Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 21 (1.11.1929)
- Article
- Protokoll der Verhandlungen der siebenten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in Aschaffenburg am 30. Juni und 1. Juli 1929
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 352 (sequence 5)
- Language
- German
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352 Bayerische Israelitische Gcmcindezeilung ".'kr. 21 MÜNCHEN HOTEL EUROPÄISCHER HOF BES. OTTO LÜCKERT Das vornehme Hotel direkt gegenüber dem Hauptbahnhof Südeingang Unter der derselben Leitung HOTEL DEUTSCHER HOF OTTO LÜCKERT 5 Minuten vom Bahnhof am Karlstor gelegen KaffeeoRestaurant * WeinaRestaurant * Pfälzer Winzerstube Täglich nachmittags und abends Konzert stellten sich im Laufe der Zeit sämtliche Organisationen des deutschen Judentums hinter die Siedlungsbewegung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Im August 1928 wurde die „Jüdische Landarbeit <S. m. b. H." gegründet. Der Zweck dieser Gesellschaft ist es, die praktische Arbeit für die Siedlung zu leisten. Anläßlich ver vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten veranstalteten großen Kundgebung im ehemaligen Herrenhaus in Berlin am 24. November 1928 wurde der „Reichsbund für jüdische Siedlung in Deutschland" gegründet. Dieser soll den Siedlungsgedanken weiter propagieren und die erforderlichen Mittel beschaffen. Wir hatten im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und weiterhin im Reichsbund für jüdische Siedlung das Glück, in dem Präsidenten unseres Verbandes, Herrn Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer stets einen besonders eifrigen Förderer unserer Ideen zu sehen. Ich spreche ihm auch an dieser Stelle namens der dezeichneten Organisationen unseren aufrichtigen Dank hierfür aus. Unter Führung des Herrn Präsidenten hat der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden von Anfang an auch seinerseits die Siedlungsidee aufgegriffen und ist uns jederzeit in außerordentlich dankenswerter Weise tatkräftig zur Seite gestanden. Ich bin überzeugt, daß der Verband uns auch dieses Mal die erbetene Unterstützung nicht verweigern wird. Wie Ihnen ebenfalls bekannt, ist inzwischen der Reichsbund fürjüdische Siedlung Landesverband Bayern gegründet worden. Es gehören ihm sämtliche jüdische Organisationen in Bayern an. Über die Aufgaben, die wir uns gestellt haben, fei hier, nachdem Ihnen der Gegenstand durch Vortrag und Ausführungen in der Presse im allgemeinen nicht mehr fremd ist, nur folgendes kurz bemerkt: Es sollen in erster Linie die jüdischen Siedlungsanwärter durch bestehende Siedlungsgesellschaften, durch Ankauf eigener Gutsobjekte und durch Einzelsiedlung als Bauern und Gärtner auf die Scholle gebracht und auch schon bestehende jüdische Landwirtschaften, sei es selbständige oder in Verbindung mit anderen Gewerben wie Viehhandel usw. erhalten und so ausgebaut werden, daß sie existenzfähig sind. Wie der Landesverband Bayern durch eine noch nicht abgeschlossene Enquete schon festgestellt hat, gibt es in Bayern noch recht erheblichen meist selbst bewirtschafteten Grundbesitz in jüdischen Händen, viel mehr als man bisher angenommen hat. Wir sehen es als eine äußerst wichtige Aufgabe an, daß dieser Grundbesitz erhalten wird. Es ist Aufklärung dringend erforderlich, damit verhütet wird, daß auf dem Lande wohnende Juden ohne dringendste Veranlassung ihren Grundbesitz verkaufen und in die Stadt ziehen. Die Entwicklung, die sich bei der jüdischen Bevölkerung in den Städten vollzieht, ist geradezu erschreckend. Die Angehörigen der freien Berufe und des ohnehin durch Krieg und Inflation vielfach zugrunde gerichteten Mittelstandes finden immer ungünstigere Existenzbedingungen. Für