gegebenen Macht über Leben und Tod, Gebrauch machen, aber — so die Erzählung des Midrasch — er kann es nicht, ihm fehlt die Liebe, es fehlt ja der Tau. Beschämt muß der Prophet die Rücknahme seiner ersten Bitte erflehen. Dem Lande wird wieder der Tau und der Knabe kann leben. So findet der Tamud den Zusammenhang der Erzählungen, das Motiv des Wunders im Plane Gottes und erklärt die auffällige Tatsache, daß wohl Tau und Regen versiegen, nachher aber nur vom Wiedereintritt des Regens nach drei Jahren berichtet wird. Wie war es mit dem Tau? Längst hatte — so antwortet der Talmud — des Propheten Gebet am Totenbette des Knaben den Tau dem Lande wieder beschert. Wenn man ein Buch schreiben wollte über „die Bibel im Bild der Aggadah (vom psychologisch-methodischen Gesichtspunkt), man könnte diese kleine Erzählung zum Paradigma nehmen. Sie enthält alle Elemente der aggadischen Bibelexegese: Das Streben nach gedanklicher Verbindung der historischen Berichte bei feinster Beobachtung in der Nuancierung der biblischen Darstellung, Ethisierung der geschichtlichen Erzählungen und Wunder, eine Ethisierung, die gar nicht — in schlechtem Sinne — didaktischzweckhaft wirkt, weil sie unbefangen, groß in der Anlage und schöpferisch, weil sie Gestaltung ist, und schließlich die dramatische