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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-03-01 · 5 (1.3.1930) · p. Seite 66

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
5 (1.3.1930)
Article
Franz Werfel und sein neues Werk
Date
1930-03-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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74 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 ElßClrolfl Columbia SCHRAMM Grummoplion kSliWM , usw. {^München Sleinway & Sons Ibacb Fenricb Tfiürmer _, Scbiedmayer Rosenstraße 51 vs«. epischer Art — faßt Werfel seine persönlichste Kraft wieder zusammen in einem großen, mehr als achthundertseitigen Roman: „Barbara oder die Frömmigkeit". Sehr deutlich trachtet hier der Dichter Werfel das Innerste und Reinste seines Wesens, seine religiöse Kraft, wieder zu dem gestaltenden Zentrum des Werkes zu machen, das Literatenhafte, Gewaltsame und Fabulierende in sich zu überwinden. Und in die Mitte des Werkes rückt da jenes Motiv von der alten Frau, der Bedienerin, deren gotthaltiges Wesen schon in seinen früheren Gedichten so ergriffenen Widerklang hatte. Der Held des Buches ist Ferdinand, eines Obersten Sohn. Im bodenlos luftigen Gebilde des österreichischen Staatsbeamtentums aufgewachsen und früh verwaist. Nichts hält ihn, der in Staatsinftituten - Kadettenanftalt erst und dann Priefterseminar — aufwächst, mit der Menschenwelt zusammen, als Barbara, seine alte Kinderfrau. Aber sie hält ihn auch mit der Gottheit, mit einem Sinn des Daseins zusammen. Nicht durch eine Lehre, denn diese alte Bäuerin ist weder bigott noch bekehrerisch, sondern nur durch das Beispiel ihres strebenden und hingegebenen, von gleichmäßiger Arbeit und Liebe erfüllten Lebens. Ferdinand ist keineswegs ein Genie, er ist kein Denker und kein Gottsucher des Bewußtseins, er ist ein still lebender, mit zartem Ernst nach innen gekehrter Mensch. Nur in seltenen großen Krisen überwältigt ihn eine innere Notwendigkeit des Handelns, reißt ihn zu irgendeinem entscheidenden Ausbruch hin. Aber immer ist es dann Barbara, die er jahrelang nicht sieht, von der er kaum hört, und die doch in seinem Innersten wohnt und ihm den rechten Weg weift. Ferdinand, der etwa 1890 geboren ist, macht seinen Weg durch Krieg und Revolution; er erlebt den typischen Roman des jungen Mannes dieser Generation, wie er schon mehrfach geschrieben wurde. Gewiß kaum besser, kaum geistreicher als hier von Werfel. Trotzdem sind diese langen Mittelsätze des Buches mehr seine Schwache als seine Stärke. Denn es ist doch wieder viel literatenhaste Selbstgefälligkeit in dem Geist, der sich in der Schilderung dieser Szenen ausbreitet und sich so ausgiebig zürnend (zuweilen sogar in sehr persönlich erkennbarer Karikatur) gegen das Literatentum wendet. Der eigentliche Lebenspunkt, die religiöse Geborgenheit Ferdinands in Barbara gerät da auf lange Strecken in Vergessenheit, und erst mit der Rückkehr zu ihr gewinnt Werfels Werk wieder mehr als literarische — dichterische Kraft. Freilich interessiert uns von diesen mehr literarischen Ausflügen Werfels, daß sie vielfältig seine Stellungnahme — nicht eigentlich zum Judentum, aber zubestimmten jüdischen Typen der geistigen Gegenwart darftellen. Da ist Alfred Engländer, der Sohn aus reichem jüdischem Hause, der fast Ferdinands einziger Freund ist Der ver hilft ihm zur Flucht aus dem Priefterseminar, läßt ihn Mediziner werden. Dabei ist Engländer aber selbst in seinem mystischen Glauben leidenschaftlich katholisch! Von seinem Judentum will er sich aber doch nicht trennen. Und als der Krieg den zum Soldaten vollkommen Unfähigen zermürbt hat, wird die Spannung in dem reichen Geist dieses armen Menschen zur vollkommenen Überspannung: er proklamiert sich als „Bischof aller Christus-gläubigen Juden" und geht im Wahnsinn zugrunde. - Da ist Ronald Weiß, der überaus geschickte und witzige, warmherzige, aber von der eigenen Eitelkeit ständig verführte Journalist, der im Rausch der Revolution ein wenig den sozialistischen Führer spielt. Und da ist Elkan, der russische Emissär, der gar nicht spielt, sondern mit einer gefühllos kalten, hochmütigen Sachlichkeit die Revolution nach russischem Muster in Wien durchzusetzen sucht. Gegen dessen kaltherzige Bereitschaft zum Blutvergießen richtet sich einer von Ferdinands großen Ausbrüchen. Ein wilder Aufschrei, mit dem er die revolutionäre Phrase, in deren Bann er schon geraten war, von sich abschüttelt. Man sieht: es sind nicht eben günstige und nicht eben hoffnungsvolle Bilder jüdischer Geistigkeit, die Werfel in diesen literarischen Kapiteln zeichnet. Und obwohl sie im einzelnen nicht der Wahrheit entbehren, dürfte man sie als Ganzes doch als unwahr oder ungerecht dem Judentum der Zeit gegenüber empfinden — wenn nicht über ihnen allen Werfel selbst stände, der ja auch Jude ist und der als Dichter die wahrhaft schöne Gestalt des Ferdinand zu schaffen vermochte, der von Barbara, der Mutter seiner Seele, zu einer phrasenlosen, hingebungsvollen und reinen Frömmigkeit geführt wird. Am Ende dieses Buches steht Ferdinand, der Schiffsarzt geworden ist, am Rand des Dampfers über dem Meere, und seine Seele schwingt sich auf in einen Dankhymnus zu der Gottheit, die er in diesem Augenblick erlebt: „Siehe, so stehe ich da, weine unter Deinem Blick und starre auf das Meer hinaus wie ein Trunkener. Und wie ein Trunkener weiß ich, daß dieses Meer gar kein Meer ist, und hier gar kein Schiff, und daß ich gar nicht ich bin, sondern ein ganz anderer, den ich nicht verstehe, wie ich Dich, Dich, oh so herrlich, nicht verstehe!" Aus diesen Worten spricht die wiedergewonnene reine und große Kraft des Dichters Werfel, und der Laut, den man da vernimmt, ist sicher, wie anders auch die Sprache erklingen mag, ein Wort der uralten jüdischen Frömmigkeit. ADLER A D L E R W E R K E f ra‘n k?u St aiTmain Filiale München, Augustenstr. 40, T. 50206/07 Automobile / Fahrräder / Schreibmaschinen

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