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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-02-01 · 3 (1.2.1930) · p. Seite 43

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
3 (1.2.1930)
Article
Von jüdischen Büchern
Date
1930-02-01
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 43 kaner fühlte. Sie steht am Schluß einer Geschlechterkette, die von den Westprovinzen Rußlands ausging, durch Aufenthalt in Deutschland sich die Anschauungen der Cmanzipationsepoche zu eigen machte und die dann mit neuen Hoffnungen in das „Gelobte Land" des neunzehnten Jahrhunderts, Amerika, fuhr. Die heute lebende amerikanische Jugend muß erkennen, daß der Traum der Väter nicht in Erfüllung gegangen ist, daß selbst in dem neuen Erdteil die alte Trennung der Menschen nach ihrer Abstammung nicht aufgehört hat, daß es von Wichtigkeit ist, ob man Nachfahr der „Pilgrimfathers" ist oder ob statt der „Mayflower" ein Auswandererschiff der achtziger oder neunziger Jahre die Ahnen ins Land gebracht. Die jungen Juden reagieren verschieden auf diese neue Erkenntnis: Assimilation in der üblichen Form, Hingabe an das Ideal der sozialistischen Wegräumung aller Vorurteile und Mischehe. Zum Schlüsse kehrt in dem Roman von Lewisohn der Enkel zurück in die Welt des Ahnherrn. Durch eine seelisch vertiefte Schilderung der Entwicklung eines jungen Arztes hat sich Lewisohn auch mit diesem Roman als bester Zeichner des heutigen amerikanischen Lebens erwiesen. So spielt auch die Psycho-Analyse als wissenschaftliche Forschungsmethode und der Kampf um ihre Anerkennung an den von Vorurteilen gesättigten Universitäten der U. S. A. eine bedeutende Rolle. Gustav Meyrink hat durch seine gute Übersetzung dem Werk den besten Dienst erwiesen. Auf Lewisons „Erbe im Blut" kommen wir in einem besonderen Aufsatz noch zurück. Konnte den Werken Asch's und Lewisohns eine geistige Bedeutung zugemefsen werden, die den durchschnittlichen Gehalt der Romandichtung übersteigt und sie den besten Gesellschafts- und Entwicklungsschilderungen der Welt zugesellt, so kann der Roman „Der Jakobsbrunnen (Agar die Tänzerin)" von Pierre Benoit6 7 8 nur zur allgemeinen Unterhaltungsliteratur gerechnet werden. Die flüssig erzählte Handlung spielt in den Kreisen der levantinischen und Pariser Halbwelt, die Verbindung mit Judentum und dem modernen Palästina ist willkürlich, so daß die vom Verleger und Übersetzer gewählte Bezeichnung des Romans als „zionistisch" unzutreffend und effekthascherisch ist. Das Wissen Venoits. der fein heimatliches Milieu wohl beherrschen mag, über das wirkliche Leben in Erez Israel ist so ungenügend, daß dem Leser, der nicht bessere Kenntnisse hierüber besitzt, nur ein Zerrbild übermittelt wird. Die Übersetzung Marcel Golle's ist nicht geeignet, ein Bild von der gerühmten Sprachkunst des Verfassers zu geben. Der Heine-Bund, die jüdische Buchgemeinde unter der Leitung des Herrn Dr. A h r o n C l i a s b e r g, hat es in den fast drei Jahren ihres Bestehens verstanden, nicht allein bereits einen erfreulich großen Kreis jüdischer Buchfreunde zu sammeln, sondern einen Weg zu finden, den Wünschen einer solchen, auf hohem Niveau stehenden Gemeinschaft gerecht zu werden. Neben der Unterhaltungslitevatur von erfreulicher Qualität bietet er auch den tiefer Schürfenden und jedem, der Belehrung in angenehmer Form finden will, passende Anregung. Dazu ist neben vereinzelten Erscheinungen, wie das in dieser Zeitung bereits besprochene Buch von Marcus Ehrenpreis: „Das Land zwischen Orient und Okzident", vor allem die Folge der Untersuchungen literarisch-soziologischer Art zu rechnen, die über das Wirken der Juden auf dem allgemeinen Kulturgebiete wichtige Aufklärung und Anregung übermittelt. Es fei an ältere Werke dieser Art kurz erinnert: „„Juden in der deut- Pierre Benoit, Der Jakobsbrunnen. Roman. Berechtigte Übertragung von Marcel Solls. Im Selbstverlag des Übersetzers, Territet- Montreux. 