jüdische Angestellte in der Industrie, in den Banken, im Handel und in den sonstigen Erwerbszweigeu wird die Möglichkeit einer Anstellung immer geringer, in einer großen Anzahl von Betrieben ist die Anstellung eines Juden vollständig ausgeschlossen. Die Gründung einer selbständigen Existenz ist nur in den allerseltensten Fällen möglich. Auf diese Weise gibt es heute schon eine große Anzahl jüdischer stellenloser Kaufleute und ein in diesem Ausmaße früher nicht gekanntes jüdisches Proletariat. Diese Verhältnisse werden sich aufs ärgste verschlimmern, wenn die noch aus dem Lande befindlichen Juden nach Abstoßung ihres Grundbesitzes ebenfalls in die Stadt ziehen und unter Aufgabe einer schon gerade durch den Grundbesitz gesicherten, wenn auch bescheidenen Existenz, das jüdische Proletariat in den Städten vermehren. Die Erhaltung des deutschen Judentums scheint uns nur möglich, wenn einerseits der jüdische Grundbesitz auf dem Lande erhalten und anderseits durch Neusiedlung in der von mir bereits skizzierten Weise durch die Siedlung geeignete Leute aus den Städten wieder auf die Scholle zurückgeführt werden. Es ist schon vielfach und auch wieder im Kreise meiner Fraktionsfreunde als Argument gegen die Siedlungsbewegung auf die gegenwärtige schlechte Lage der Landwirtschaft hingewiesen worden. Dieser Gesichtspunkt schlägt nicht durch. Wir sind bei der Siedlungsbewegung von hervorragenden Sachverständigen wie Herrn Domänendirektor Dyk, unseren Kameraden den Rittergutsbesitzern Moste und Sandelowsky u. a. beraten. Es besteht bei den Sachverständigen Einigkeit darüber, daß trotz der gegenwärtigen Krise in der Landwirtschaft, unter welcher in allererster Linie die auf fremde Arbeitskräfte angewiesenen Großbetriebe lewen, Bauernbetriebe insbesondere dann, wenn sie unter Ausnützung der modernen landwirtschaftlichen Betriebslehre und der Errungenschaften der Technik arbeiten, nach wie vor existenzfähig sind. Dies gilt in noch verstärktem Maße von Gärtnersiedlungen in günstiger Lage zu größeren Städten. Die Siedlungsbewegung ist deshalb in wirtschaftlicher Hinsicht durchaus aussichtsvoll. Die Durchführung der Siedlung gewährleistet allein die Erhaltung des deutschen Judentums, dessen Ende bei Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes und bei weiterer Abwanderung der noch auf dem Lande wohnenden Juden in die Städte mit Sicherheit vorherzusehen ist. Ich versage es mir zur Bekräftigung dieser Ansicht weiter aus die allgemein bekannten unglücklichen Verhältnisse in der jüdischen Großstadtbevölkerung einzugehen, wiedie Zunahme der Selbstmorde, der Geisteskrankheiten usw. und auch auf die Tatsache, daß mangels einer starken jüdischen Landbevölkerung die Ergänzung der jüdischen Bevölkerung in den Städten durch junge und lebenstüchtige Kräfte nicht mehr möglich ist. Angesichts dieser Sachlage bitte ich Sie, bei der Stellungnahme zu unserem Antrag die ganz besondere Bedeutung dieser Angelegenheit für das deutsche Judentum zu beachten und sich nicht allzusehr durch ängstliche Berechnungen leiten zu lassen. Als einziges Mittel zur Erhaltung des deutschen Judentums muß die Siedlungsbewegung durchgeführt werden, ihre Durchführung mühte selbst dann, wenn sie, was jedoch nicht der Fall ist, unmöglich wäre, unter allen Umständen versucht werden. Es könnte sonst dereinst mit Recht der Vorwurf erhoben werden, daß die berufenen Vertreter der deutschen Judenheit ihre Pflicht nicht getan haben. Die Bewilligung des beantragten Beitrags von RM. 20 000.— ist notwendig, da für die erfolgreiche Inangriffnahme des Sied- Eiecirola Columbia Grammopbon Q&iäontoerta? liiTiiTiTiliTilil SCHRAMM Steinway & Sons Ibacb FecricN TUUrmer Jüünchen \9te>senstraße51 usw.