Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 1 (1.1.1930)
- Article
- Tradition und Kritik im Judentum
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezettung 7 setz zur Erde fällt, zur persönlichen Religiosität; er stellt in schroffem Gegensatz zum biblisch-talmudischen Gefühl die Theorie über die Praxis, wodurch die Religion eine höchst aristokratische Färbung bekommt. Bei Iehuda ha Levi, ein Jahrhundert vor Maimonides, steht dagegen das Interesse am Ritual im Vordergrund,- weil nur so die Seele in peinlicher Befolgung des geheimnisvollen höchsten Willens sich der göttlichen Sphäre nähern kann; die Gebote sind bei Iehuda ha Levi die magischsakramentalen Mittel, die den Zugang zu Gott bereiten. Die Kraft der religiösen Lebenspraxis ist auch im mittelalterlichen Kabbaliömus ungebrochen. Besonders der Chassidismus bedeutet ausgesprochenerweise die Rückkehr zu persönlicher Frömmigkeit bei völliger Erhaltung des rabbinischen Lebenssystems. Die bisher angedeutete Entwicklung spielt sich innerhalb der Tradition ab, unter der Herrschaft des unbedingten Gebots der Gesetzeserfüllung; die Tradition selbst und ihre Entstehung aus göttlicher Offenbarung wird auf keiner Stufe der Entwicklung zum Problem gemacht. Die Einheit des Judentums wird dadurch erhalten, daß das Religionsgesetz das Rückgrat des jüdischen Lebens bleibt, bei aller Vielfältigkeit widerstrebender Gedanken und Stimmungen. Die liberale Reform des 19. Jahrhunderts macht die Tradition selbst, ihre Herkunft, ihren Begriff und ihren Inhalt, zum Problem. Das Judentum soll zu einer rein „geistigen" Religion des strengen Monotheismus und des selbstgeftaltenden Willens in klarer Unterscheidung von der christlichen Lehre umgeformt und jeder national-partikulariftischen Begrenztheit entkleidet werden. Der liberalen Reform liegt das echt religiöse Motiv zugrunde, den Sinn der biblischen Offenbarung, wie ihn das Ethos der Propheten mit Leidenschaft herausgeftellt hat, gegenüber dem Ritualgesetz zu betonen. Der jüdische Liberalismus findet die Rechtfertigung für sein Bestreben, das überkommene Erbe „im Sinne lebendig gegenwärtigen Geistes umzuschmelzen" darin, daß in den Zeiten der Entstehung des Talmuds, also im klassischen Zeitalter der Traditionsbildung die lebendigen Notwendigkeiten der religiösen, sittlichen und sozialen Verhältnisse den Rabbinern den Mut zur zeitgemäßen Reform gegeben habe; so sei jede Zeit befugt, dieses Beispiel nachzuahmen. Der heutige jüdische Liberalismus steht wohl ein, daß die anerkannte Geltung des bis in seine letzten Verästelungen peinlich geübten Rituals bei aller Verschiedenheit der religiösen Gedanken, Theorien und Stimmungen in der Vergangenheit dem Judentum Existenzkraft und Einheit verbürgt hat, und zwar viel sicherer als dies heute die „religiöse Weltanschauung" oder ein philosophisches System tun kann. Es ist aber nicht so, daß Gesetzestreue oder freie Lebensordnung frei gewählt : werden können. Die traditionelle Lebensordnung ist selbst in der Masse der oftländischen Iudenheit in voller Auflösung begriffen. Die Frage ist, ob die jüdisch-nationale Bewegung mit der Kraft religiösen Antriebes wirksam in die Bresche zu springen vermag. In dem kühnen historischen Schattenriß Mar Wieners; selbst kann man vielleicht ein nicht zu unterschätzendes Zeichen des Kraftschöpfens und Sichselbftbesi'nnens, die Konservierung des besten jüdischen Geistes und der Erneuerung zugleich sehen. Es kann wohl nur das wache einträchtige Zusammenwirken aller aufbauenden Kräfte in der Iudenheit — jede Richtung -. unter strenger konzessionsloser Aufrechterhaltung'ihrer Idee und ihres geistigen Kerns - künftig jene alte zerbrochene Einheit ersetzen. L. F. Lin neues Quellenwerk über die Lehren des Judentums Der hingebungsvollen Zusammenarbeit einer Reihe ausgezeichneter Kenner verdanken wir soeben die Vollendung einer Sammlung „Die Lehren des Judentums nach den Quellen"^, eines Werkes, das weit über den Tag hinaus die Erkenntnisgrundlage des modernen jüdisch fühlenden Menschen, der keinen Zugang zu den hebräischen Quellen hat, bleiben wird. Der letzte eben erschienene Band über „Judentum und Umwelt" ist Herrn Iuftizrat Felix Makower von den Mitarbeitern gewidmet, „in herzlicher, treuer Dankbarkeit für die Einsicht, mit der er es entworfen, für die geduldige Tatkraft, mit der er es ermöglicht und durchgeführt, für die Wahrhaftigkeit, mit der er geleitete hat. Dieser dritte über 500 Seiten starke Hauptband ist eine wertvolle unentbehrliche Ergänzung zu dem 1927 erschienenen Grundwerk von Professor Michael Guttmann: „Das Judentum und seine Umwelt", das aus ersten Quellen gearbeitet, mit reichen Zitaten im Urtext, das talmudisch-rabbinische Schrifttum über die religiösen und rechtlichen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden unmittelbar sprechen läßt. Jede apologetische Tendenz ist ferngehalten. Ein breiter Raum 1 Herausgegeben vom Verband der deutschen Julien. Gustav Engel, Leipzig, Bd. 1 — 1. Teil: Die Grundlagen der jüdischen Ethik. — 2. Teil: Die sittlichen Pflichten des Einzelnen; 3. Aufl. Besorgt von Fritz Vamberger: Vd. II — 3. Teil: Die sittlichen Pflichten der Gemeinschaft — 4. Teil: Die Lehre von Gott, bearbeitet von Simon Bernseld; Bd. III (1929) — 5. Teil: Judentum und Umwelt; herausgegeben von Fritz Vamberger. Zur Herbst- & Winter-Saison machen wir auf unsere reiche Auswahl nur hochwertiger in unseren eigenen ^Werkstätten gefertigter Ulster und Paletots aufmerksam Hauptpreislage Um unverbindlichen Besuch bitten L@fe cfi Loysmaiirm M.ünchen Perusastra^e