Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 6 (15.3.1930)
- Article
- Die deutschen Juden zum Aufbauwerk in Palästina
- Date
- 1930-03-15
- Page
- Seite 77 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 87 die Zweiheit von Judentum und Deutschtum, die in uns unauflösbar vereint sind, etwas Positives und unendlich Wertvolles ist, was durchaus der Pflege und Erhaltung bedarf, so unbequem jene Zweiheit von zahlreichen Juden empfunden werden mag. Die Fragestellung: Bist du Jude oder bist du Deutscher? ist falsch. Die Zugehörigkeit zu beiden Kreisen ist unsere Wirklichkeit. Wir gehören beiden großen Lebenskreisen an, und zwar nicht mit geteilten Herzen, nicht mit halbem Sein, sondern beiden Lebenskreisen ganz. Wir lasten uns weder das eine noch das andere rauben. In dieser Zweiheit Jude und Deutscher ist der neue Typus von Menschen enthalten, denen die Zukunft gehört. ES ist ein Typus von Menschen zweier Welten, einer Lebensform, die sich nicht eng abschließt, sondern weit aufgeschloffen ist für zwei große Lebenskreise und für zwei Kreise des geschichtlichen Werdens. Wir wollen, daß auch unsere Kinder in dieser Gesinnung heranwachsen. Daö Schaffen Franz Rosenzweigs, des eben verstorbenen bedeutenden repräsentativen Juden, ist nur verständlich aus dieser doppelten Lebensform. Der Titel eines seiner Hauptwerke „Zweiftromland" versinnbildlicht den Glauben, Bürger zweier Welten zu sein, den Glauben, daß wir unsere Kraft aus zwei gleichstarken Wurzeln ziehen, die beide gleich wesentlich für unser Dasein sind. Durch unser Leben und unser So-sein vereinen wir diese beiden Eigenschaften über alle Philosophie und über alles Begriffliche und Problematische hinweg. Das ist unsere Wirklichkeit. Die Mitwirkung an Palästina verstärkt diese Wirklichkeit. Das Judentum kann sich nur entfalten, vielleicht nur bestehen, wenn in den Gesichtskreis und in die Wirkungssphäre des einzelnen Palästina miteinbezogen wird. Dem Deutschsein wird dadurch nichts genommen, unser Deutschtum muß dadurch nicht in die zweite Linie gerückt werden. Die Einheit in dieser Doppelgeftalt ist unser wahres Leben. Elias Straus: Die Palästina-Wirklichkeit steht problemlos und tatsächlich vor uns. Palästina kann nicht werden, kann nicht sein, wenn nicht die gesamte Iudenheit hinter ihm steht mit ihrem moralischen Einfluß und mit ihrer ganzen Opferwilligkeit. Dr. Alfred Werner: Der Begriff „Nichtzionift" ist nicht einheitlich und keineswegs nur negativ. Wenn das Werk des Aufbaus den jüdischen Staat zum Ziele hätte, so würden der Mitwirkung an diesem Aufbauwerk erhebliche innere Schwierigkeiten entgegenftehen. Es geht aber darum, eine jüdische Heimstätte in Palästina zu errichten. Dabei ist ausdrücklich der Vorbehalt gemacht, daß die politische Stellung der Juden in keinem Land angetaftet werden soll. Das Deutschtum kann nicht geschädigt werden durch die Mitwirkung am Palästina-Aufbau. Das Schicksal der Juden wird nicht in Palästina entschieden, wie Goldmann meint, sondern nach wie vor in der ganzen Welt. In dieser Verflochtenheit mit der ganzen Welt liegt die jüdische Wirklichkeit. 