Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 2 (15.1.1930)
- Article
- Goethe wird analysiert
- Date
- 1930-01-15
- Page
- Seite 22 (sequence 3)
- Language
- German
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22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 kindern wieder heiraten wollte und an dem Erlebnis fast zugrunde ging? Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Es wird schon von dem jungen Goethe behauptet, daß er nicht habe jubeln können, daß seine Komplexe und Verlagerungen ihn ein volles sinnliches, jugendliches Empfinden nicht ausftrömen ließen. Der Dr. Theilhaber zieht den „laut beglückten Liebesgesang eines Scheffel" vor. — Wie herrlich leuchtet mir die Natur!! Es kann nur angenommen werden, daß dem Patienten Goethe auf dem Sofa gerade dieses Lied nicht eingefallen ist, das er rein aus Frühling, Liebe, Sonne, Iugendmut gemacht hat. Was aber machen wir mit diesem Analytiker? Wenn es in diesen Dingen ein Gericht gäbe, würde es nicht anders erkennen dürfen, als daß der Angeklagte nach Einziehung seiner mißbrauchten Goethe- AuSgabe zu zehn Jahren Trompeter von Säckingen verurteilt wird. Was will die „Ort"-Gesellschafi? Die im Jahre 1880 gegründete „Ort"-Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden hat sich nach dem Kriege zu einer jüdischen Weltorganisation entwickelt und ist in letzter Zeit zu einem bedeutenden Faktor in der jüdischen Öffentlichkeit Europas und Amerikas geworden. Der Aufschwung, den die Tätigkeit der „Ort"-Gesellschaft ganz besonders in den Nachkriegsjcchren genommen hat, ist auf die Zuspitzung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse innerhalb der jüdischen Massen Osteuropas zurückzuführen. Durch Krieg, Revolution und wirtschaftliche Umwälzungen sind Millionen von Juden aus ihren alten wirtschaftlichen Positionen—dem Handel und dem Vermittlertum — oeiÄrängt worden. Die berufliche Umschichtung dieser Massen wurde somit zu einem naturnotwendigen wirtschaftlichen Prozeß, der sich allerdings unter unsäglichen Opfern und Mühsalen für die beteiligten deklassierten Juden abwickelte. Den unzähligen am wirtschaftlichen Abgrund stehenden Juden den Wiederaufstieg zu ermöglichen, sie vor einem Hungertods oder bestenfalls vor einem Luftmenschendasein zu bewahren, das ist die große Aufgabe, die sich der „Ort"-Gesellschaft hier eröffnete. Bedenkt man, daß der „Ort" zum weitaus überwiegenden Teil auf private Mittel angewiesen ist (es beteiligen sich, allerdings in beschränktem Maße, auch staatliche und städtische Behörden an der Durchführung seiner Aufgaben; auch in Deutschland werden ihm von etwa fünfzehn jüdischen Gemeinden Subventionen gewährt), so darf das von ihm auf dem Gebiete der beruflichen Umschichtung bereits Erreichte in seiner Bedeutung nicht verkannt werden. Für das Jahr 1929 stieg der Ausgabenetat des „Ort" auf rund 4 Millionen Mark, während er noch 1928 kaum 2 Millionen erreicht hatte. 8 3 Fachschulen und Lehrwerk st ätten werden vom „Ort" gegenwärtig unterhalten (darunter Chauffeur-Kurse in Berlin, in denen bis jetzt bereits 150 jüdische Chauffeure ausgebildet wurden), und die Zahl der Schüler belief sich im Jahre 1928 auf 7242. Auf dem Gebiete der Landwirtschaft kam die Tätigkeit des „Ort" im Jahre 1928 etwa 5000 jüdischen Bauernfamilien (etwa 25 000 Seelen) zugute. Zahlreiche jüdische Handwerker und Landwirte werden mit Produktionsmitteln aller Art kreditweise versorgt. Zu diesem Zwecke fft 1924 vom „Ort" eine Einkaufsgesellschaft gef gründet worden, deren Sitz in Berlin ist. Die Umsätze dieser Gesellschaft stiegen sehr rasch und betrugen im Jahre 1929 nicht weniger als 3 Millionen Mark. Zurzeit umfaßt der „Ort" 9 Landesorganisationen; außer Amerika und den osteuropäischen Staaten — England, Frankreich und Deutschland. Sitz des Zentralverbandes ist Berlin; Berlin ist gleichfalls der Sitz der deutschen Landes Organisation, der gegenwärtig 49 Lokalkomitees in verschiedenen Teilen des Reiches angehören. In den wenigen Jahren seiner Tätigkeit auf deutschem Boden hat es der „Ort" verstanden, die Sympathien von weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung in immer wachsendem Maße zu gewinnen. Dieses weitgehende Interesse verdankt der „Ort" nicht zuletzt dem Umstande, daß er nicht Wohltätigkeit in althergebrachtem Sinne übt, sondern produktive Hilfe lefftet, die erzieherisch wirkt — die Selbstbetätigung der Unterstützten, denen zur Ergreifung eines Berufes verholfen wird, ist für diese Hilfe Voraussetzung — und zur allgemeinen Gesundung des jüdischen Wirtschaftslebens beiträgt. Von besonderer Bedeutung ist auch noch die Tatsache, daß der „Ort" eine streng überparteiliche Organisation ist, die fern von jedem politischen Getriebe ausschließlich im Dienste einer wirffchaftlichen und sozialen Aufgabe steht und somit eine jüdische Plattform bildet, auf der sich Vertreter der verschiedenartigsten Weltanschauungen und oft entgegengesetzter Parteien in gemeinsamer sozial-jüdischer Tätigkeit zusammenfinden. Wie in den übrigen Städten Deuffchlands wurde vor kurzem auch in München ein vorbereitender Aktions-Ausschuß der „Ort"- Gesellschaft gebildet, dem die maßgebendsten Vertreter der verschiedensten Richtungen innerhalb der Jüdischen Gemeinde beigetreten sind. Dr. D. CH. Aus der Semeinde München Die Coßmann-Werner-Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde München hat auch im letzten Jahre einen weitern Ausbau ihrer Bücherbestände erfahren. Dank der von den Gemeindekollegien bewilligten Mitteln konnten die wichtigsten Neuerscheinungen der wissenschaftlichen und belletristischen jüdischen Literatur angeschafft und mancherlei ältere Werke ergänzt werden. Die Neuerwerbungen sollen fortlaufend im Gemeindeblatte aufgeführt werden. Die Handbibliothek ist neu geordnet und durch Einreihung neuerer Handbücher, Lexika und der bis jetzt erschienenen Bände der jüdischen und hebräischen Enzyklopädie sowie der Religion Zur Herbst- & Winter-Saison madien wir auf unsere reiche Auswahl nur hochwertiger in unseren eigenen Werkstätten gefertigter Ulster und Paletots aufmerksam Hauptpreislage Um unverbindlichen Besuch bitten L@te & Loystnniswm München Perusastra§e