Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1930
- Issue
- 3 (15.3.1930)
- Article
- Der hebräische Unterricht im 1. Schuljahr
- Date
- 1930-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Mitteilungen des Indischen Lehrernereins für Sapem Schriftleitung: Max Adler, München 1930 München, 15. März Nr. 3 ver hebräische Unterricht im 1. Schuljahr Von Julius K i s s i n g e r. „Wir dürfen nicht alte erprobte Werte ganz außer acht lassen; Pflicht einer jeden Generation ist eS aber, mit den Erfahrungen der Alten ausgerüstet, verbessernd weiterzufchreiten." Dieses Motto fetzt der Verfasser einer ganz besonders eigenartigen Methode des SchreiblefeunterrichteS an die Spitze feines Werkes. Auch ich möchte meine Ausführungen über das obige Thema mit diesen Worten — sinngemäß übertragen - einleiten um damit ein Zweifaches zu bekunden: 1. Unsere Alten und dazu rechne ich nicht nur unsere Hochbetagien, sondern auch alle Jungen, die in der sogenannten Übersetzungsmethode das Mittel ersahen und noch ersehen, das hohe religiöse Bildungsgut, gefaßt in der hebräischen Sprache, einer nachwachsenden Generation zu vermitteln, haben mannigfache Erfahrungen, positiver und negativer Art, gesammelt und in Form von Vorträgen, Aufsätzen und Lehrbüchern der Öffentlichkeit übergeben. Wir sind unseren Alten dankbar für die wertvollen Ergebnisse der geleisteten Arbeit, mit deren nutzbringenden Verwertung meines Erachtens jede neuere Methode rechnen muß. 2. Ich möchte aber mit den obigen Worten auch Hinweisen auf die unbedingte Notwendigkeit einer steten Weiterarbeit auf dem Wege der Methodenverbefferung durch Inanspruchnahme aller Erkenntnisse, auf dem gerade in den letzten Jahrzehnten so furchtbare Gebiete der Psychologie des Kindes und in den Provinzen theoretischer und experimenteller Pädagogik. In diesem Streben nach einer solchen Methodenverbefferung mögen unsere Alten aber auch keinen Vorwurf gegen ihre bisherige Lehrweise oder gar gegen sich selbst erblicken, sondern das Ergebnis neuer Arbeit objektiv prüfend beurteilen. Je mächtiger die hemmenden Einflüsse äußerer und innerer Art ein befriedigendes Ergebnis im Religionsunterricht nicht aufkommen lassen, um so gebietender tritt die Forderung an die Träger desselben, durch neue Mittel und Wege bei Vermittlung der religiösen Worte, diese in unserer Jugend in erhöhtem Maße zu subjektivieren. Methode oder Lehrerpersönlichkeit; diese Gegenüberstellung verursachte einen Streit der Meinungen, der durch den Begründer der Persönlichkeitspädagogik Ernst Linde entschieden wurde und seine Lösung fand in der Formel: Methode und Lehrerpersönlichkeit, d. h. eine gute Methode in der Hand eines echten Lehrers bietet sichere Bürgschaft für erfolgreichen Unterricht. Auch heute noch gilt das Pestalozziwort: „Habt nur "Methode und ihr sollt es wundernehmen, was die Kinder an einem Tage lernen." Dem Streben nach Erreichung derselben gelten diese Ausführungen. Sie sind jedoch nicht das Produkt doktrinärer Überlegungen und grauer Theorien. Sie sind gerade das Gegenteil; nicht eine Nachprüfung der Brauchbarkeit einer theoretisch konstruierten Methode, sondern erwachsen aus unmittelbarer Erfahrung unter Berücksichtigung wesentlicher das Lehrverfahren bestimmender Gesichtspunkte. Wie in anderen Unterrichtsfächern, im Rechnen, in der Geschichte, so muß auch im hebräischen Unterricht die Methode wesentlich bestimmt werden: 1. durch die Eigenart des Unterrichtsstoffes; 2. durch die Eigenart dessen, der unterrichtet wird. Hierin liegt der Kernpunkt des Problems des gesamten hebräischen Unterrichtes, ganz besonders aber jenes des l. Schuljahres. Aus der richtigen Erkenntnis dieser Tatsachen ergibt sich eine Lehrweise, die von der bisherigen sich in vielen Punkten wesentlich unterscheidet. Hebräischer Unterricht war und ist an vielen Orten noch heute identisch mit dem Übersetzungsunterricht, in dessen Mittelpunkt das im Gebetbuch und Pentateuch manifestierte religiöse Bildungsgut steht. Im Wesen desselben gründet die Voraussetzung; Hebräisch Lesen. Erst dann, wenn die hebräischen Texte lautrein und fließend gelesen wurden, war es möglich, durch die assoziativen Geisteskräfte deutsches Wort mit dem entsprechenden Hebräischen zu verbinden. Von der Häufigkeit der ununterbrochenen Abfolge beider sprachlichen Ausdrücke war die Sicherheit und Geläufigkeit der Reproduktionen dieser Assoziationen bedingt. Mechanischer Lerndrill, Pauken, waren die Mittel zur Erreichung dieses Zieles, Schul- und Lernunwillen die geistigen Nebenprodukte. Erst nach einer Reihe von Jahren war es den lernenden Kindern möglich, unter Bezugnahme auf die in der deutschen Sprache herrschenden Sprachgesetze, auch einige hebräische Sprachregeln zu erfassen, mit deren systematischen