Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1929
- Issue
- 11 (15.12.1929)
- Article
- Auszug aus dem Bericht der Vereinsleitung über das Jahr 1928/29
- Date
- 1929-12-15
- Page
- Seite 24 (sequence 2)
- Language
- German
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24 Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern Nr. 11 vorläufig offen, ob es einer so kleinen Körperschaft wie der unseren, für die das Gesetz der „großen Zahl" nicht gilt, überhaupt möglich ist, an größere soziale Aufgaben heranzutreten, oder ob wir uns nicht wie bisher auf Klein- und Einzelfürsorge zu beschränken haben. Wir werden also unsere sozialen Bemühungen nicht nur aufrechterhalten, sondern nach Möglichkeit erweitern. In diesem Sinne begrüße ich den Antrag Uhlfelder, ohne im einzelnen Stellung dazu zu nehmen. Willkommen wäre die Schaffung verbilligter Erholungsmöglichkeiten — es wird dabei vielfach auf das Beispiel Baden verwiesen —, ein Lehrerheim würoe als segensreiche Einrichtung begrüßt werden. Unser Verein geht binnen Jahresfrist seinem goldenen Jubiläum entgegen. Wie anders kann ich da schließen als mit den Worten: Möge dieses Jahr ein gehobenes, ein geheiligtes Jahr werden, ein Jahr wahrer Freiheit, ein Jahr innerer und äußerer Befreiung, auf daß wir in Kraft und Fülle dem großen Jubeltage entgegengehen können! . i; j Die bayerische Lehrerschaft und die Neuordnung der Lehrerbildung in Bayern. Am Sonntag, dem 17. November dieses Jahres, veranstaltete der Zweckverband der bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenvereine in München eine Kundgebung zur Neuordnung der Lehrerbildung in Bayern. Die bayerische Lehrerzeitung und die politische Presse aller Schattierungen berichteten sehr ausführlich über diese wohlgelungene, aus allen Teilen Bayerns außerordentlich stark besuchte Kundgebung, so daß hier eine kurze Inhaltsangabe der Referate wohl genügt. Diese Veranstaltung hatte den Zweck, weiteren maßgebenden Kreisen zu zeigen, warum die Lehrerorganisationen die Hochschulbildung für ihren Stand fordern und nachzuweisen, warum die von manchen Seiten gegen diese Hochschulbildung vorgebrachten Gründe nicht stichhaltig sind. Und der Nachweis ist wohl gelungen. Der erste Referent, Geheimrat Dr. Alois Fischer, o. ö. Professor der Pädagogik an der Universität München, sprach über: Sinn und Möglichkeit der Lehrerbildung. Er sieht die Aufgabe des Lehrertums 1. im Er zieh er tum die Persönlichkeiten der Kinder, 2. im Lehrertum das Bildungsgut und 3. im Führertum das Gemeinschaftsleben des Volkes in uneigennützig pflegender Liebe zu betreuen. In überzeugender Weise wies er nun nach, daß die Auslese, Ausbildung und Erziehung von solchen Berufserziehern nur durch die Hochschule gewährleistet sein könne. . Nur die Universität könne die Höhe des Erziehertums der Zukunst ‘ sicherstellen, d. h. den Erzieher, Lehrer und Führer gestalten, der in unserer Zeit nötig sei. Er sprach von den Wegen, die die bisherige Berufsbildung der Lehrerschaft eingeschlagen habe, und zeichnete die Zukunftsmöglichkeiten der Lehrerausbildung. Einmütigkeit herrsche heute in allen pädagogischen, politischen, religiösen und wirtschaftlichen Kreisen über die Unmöglichkeit die Lehrerbildung ferner den Seminarien anzuvertrauen. Die Akademien seien erfahrungsgemäß als Bildnerhochschule ein teuerer Umweg. So scheine die Linie der künftigen Entwicklung in der sinn- und sachgemäßen Eingliederung der Lehrerbildung in den Organismus der Universitäten zu liegen. Unzutreffend seien die Einwände, daß die Universitäten diese Aufgaben nicht wollten oder daß sie diese Aufgabe nicht lösen könnten. Diese gehaltvollen theoretischen Ausführungen illustrierte der 2. Referent, Geheimer Schulrat Dr. Seyfert, Kultusminister a. D., auf Grund seiner Erfahrungen als Professor der Pädagogik an der Technischen Hochschule in Dresden mit durchschlagenden Argumenten. Er wies in eingehenden Darlegungen nach, daß sich die Akademisierung der Lehrerbildung in Sachsen geradezu glänzend bewährt habe. — (Ein Beispiel: im Jahre 1924 waren in Dresden 25 Studenten, die den Volksschullehrerberus erwählten, im Jahre 1929 sind es über 700!) Er zeigte an praktischen Beispielen, daß die Befürchtungen, die überängstliche Gemüter einer akademischen Lehrerbildung gegenüber hegen, vollständig unangebracht seien. Es stimmt nicht, daß sich in Zukunft nur die Minderbegabten Studenten dem neuen akademischen Berufe zuwenden, ebensowenig stimmt es, daß nun den Minderbemittelten auch der Zugang zum Lehrerberufe verschlossen sei (eine sehr sorgfältige Statistik stellte fest, daß die meisten Lehrerstudenten aus der Mittel- und der Arbeiterschicht entstammten und daß „Söhne von Kommerzienräten immer noch nicht den Lehrerberuf überfluten") und endlich ist es gar nicht wahr, daß akademische Volksschullehrer