Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 3 (1.2.1930)
- Article
- Joseph Roth
- Date
- 1930-02-01
- Page
- Seite 40 (sequence 2)
- Language
- German
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40 : Bayerxsche Israelitische Gemeinde; eitung ' ' Nr. L seine Weltgestaltung. RothS Verhältnis zu feinen Gestalten ist daS^ des ZeitkritrkerS und Soziologen. Erhat ^Mitleid mit der menschlichen Kreatur. Ader nicht das sentimentale Mitleid des. Weichherzigen, sondern das Tatkräftige des Unromantischen, Hartgewordenen, der den Ursachen cülen Übels auf den Grund gegangen ist, dessen Idealismus darin besteht, der Realität des Daseins illusionslos ins Auge zu sehen. . Andre Gide charakterisiert in seinen „Erinnerungen" einen Juden, dessen „Tage mit den mannigfachsten Gängen im Dienste Hilfsbedürftiger; mit Besuchen in den Häusern der Armen vergingen", wie folgt: „Dabei trieb ihn, vermute ich, weniger die Liebe zum menschlichen Einzelwesen, als eine idealistische Hingabe an die Menschheit im allgemeinen oder, noch abstrakter: das Prinzip der Gerechtigkeit. Er gab seiner Mildtätigkeit die Formen einest sozialen Pflicht; und bewährte sich damit doch wieder sehr als Jude-" Das könnte aufs Haar für Joseph Roth passen. Wenn er seinem Hauptwerk „Die Flucht ohne Ende", die er keinen Roman, sondern einen „Bericht" nennt, ein schriftstellerisches Credo vorausschickt: „Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert. Es handelt sich nicht mehr darum, zu .dichten'. Das Wichtigste ist das Beobachtete", so liegt darin ein gut Teil sozialer Verantwortung. Er würde als Mann der Tat wirken statt mit Büchern eindringlich zu einer Orientierung im gegenwärtigen Umschichtungsprozeß der Welt mahnen — wenn er nicht zufällig ein Dichter wäre. „Dichterische Reportage" — das ist der Generalnenner für Roths Kunst,' wobei der Begriff „dichterisch" wie „Reportage" eine gewandelte Bedeutung erfährt. Das sind Helden von Joseph Roth: best Kriegsinvalide, der sich von den anarchistischen Versammlungen seiner Leidensgenossen fernhält und schuldlos mit der Staatsautorität zusammenstößt, die Gäste des Hotels Savoy in der polnischen Großstadt, in der das gleichzeitige Eindringen bolschewistischer Sturmflut und müder Wefikultur! die Einwohner in gespenstischem Totentanz durcheinander wirbelt — Granowflys „Moskauer Jüdisches Akademisches Theater" schuf in der „Nacht auf dem alten Markt" Verwandtes; die Ostjuden, die von ihrer Heimat aufbrechen und in den Städten westlicher Zivilisation die gleichen Daseinskämpfe erleben; der österreichische Oberleutnant, der in Friedenszeiten ein Durchschnittsschicksal gehabt hätte, aber den abenteuerlichen Ereignissen eines Lebens, das durch russische Kriegsgefangenschaft, sibirische Verborgenheit, bolschewistische Revolutionökampf rheinische Kleinstadt, Pariser Gesellschaft führt, nicht gewachsen ist. Roths Orient, Roths Okzident ist nicht Gottes. Am ehesten noch haben die Juden der östlichen Gemeinden ein unmittelbares Verhältnis zu Gott — bevor sie auf die Wanderschaft in die Weltstädte Europas und Amerikas gehen. Und sein erfolgreicher Kaufmann von Berlin, Brandeis, der ahasverisch von der Stätte seines Aufstiegs aufbricht, angewidert von dem Modergeruch einer verfallenden Welt, die um ihre Morschheit nicht weiß. „Heiden" nennt der Kriegsinvalide Andreas Pum die Kameraden, die sschaußerhalb, der Gesellschaft stellen^ fein Himmel ist die Welt der Kriegsauszeichnungen/ Regierungsbr- . lsbrgungen, ordentlicher Äusweispapiere: als ihn der Zusammenstoß mit einem Straßenbahnschaffner um seine Leierkastenlizenz bringt, wird er selbst zum „Heiden". Für den amerikanischen Dollarkönig Henry Bloomfield wohnt Gott am Grabe des Vaters, das er alljährlich besucht: als die polnische Stadt von Bolschewisten bestürmt wird, nimmt er für immer von diesem Grabe Abschied. In der „Flucht ohne Ende" vollends ist das- Weltbild so unerbittlich, dast auch für ein Gott-Surrogat kern Platz mehr vorhanden ist. , Der Schreiber des Ich-Romans „Hotel Savoy" und der Schriftsteller, der Franz Tundas Flucht aus der Zeit aufzeichnete und den ahasverischen Wanderer in der kleinen Welt zwischen Rechts und Links gestaltete — in diesen beiden Schöpfungen ist am meisten Weite der Welt, weht am intensivsten der Atem, der Zeit - ist die gleiche dichterische Persönlichkeit, in deren Auge und Herz die Erschütterungen .der Zeit sich einschreiben, ist der unbestochene, unliterarische, unvoreingenommene Zeitgenosse Joseph Roth: Gabriel Dan, der aus dem Kriege heimgekehrt ist, sucht in der polnischen Stadt eine neue Existenz — und sein eigenes Schicksal verschwindet unter den Stürmen des Zeitgeschehens, die unerwartet über diese Stadt kommen. Roths Romane, Kapitel einer Zeitgeschichte der Nachkriegszeit, schließen nicht mit dem Selbstmord der schrcksalszerzausten Helden, auch die Liebe leuchtet nicht segnend über ihnen, für Liebe ist in Roths Büchern wenig Raum, denn zu ihr gehörte eine Erlebnisbereitschaft und eine Fähigkeit erhöhten Gefühls, die den Menschen, die er schildert, nicht eignet — vielleicht kann man hier von einer spezifischen Romantechnik Roths reden, wenn anders man eine Technik, die die Wirklichkeit geschaffen hat, noch so bezeichnen kann: Gabriel Dan hat in den Kämpfen der polnischen Stadt seinen Standpunkt gefestigt, der Betrieb von Andreas Pums Arbeitsgeber steht durch den Tod des Invaliden keinen Augenblick still. Und Oberleutnant Tunda, der sich in einer ihm völlig entftemdeten Welt ausgeschaltet findet, erwartet in den Boulevards von Paris tatlos seinen Untergang^^.. - Es sind filmische Mittel von ungeahnten künstlerischen Mäg- - lichkeiten, mit der die gleichzeitigen Vorgänge von Roth schmucklos nebeneinander gereiht werden. Aber die wuchtige Rhythmik dieses StimmungSmittelS von primitiver Nebeneinanderreihung ist zugleich biblische Klage über die Gottverlassenheit eines Geschlechts.^ __ Zwischen den Dichter und seine Gestalten schieben sich Ironie und Sarkasmus. Ein Sarkasmus und eine Ironie von typisch jüdischer Färbung, in die sich Verstehen und Skepsis mischen. Dev' Kleinbürger Zipper und sein Sohn Arnold sind Christen. Aber wenn er vom Sohn sagt: „Jener Teil seiner Persönlichkeit, der das- Schauspielerische, das nie entladene, schlummernde, leidende Elecircla JHÜTtchen \ Rosenstraße 5 Steinway & Süds löacö keinen TMnner SGüiediayir ösw. ~ -