Erfassung man sich zufrieden gab. Hebräisch Lesen war das Ziel des hebräischen Unterrichtes im I. Schuljahr, d. h. Lesen nur im Sinne von Erlernung der Buchstaben und deren Übertragung in die Laute, sowie Zusammenfügen dieser Laute zu inhaltslosen Lautkomplexen, die Wörter. Diese Kunst bedurfte aber auch der besonderen Methode und was lag näher, auf der Suche nach einer solchen, als Umschau zu halten nach einem ähnlichen Akte, um von dort aus sich Rat zu erholen. So hat man die jeweils vorherrschende Methode des Deutschlesens auch auf das hebräische Lesen übertragen. Die zahlreichen Fibeln der Vergangenheit und auch solche unserer jüngsten Gegenwart legen beredtes Zeugnis ab von einer mehr oder weniger geschickten Übertragung der Buchstabier-, Lautier-, Schreiblesemethode usw. Ja selbst die noch stark umstrittene Methode, die sich zu entscheiden hat für Antiqua oder Fraktur, für Schrift oder Druck als Ausgangspunkt für die Erlernung des Deutschlesens und Schreibens, sucht man auf das hebräische Lesenlernen zu übertragen. Demgegenüber muß behauptet werden: Eine sinngemäße Übertragung irgendeiner profanen Leselehrmethode auf das Hebräische ist unmöglich, ebenso unfruchtbar wie auch überflüssig. Eine Analyse des kindlichen Gedankenkreises zeigt uns deutlich, wie die Schulneulinge alle Voraussetzungen zum Lesen- und Schreibenlernen als wertvolle Anknüpfungspunkte und als Apperzeptionshintergrund mitbringen, sofern es der Lehrer nur versteht, kraft einer analytischen Beobachtungsfähigkeit sie zu erkennen und nutzbar zu machen. Die Forderung der bayerischen Lehrerordnung für das Erlernen des Lesens: „Von Anfang an sind die Kinder anzuhalten, hinter der Sprache ihren Inhalt zu suchen und Form und Inhalt miteinander zu verbinden", ist gegründet in der sechsjährigen reichen geistigen Entwicklung und in dem während dieser Zeit erworbenen umfangreichen Sprachschatz. Fähigkeit in der mündlichen Darstellung eigener Gedanken in kleinen, wenn auch noch nicht sprachrichtigen Sätzen, ein mehr oder weniger gut ausgebildetes Sprachgefühl und eine reine Lautartikulation sind in ihren Anfängen vorhanden und drängen durch die ihnen innewohnende Entelechie nach organischer Wachstumsförderung, unterstützt durch die emotionalen Antriebe der nach Bereicherung verlangenden Seele. Die graphische Darstellung der Laute ergibt sich aus dem Bedürfnis, Gedachtes und Gesprochenes zeichnerisch oder durch schriftliche Fixierung der Rede diese für die Dauer festzuhalten, so daß auch für die Erlernung der Schrift in den Erkenntnis- und Gefühlsregionen die nötigen Anknüpfungspunkte vorhanden sind. Von selbst drängt sich nun die Frage auf: Welche geistige Ausstattung bringt das Kind für das Hebräische mit? Die Antwort: Abgesehen von einigen Personen- und Festesnamen nichts Positives. Nicht selten aber bildet ein verdorbenes Sprachgefühl, anerzogen durch falsche Aussprache des unverstandenen Tisch-, Morgen- und Nachtgebetes eine lästige Hemmung beim Erlernen des hebräischen Lesens. Die mechanische Übertragung der anderen Leselehrmethoden hat es mit sich gebracht, daß die Kinder während des ganzen ersten Schuljahres inhaltslose Buchstaben, Silben, Wörter und Sätze lesen mußten, eine geist- und freudlose Übung der sprechmotorischen Kräfte, ohne jeglicke Hilfeleistung intellektueller und intuitiver Erfassungsmöglichkeit eines Wortbildes. Jedes Wort war ihm eine unverstandene Lauthäufung, ein „spanisches Dorf". Auf diese Weise wurde das leider allzuhäufige und in jeder Hinsicht zu verurteilende, andachtslose Gebet im ersten Schuljahr zwar unbewußt, aber um so sicherer grundgelegt. Wir Erwachsenen stehen oft vor einer fremdsprachlichen Inschrift, die wir gerne entziffern möchten. Nur mühsam gelingt es uns die bekannten Buchstaben zu Worten zu kombinieren und mit Hilfsmitteln verschiedener Art ihren Inhalt zu erschließen. Wir aber muteten und muten zum Teil heute noch unseren Sechsjährigen zu, eine inhaltlich völlia unverstandene Sprache „fließend" lesen zu lernen! Auch der technische Verlauf einer Leseftunde, in der doch immer nur einer las, war für die Schüler eine Arbeitsstunde — eine Arbeitsstunde nicht im Sinne der Forderung des Arbeitsunterrichtes, um so mehr eine solche, die für den Zögling eine physische und psychische Kraftanstrengung bedeutete, um gerade jene spontan hervorbrechenden in nutzbringender Weise zu verwertenden Triebe im Zaum zu halten. Die Übertragung einer anderen Lesemethode auf das Hebräische ist aber auch überflüssig. Lautgewinnung, Artikulation des Lautes, vor allem die Technik des Zusammenlesens zu Silben, Wörtern und Sätzen, Schreib- Vorübungen, sind für das Schreiblesen der Muttersprache die wesentlichsten Gesichtspunkte der Methode und von der gewissenhaften Durchführung