3. Schlußbemerkung Die eindrucksvolle Kundgebung hat nun auch den Münchener Juden klar vor Augen geführt, worum es beim Streit um die Iewish Agency geht, nämlich um die Einsicht, daß nach dem Zerfall des östlichen Judentums, welches für die westeuropäischen Juden in den letzten Jahrhunderten das unerschöpfliche Lebensreservoir bildete und das auch ihr geistiges Bollwerk war, nur durch den Palästina-Gedanken ein neuer Stützpunkt geschaffen werden kann. Nicht ein moderner Auch-Nationalismus wie die anderen Nationalismen oder gar eine neue Staatengründung soll gefördert werden, sondern die arteigene Schöpfung eines geistigen und materiellen zentralen Sitzes. Nachum Goldmann, einer der Führer der Zionisten, ist in seinen neuromantischen Ausführungen über die neue jüdische „Wirklichkeit" der naheliegenden Gefahr erlegen, den Anspruch für die Wirklichkeit und die Geste für die Tat zu nehmen. Seine Unterschätzung des geistigen Judentums entspricht ganz der aNgenreinen, heute modischen neuromatttischen Sehweise. Goldmanns Theorie des Zionismus ist eine echte „Ideologie", nämlich ein künstlicher Ideenüberbau zur Rechtfertigung eines materiellen Zieles, ein im eigenen Sinn zurechtgelegtes Bild der Situation, aber kein wertfreies Gedankensystem. War es eine Unterschätzung des Publikums oder war es Vergeßlichkeit in der Hitze des Gefechts: Die alte mächtigste „Realität" des Judentums, das Religionsgesetz, die uralte jüdische Pflichtenlehre, die ehemalige stärkste Festung des jüdischen Daseins, sein „Portatives Vaterland" wurde von Goldmann mit keinem Wort erwähnt. Dieser wichtige Abend hat jedenfalls die Richtigkeit der folgenden drei Thesen erwiesen: Unlösbar ist die Verbindung der deutschen Juden mit der heimatlichen, der deutschen Kultur. Die Bewahrung des jüdischen Eigenwertes bedeutet keine Beeinträchtigung dieser Verbindung. Der jüdische Eigenwert aber bedarf heute der neuen Stütze des gemeinsamen Aufbauwerkes in Palästina, das keine zionistische partikulare Angelegenheit mehr ist. Auch für die Erkenntnis dieses Problems ist nichts schädlicher als eine oberflächliche Unterrichtung über die gegenseitigen „Ideologien" und als das unkritische Hinnehmen von Schlagworten, eine Haltung, die die Juden bei anderen politischen oder weltanschaulichen Gruppen so sehr verpönen. Wohl keine Partei der Welt vereinigt derartig verschiedene Weltanschauungen wie der Zionismus, angefangen von den religiösen Misrachisten bis zur sozialistischen Hitachduth, von den Hochkapitaliften Tel-Awiws und denen, die es werden möchten, bis zu den sozialistischen Siedlungen im Emek Pesreel. Gegen diese Zerklüftungen und die Doppelrechnung mit England und mit den Arabern ist die Zweiheit Deutschtum — Judentum kaum ein Problem. Der Zionismus hat auch einen chauvinistisch-fasziftischen Flügel mir der gleichen Intoleranz, Angriffslust, Ungeiftigkeit und Ausschließlichkeit, die von den bekannten nationalistischen Gruppen Westeuropas her geläufig sind. Die geistigen Elemente des Zionismus sind in der Brith-Schalom, im Friedensbund vereinigt. Sie treten restlos für eine jüdischarabische Gemeinschaft in Palästina ein. Ein zusammenhangloses Kulturzentrum wollen natürlich auch sie nicht. Sie erstreben eine lebendige, aber friedliche Volksgemeinschaft, die mit dem arabischen Volkskörper in vollendeter Gleichberechtigung lebt. Die deutschen Juden, die in erster Linie Deutsche sind und deutsch sein wollen, denken nicht daran, durch die Teilnahme an dem Aufbauwerk Zionisten oder Halbzionisten zu werden. Die Vertreter der beiden großen süddeutschen Gemeinden, Alfred Neumeyer und Otto Hirsch, haben am 27. Februar 1930 in München im Namen der Mehrheit der positiv fühlenden deutschen Juden gesprochen.