nicht aufs „Dorf" gehen werden. Fast alle akademisch gebildeten Volksschullehrer in Sachsen wünschen eine Anstellung auf dem Lande, weil ihnen dort größere Freiheiten in praktischen Lehrversuchen gegeben sind als in der Stadt, wo der Einzelne doch nur ein Rädchen an einer großen Maschine ist. Folgende Entschließung, die von den Vertretern der Gesamtlehrerschaft Bayerns einmütig gefaßt wurde, fand einstimmige Annahme: Die in den bisherigen Lehrerbildungsanstalten verbundene Allgemein- und Berufsbildung muß getrennt werden. Seine Allgemeinausbildung muß der künftige Volksfchullehrer auf höheren, volle Hochschulreife vermittelnden Schulen finden; sollten Aufbauschulen in Bayern gegründet werden, so dürfen sie nie zu einer Sondervorbereitungsstätte für Lehrer werden. Die Berufsausbildung muß volle Hochschulbildung sein. Das Fachstudium soll sich auf sechs Semester erstrecken; hieran hat sich ein schulpraktisches Jahr anzuschließen. Nachdem in fast allen deutschen Staaten schon Lehrer mit der neuen Ausbildung im Berufe tätig sind, muß gefordert werden, daß auch Bayern 1930 keine Neuaufnahmen mehr in den Lehrerbildungsanstalten vornimmt und möglichst bald die Lehrerbildungsreform durchführt. M. A. An die Mitglieder des Israelitischen Lehrervereins für Bayern Liebe Kollegen! Wir wir aus gut unterrichteter Quelle erfahren, beabsichtigt der Verlag der Zeitschrift für die jüdische Jugend „Das Zelt" definitiv das Erscheinen dieser Zeitschrift nach der Vervollständigung des laufenden Jahrgangs einzustellen. Als Grund für diese bedauerliche Maßnahme wurde unserem Gewährsmann mitgeteilt, daß der Verlag sich außerstande sehe, die Zeitschrift mit dem bisherigen großen Defizit weiterzuführen; er hat in den zwei Jahren seiner bisherigen Tätigkeit trotz intensiver und kostspieliger Propaganda nur etwa tausend Bezieher werben können, während zur Selbsterhaltung der Zeitschrift mindestens zweitausend nötig sind. Besonders bedauert wurde dabei das gleichgültige Verhalten der jüdischen Lehrerschaft, von der wohl der größte Teil bei einer im Sommer dieses Jahres vom Verlag veranstalteten Umfrage die dringende Notwendigkeit und die Nützlichkeit einer Zeitschrift für die jüdische Jugend, auch die ausgezeichnete Wirkung des „Zelt" anerkannte. Aber trotzdem haben nur wenige Lehrer die Zeitschrift unterstützt und weder für sich die Zeitschrift bestellt, noch für sie in den Kreisen der Eltern und Schüler geworben. Es wäre ja tatsächlich auch unmöglich, daß das „Zelt" insgesamt, Auslandsbezug eingerechnet, nur tausend Leser hätte, wenn der überwiegende Teil der jüdischen Lehrer es selbst gehalten hätte und ein klein wenig Intensität bei der Werbung entfaltet hätte. Aus diesen Angaben geht . aber auch mit aller Klarheit hervor, daß es — auch heute noch — nur von dem Willen der jüdischen Lehrerschaft abhängt, ob das „Zelt" nicht doch noch weiter erhalten werden kann. Da dessen alte Leser ihm sicher treu bleiben würden, und nur tausend neue Leser erforderlich sind, so wäre sein Bestand gesichert, wenn diejenigen unserer Kollegen, die das „Zelt" noch nicht beziehen, ein Abonnement für sich selbst aufgeben würden; wenn jeder Lehrer bis zum Januar noch einige Bezieher wirbt, ist anzunehmen, daß die geforderte Mindestzahl sogar erheblich überschritten werden könnte. Wer mit uns der Ansicht ist, daß in der augenblicklichen Situation des deutschen Judentums nichts wichtiger ist als die Heranziehung der nachwachsenden Generation in jüdischem Geiste zu jüdischer Gesinnung und die Vermittlung jüdischer Kenntnisse, der wird auch zugeben, daß das „Zelt" als Ergänzung des jüdischen Unterrichts gerade in der Hand des jüdischen Lehrers hervorragende Dienste zu leisten vermag und längst nicht genügend ausgenützt wurde; der wird aber auch zugeben, daß es eine außerordentliche Verarmung bedeuten würde, wenn wir heute angesichts des überall fühlbaren Mangels an geeigneter jüdischer Jugendlektüre sein Verschwinden untätig hinnchmen würden. Daß sich in absehbarer Zeit wieder ein Verleger finden würde, der die Realisierung des für uns Lehrer besonders wichtigen Gedankens einer jüdischen Jugendzeitschrift zu unternehmen bereit wäre, scheint schlechterdings ausgeschlossen. Wir halten es deshalb für unsere unabweisbare Pflicht, dem „Zelt" — dem Vermächtnis unseres unvergeßlichen Dingfelders — unsere Unterstützung nicht zu versagen und fordern alle Kollegen auf, soweit noch nicht geschehen, das „Zelt" umgehend bei dessen Verlag (B. Heller, München, Plinganserstraße 64) selbst zu abonnieren und nach Kräften Bezieher zu werben. Es sollte dem vereinten Willen der jüdischen Lehrerschaft eine Leichtigkeit sein, die geforderten tausend Bezieher zu stellen und so mit kleinen Mitteln einer großen, ihrer eigenen Sache zu dienen. München, den 12. Dezember 1929. ■ M. Rosenfeld M. Adler.