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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-03-15 · 6 (15.3.1930) · p. Seite 76

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
6 (15.3.1930)
Article
Die deutschen Juden zum Aufbauwerk in Palästina
Date
1930-03-15
Page
Seite 76 (sequence 2)
Language
German
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86 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 Beziehungen und eine enge Zusammenarbeit in der Verwaltung der jüdischen Angelegenheiten im Reiche verbinden. Meine Damen und Herren! Der Palästina-Gedanke, herausgenommen aus dem Streite der weltanschaulichen Meinungen, ist geeignet, die deutschen Juden zu vertrauensvoller Mitarbeit zu verbinden. Möge er auch in unserem Kreise wirksam werden, zu Ehren des jüdischen Namens! 2. Der weitere Verlauf des Abends Ansprachen von Nachmn Goldmann, Otto Hirsch, Eliaö Straus, Alfred Werner Dr. Nachum Goldmann, Berlin: Der Zusammenschluß von Zionisten und Nichtzioniften in der Iewish Agency im Jahre 1929 in Zürich mußte naturgemäß bei der verschiedenen Parteieinftellung der Mitglieder zu schweren, unvermeidbaren Belastungsproben führen. Man kann sagen, daß diese Probe bis heute gut bestanden worden ist. Besonders die letzten Ereignisse in Palästina haben nicht abkühlend auf die neuen Freunde gewirkt. Eines ist jedenfalls einwandfrei festgestellt worden: Die verschiedenen Weltanschauungen und Grundsätze der Parteien müssen auch in der Zusammenarbeit innerhalb der Iewish Ageney unangetastet bleiben. Zionisten und Nichtzionisten sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Die Zionisten bringen zu dieser einträchtigen Zusammenarbeit ihre gesamte Existenz, besonders das Ergebnis einer dreißigjährigen systematischen Erziehung ein. Für die Nichtzioniften ist das Aufbauwerk nur ein Teil ihrer Interessen und ihrer Arbeiten am Judentum. Die Differenzen sollen nicht verwischt werden. Man soll aber auch nicht an Stelle eines ausgesprochenen Zionismus einen gemäßigten Kompromißzionismus setzen. In der vielgestaltigen Armee von Juden, die heute an dem Aufbauwerk Mitarbeiten, dürfen die Zionisten strenger Observanz nicht fehlen. Palästina wird die Iudenfrage weder politisch noch ökonomisch lösen, aber es hat die jüdische Wirklichkeit geschaffen. Denn in der Diaspora haben jüdische Leistung und jüdischer Geist etwas Gespenstisches an sich und führen nur ein Winkeldasein. Das heutige Judentum unter den Völkern ist ein Trotzjudentum, das wir predigen, das wir begründen, das wir immer wieder einhämmern müssen, dem aber die selbstverständliche, ungebrochene, naive Realität des einfachen So-seins fehlt. Diese Realität ist mit dem Ghetto weggefallen. Die starke schöpferische Sonderexiftenz des Juden kann nach diesem Wegfall, vor allem nach Auflösung der östlichen Zentren, nur dann erhalten werden, wenn alle jüdischen Kräfte ohne Unterschied der Weltanschauung, ohne Rücksicht auf die politische und religiöse Richtung sich an dem Paläftinawerk beteiligen. Sonst wird das Judentum mitten auf. dem Markte europäischen Lebens, ungeschützt von den Mauern des Ghettos, rettungslos zerrieben. In Palästina wächst ein Judentum heran, das verwurzelt ist im Boden, das wieder eine echte, problemlose, jüdische Realität bedeutet. Dort in Palästina werden die Fundamente unserer Existenz erst gesichert. Selbst in Amerika, wo die Juden sich im Besitz aller politischen Rechte, des größten Ansehens und Reichtums befinden, gibt es diese „jüdische Realität" nicht. Auch das jüdische Leben dort hat etwas Vorübergehendes, Gespenstisches. Die besten Kenner bestätigen: das mächtige jüdische ökonomische Zentrum in Amerika wird zerfallen, weil es eben, jüdisch gesehen, irreal, nur eine Konjunktur, ein großartiger Moment ist. In den dürftigen Hütten der jüdischen Kolonien Palästinas dagegen ist „Realität". Diese Juden bleiben Juden, weil sie nichts anderes sein können. Im Aktiven, Positiven hat sich das Judentum in der Geschichte nicht als zähes Volk bewiesen; nur im Negativen, im Erdulden, in der Elastizität und in der Anpassung ist es ein noch nie dagewesenes Phänomen. Im Aufbauwerk Palästina bedarf es aber gerade der Zähigkeit, des langen Atems, nicht so sehr der Elastizität und der Anpassung. Nicht zur kulturellen, sittlichen, ökonomischen und politischen Lösung der Iudenfrage ist Palästina den Juden der ganzen Welt ohne Unterschied der Richtungen unentbehrlich, sondern zur Stütze der jüdischen Wirklichkeit, die seit dem Zerfall des Ostens immer labiler wird. In der Diaspora gibt es nur Gedankensyfteme, literarische Begründungen, Rechtfertigungen des jüdischen Daseins, aber kein gestaltetes Leben. Der neue starke Pfeiler des Judentums muß künftig das Aufbauwerk in Palästina sein. Ministerialrat Dr. Otto Hirsch, Stuttgart: Das Judentum ist heute von innen und außen schwerer gefährdet als je. Eine neue Stütze der Grundlagen des Gesamtjudentums muß künftig ohne Rücksicht auf die inneren jüdischen Verhältnisse das Aufbauwerk in Palästina bilden. Wem an der Erhaltung des Judentums überhaupt liegt, muß dieses neue Mittel der Konservierung und Entfaltung des Judentums unbedingt fordern und fördern. Auch für die deutschen nichtzionistischen Juden ist die Mitarbeit daran wesentlich. Wir haben in erster Linie als deutsche Juden ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit den Deutschen; uns eint die Schicksalsgemeinschaft mit unserem deutschen Mitbürger. Wir erwarten auch für unsere Kinder und für die Zukunft kein Schicksal außerhalb Deutschlands, sondern wir machen die innere Entwicklung des deutschen Volkes bewußt und gewollt mit, in inniger Verbindung mit dem Land und mit dem Volk, in dessen Mitte wir geboren sind und dem wir nicht nur verftandesmäßig angehören. Außerdem sind wir ganz und gar Juden. Das Iude-sein macht unser Wesen genau so aus wie das Deutschsein. Unser Judentum in Deutschland ist echtestes wirkliches Dasein, kein Winkeldasein und keine Irrealität. Der jüdischen Substanz des jüdischen und deutschen Lebens, das wir gleichzeitig führen, wird durch Palästina etwas Stützendes, Kräftigendes hinzugefügt. Wir glauben, daß F k> HAUS MÜNCHEN KARLSPLATZ 5 DER QUAL I. 7 Ä7SST0FFE N. 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