Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 2 (15.1.1930)
- Article
- Goethe wird analysiert
- Date
- 1930-01-15
- Page
- Seite 21 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Ihr Zuhause in Augsburg Hotel Bayerischer Hoff ■ Bestellen Sie bitte >M»^W^IW^WWWM>WWWW rechtzeitig. Fernruf22 großen Fertigkeit angewandt werden können. Die Medizin ist Wissenschaft in der Lehre, Kunst in der Ausführung; man spricht Gott sei Dank noch von einer ärztlichen Kunst. Die Psychoanalyse als reine Seelenforschung sollte es noch viel mehr sein, sollte vor allem nicht vergessen, daß sie Entdeckungen -eftätigt und systematisiert hat, mit denen ihnen die Dichter fühlend und tastend, ahnend und bildend zuvorgekommen sind. Ein Komödiant kann einen Pfarrer lehren; daß aber ein Psychoanalytiker einen Rousseau, Goethe, Stendhal, Dostojewski lehren kann, wollen wir so nachdrücklich wie möglich bezweifeln. Man kann sich leicht das Vergnügen machen, nachzuweisen, daß außer diesen Großen halb und ganz vergessene Leute wie unser Karl Philipp Moritz, Georg Lichtenberg mit den Begriffen von Trauma, Komplex, Minderwertigkeitsgefühl, Verdrängung, Kompensierung so leidenschaftlich wie sicher umgegangen sind, zugleich Patienten und Ärzte dieser Zustände, wenn sie auch andere Namen dafür hatten. Felix A. Theilhaber schreibt eine gründliche Untersuchung: Goethe, Sexus und Eros. Darin wird der Dichter nach Vorschrift analysiert, und zwar mit der Überlegenheit, die nur dem Arzt gegen den Patienten, dem Fachmann gegen den Laien zukommt. Die Psychoanalytiker legen, soviel ich weiß, ihren Mann, öfter noch die Frau, auf ein Sofa, worauf der Patient zur Beichte, zur Ausräumung seines werten Unterbewußtseins angehalten wird. Ist der Patient schon tot, so macht er es dem Analytiker noch bequemer, der für ihn selbst das Wort führt, der aus seinen Werken und Briefen den Kram, der ihm paßt, in einen klaren, genauen, beweisftarken Zusammenhang bringt. Wir haben etwas Ähnliches nach Lombrosos „Genie und Wahnsinn" erlebt, als jeder Künstler und Dichter, der das Maß des Normalmenschen überwachsen hatte, seine besondere Gummizelle im großen Irrenhaus der Menschheit angewiesen bekam. Immerhin, das Sofa ist menschlicher und ein großer Fortschritt zu Zivilisation und Komfort. Theilhaber weift dem armen Goethe nach, daß mit seinem Sexus nicht viel los war, daß er sich seine häufigen Niederlagen in Liebeösachen, seine Minderwertigkeitsgefühle kompensierte durch poetische Klagen, durch literarische Verarbeitungen, durch die Sympathien des Publikums, das ihm dann öffentlich weinen half. Was blieb ihm außer papierener Befriedigung, wenn ihm die Geschlechtshormone, wie Theilhaber genau weiß, so unregelmäßig eingeschossen sind! Das bißchen Vermögen unterdrückte ihm noch Frau von Stein, worauf er nach zehnjähriger Enthaltungskur ganz wild wurde und als Mann der dicken Christiane den Sexus vom Eros ganz entschieden trennte. Von Theilhaber noch unbelehrt habe ich im Goethekapitel meiner Literaturgeschichte das genaue Gegenteil nachzuweisen versucht. Bei Goethe war dieses Verhältnis in besonders guter Ordnung, und wenn Spannung oder Verwirrung entstand, so verstand er gerade, sie zu lösen und zu beschwichtigen. Ich will dem Analytiker die Stumpfheiten, Plumpheiten, Taktlosigkeiten, Ahnungslosigkeiten nicht nachrechnen in seinem Umgang mit einem immerhin außergewöhnlichen Menschen, vielleicht dem reichsten, der je gelebt hat: der Analytiker tut, was er kann oder was er in der Schule gelernt hat. Mit einem Stockschnupfen kann man keine Blume riechen, mit groben Händen kein Kind anfassen, mit groben Sinnen keine Frau schätzen, mit einem bedeutenden Mangel an Phantasie, Einfühlung, eigener Erlebnisfähigkeit keinen Dichter verhören. Wenn es der Dr. Theilhaber schon nicht lassen kann, den Menschen Goethe zu analysieren, so sollte eine rechte Erkenntnis seiner ästhetischen Unzulänglichkeit ihn warnen, den Künstler zu kritisieren und gar zu rüffeln. Die Römischen Elegien, an denen Sexus und Eros gewiß zu gleichen Teilen tätig waren, bewundern wir als die unbefangensten Liebesgedichte, die letzten wahrscheinlich in Europa, die noch Besitz, Genuß, ruhige Gewährung zu gestalten vermochten. Theilhaber bemängelt an ihnen das Verhalten eines Primaners, der mit der Stütze des Hauses ein Techtelmechtel anzettelt und seine erste Aufklärung erfährt. Die Marienbader Elegie, der Theilhaber einige erschütternde Stellen zugibt, lasse Plattheiten beklagen, wo der „Verzicht ein echt jugendliches Gefühl nicht mehr hervorzaubern kann". Um im Stil des Analytikers zu reden, hätte er nicht lieber festftellen sollen, daß dem vierundsiebzigjährigen Mann und Verehrer der neunzehnjährigen Ulrike die Hormone wieder eingeschossen waren, ihn so plagten, daß er trotz Kindern und Kindes- Originellste Faschingskostüme auch in billigsten Preislagen Wallach an der Hauptpost Hotel Külserhol Midien SchnlzenstraOe 12 Gebr. Greif Beliebtes Caf6- Restaurant Künstler-Kapelle