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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-01-01 · 1 (1.1.1930) · p. Seite 6

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
1 (1.1.1930)
Article
Tradition und Kritik im Judentum
Date
1930-01-01
Page
Seite 6 (sequence 1)
Language
German
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6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 Tradition und Kritik im Judentum Der Berliner Rabbiner und Gelehrte Max Wiener hat an versteckter Stelle (in dem Tillichschen Sammelwerk „Protestantismus als Kritik und Gestaltung", Darmstadt 1929) einen nicht viel mehr als 60 Druckseiten starken Grundriß zu einer jüdischen Geistesgeschichte gegeben. Das folgende Referat gibt einen selbständigen gedrängten Überblick über die Gedanken Wieners und knüpft daran einige praktische Folgerungen. E§ geht um die Bemühungen, die im bewußten oder unbewußten Abstand von der Tradition, der Idee des Judentums neue eigene Prägungen zu geben versuchen. Kritik bedeutet bei diesen Umformungen zunächst einmal immer nur den Kampf um das rechte Verständnis des göttlichen Wortes und seiner zuverläffigen Überlieferung; die Lebensordnung selbst, nach den sittlichen und ritualen Vorschriften der Thora im System der talmudischen Pflichtenlehre, bleibt unter allen Umständen unangetastet. Glaubensinhalt und Gesetzesvorschriften bleiben .eingesenkt im angenommenen Faktum einer geschichtlichen Offenbarung. Die kritische Stellung des Propheten und einiger Psalmen zum Kultus, namentlich die abschätzige Beurteilung des Opferdienftes durch Amos, Hosea, Iesaia, Micha, Ieremia sind Auflehnungen gegen Werkheiligkeit und Veräußerlichung, nicht gegen Tradition und Autorität. Hier ist nirgends religiöse Erstarrung, noch keine Rede von einer Verschanzung hinter das Gesetz. Der Abstand ist am besten zu ermessen an den verschiedenen spezifischen religiösen Gehalt von zwei berühmten, viel zitierten Stellen: Micha 6, 8: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nur Recht zu tun, Liebe zu üben und in Demut zu wandeln vor Gott." Dagegen das im Namen Rabbis überlieferte Wort aus den „Sprüchen der Väter" (Pirke Abot II, 1): „Nimm es bei einem leichten DARMSTODTER UND NATIONALBANK Kommanditgesellschaft auf Aktien FILIALE MÜNCHEN, Ottostraße 4 DEPOSITENKASSEN Bayerstr. 8 (am Hauptbhf.) Marienplatz 11-12 Fraunhoferstr.32(E.Auenstr.) Odeonsplatz 6 (E. Galeriestr.) Isartorpl. (Zweibrückenstr. 2) Ostbahnhof (Wörthstraße 51) Leopoldstraße 15 Sendlingertorplatz 10 Valleystraße 7 ^Großmarkthalle) En “tuns Sparkonten gegen Banksparbücher (für Einlagen in beliebiger Höhe bis zu RM. 10000.—) {Täglich fällig . . . zurzeit 6 % p. a. nach 1 Monat fällig! entsprechend nach 3 Monat fällig) e ® „ 1 e Kapital und Reserven 120 Millionen Reichsmark Hu > .. IS Gebot so genau wie bei einem schweren, denn du kennst nicht den Lohn für die Gebotserfüllung." Bei Micha noch das völlig freie ursprüngliche Wissen um die Wahrheit, die ungebrochene Kraft des religiösen Erlebnisses; später in den Pirke Abot Übertragung der religiösen Verantwortung auf den Gesetzgeber unter Ausschaltung des eigenen Urteils über das, was gut und recht ist! Die in der nachbiblischen Zeit deutlich sichtbare Entwicklung, das unverkennbare Fortschreiten des Rechts- und Sittlichkeitsgefühls in zahlreichen Einzelheiten bedient sich einer kunstvollen Auslegungsmethode, damit das Gewissen einer neuen Zeit befriedigt, zugleich aber die unwandelbare Gültigkeit des Buchstabens der Offenbarung aufrechterhalten wird. Nicht zu überhörende Forderungen des Lebens machen Erweiterungen oder Spezialisierungen der überlieferten Satzungen nötig; vermittels der Autorität der Schriftgelehrten werden sie dem Gefüge der überkommenen Ordnung eingegliedert. Der Wandel von der Bibel zum RabbinismuS wäre in der Tat das eigentliche große Thema einer wirklichen innerjüdischen Geschichte, die nicht nur Urkunden der verschiedenen Rechtslage unter den Völkern, Bruchstücke einer Martyrologie und zufällige literarische Denkmäler lose aneinanderreiht. Aus jenem Wandel gibt Wiener Beispiele einiges der markantesten, neuen, der Bibel noch fremden Gedanken und Bestimmungen. Das Ergebnis der Entwicklung ist „die Rationalisierung des Lebens durch ein System, das alle Äußerungen seelischer und willenhafter Existenz unter ein peinlich ausgebildetes, im wörtlichen Sinne vom Aufftehen bis zum Niederlegen den ganzen Menschen forderndes Gesetz stellt". Aber zugleich damit gegeben ist die stete Bewußtheit der Geister, die von solcher Religiosität in Zuckt genommen werden, die Helle Wachheit der religiösen Einzelpersönlichkeit, auf der, bei aller unantastbaren Objektivität des Gesetzes, das religiöse Leben ruht. Hier stehen wir in der Tat unmittelbar vor dem Geheimnis der Erhaltung des Judentums. Der Intellektualismus wird nie zum Kritizismus; der Individualismus schlägt niemals in Subjektivismus um. „Der Ritualismus hat weder die Andacht des Herzens ertötet, noch den Blick auf den Menschen und seine Not geblendet." Freilich die Gesinnung des absoluten Traditionalismus bettet alles, was frisch aufkeimt, was zart und echt religiös ist, in die Erklärung ein, daß es in Wirklichkeit ein Altes sei und schon in der Bibel enthalten ist. Jeder neue Gedanke, jede praktische Forderung muß sich an oer überlieferten Autorität legitimieren. Das Ausbeuten wirl zur Umdeutung, das Auslegen ein Hineinlegen; nur in der Form der Auslegung der Schrift kann sich das Neue Geltung verschaffen. Auf dem Weg von der Bibel zum Talmud wird die Schrift selbst, ihr Wortlaut, zur Liturgie, zur vorschriftsmäßigen Gebetsübung; die Halacha nimmt die Stelle der Schrift ein. Die Karäer-Bewegung, die jüdische Religionsphilosophie der spanisch-arabischen Kultur, die Kabbala und der Chassidismus schieben dann anscheinend den jüdischen Geist vom Fundament der rabbinisch-talmudischen Frömmigkeit weg. Es kann hier nicht näher beschrieben werden, wie gedrungen und klar Wiener diesen mächtigen Strömungen gerecht wird. Maimonides, der Autor des berühmtesten Gesetzeökodex im überlieferten Judentum, ist der glänzende Mittelpunkt und Höhepunkt des großzügigen Geschichtsabrisses von Max Wiener. Bei Maimonides wird die philosophische Spekulation, ohne daß auch nur ein Iota vom Ge-

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