1929. RM. 4.80. schen Literatur", „Juden auf der deutschen Bühne" und „Die Juden in der Kunst", denen sich jetzt ein neues zugesellt: Rudolf Schay behandelt ein wichtiges Problem, wenn nicht das wichtigste, in seiner meisterhaften Darstellung „Juden in der deutschen Politik"? Deutschlands Weg seit 1815 wird an dieser Reihe bedeutender Köpfe von Marx bis' Rathenau aufgezeigt. Der stets aktive und deshalb stets auf der Seite des „Fortschritts" stehende jüdische Geist hat bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle gespielt. Dies aufgezeigt zu haben, ist das Verdienst S ch a y s, der damit auch der praktischen Politik Wege weist. Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Moses Heß, Johann Jacoby, Gabriel Rießer, Friedrich Julius Stahl, Eduard Laster, Ludwig Bamberger, Eduard Bernstein, Ludwig Frank, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner, Hugo Preuß, Theodor Wolfs, Georg Bernhard und Walther Rathenau ziehen in prägnant gehaltenen Schilderungen vorüber. Da naturgemäß den sonstigen führenden Gestalten der behandelten Epochen genügend Augenmerk geschenkt wird, ist dies nicht zu umfangreiche Buch zu einem politischen Leitfaden durch hundert Jahre deutscher und europäischer Geschichte geworden. In anderer Weise befaßt sich Opatoschu in seinem Roman „Der Ausstand"7 mit einem geschichtlichen Ereignis des neunzehnten Jahrhunderts: der polnischen Erhebung des Jahres 1863. In dem hier bereits angezeigten „letzten W a l d j u d e n" (vergl. „Bayer. Jsr. Gem.-Ztg.", 1929, Nr. 5) ist der Weg des jungen Mordechai vom behüteten Sohn schlichter Juden durch den bereits entartenden Chassidismus hindurch in die Weite der Welt gezeichnet. Höhe und Ende dieser Entwicklung bietet der Verfasser in dem nicht minder spannend geschriebenen neuen Roman. Durch seine auf guter Kenntnis der historischen Ereignisse gegründete Darstellung verwebt er das Leben und Ende des Helden und seines Vaters mit dem Auftreten bedeutender Persönlichkeiten, wie Moses Heß. Dem Literaturfreund mag ein besonderer Reiz des Buches in dem Vergleiche stecken, wie hier der polnische Aufstand geschildert wird, und welches Bild von ihm Gustav Freytag in seinem „Soll und Haben" entwirft. Die von Siegfried Schmitz besorgte Übersetzung läßt nirgends fühlen, daß es sich um eine Übertragung handelt. Eine ironische Note ist der Grundton des Romans „Niccolo- P e c c a v i oder Weltgeschichte in Carpentras", mit dem Armand Lunel8 das besondere Judenproblem Frankreichs zur Zeit der Dreyfus-Affäre paraphrasiert. Mit dem Humor der Provenealen wird nicht allein die Kampfstellung der Juden, die durch die „Affäre" in einer einzigartigen Weise offenbar wurde, geschildert, durch die Enthüllung, daß der Führer der örtlichen Anü-Dreyfusards, der erzbischöfliche Schneider Niccolo-Peccavi, eigentlich der Nachkomme eines Täuflings und einer deutschen Jüdin ist, wird Gelegenheit genommen, das tragische Schwanken solcher Naturen darzustellen. Vollsaftig und lebensdurchpulst sind alle diese Gestasten gezeichnet. Die Übersetzung durch Lina Frender ist leicht und flüssig. Auch in diesen letzten Erzeugnissen, die der H e i n e - B u n d seinen Freunden bietet, tat er einen gillen Griff. Durch die glückliche Vereinigung von guter, unterhaltsamer Lektüre und ernsthaftere Anregungen bietenden Untersuchungen kommt er den Bestrebungen wei- 6 Rudolf Schay. Juden in der deutschen Politik. Mit 16 Bildnissen aus Tafeln. Welt-Verlag, Berlin 1929. Gebd. RM. 7.—!. 7 Opatoschu: Der Aufstand. Ein Roman. Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz. Welt-Verlag, Berlin, 1929. Gebd. RM. 5.—. 8 Armand Lunel, Niccolo-Peccavi oder Weltgeschichte in Carpentras. Ein tragikomischer Roman. Aus dem Französischen von Lina Frender. Welt-Verlag, Berlin, 1929. Gebd. RM. 6.—. Wissen Me, was es heißt Inventur-Ausverkauf bei Rosa Klauber Aheatinerstraßetwn Montag, Sen SV. 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