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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-09-15 · 18 (15.9.1929) · p. Seite 297

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
18 (15.9.1929)
Article
Protokoll der Verhandlungen der siebenten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in Aschaffenburg am 30. Juni und 1. Juli 1929
Date
1929-09-15
Page
Seite 297 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 297 schränken. Ich muß zurückgreifen auf ein Wort, das gestern von Rechtsanwalt Jung über Oberlehrer Stoll gesagt worden ist bezüglich des Propagandachefs. Ich gebe diesen Ruhmeskranz Herrn Kommerzienrat Weil. Justizrat Rosenthal hat uns das Gutachten von Lommel über das Kissinger Projekt vorgelesen. Man will ein eigenes Heim haben. Ist es einmal gekauft, dann werden Verbesserungen notwendig werden. Wir haben dafür ein Beispiel in Nürnberg. In Nürnberg wurde das Bedürfnis nach einem eigenen Logenheim laut. Es ist gekauft worden und es hat sich herausgestellt, daß unsinnige Kosten entstanden sind, um das Haus beziehbar zu machen. Die Loge ist jetzt so weit, daß sie das Anwesen wieder zu verkaufen sucht. Ich möchte also dringend raten, diesem Projekt in Kissingen nicht zuzustimmen. Ich gebe ohne weiteres zu, daß es schöner wäre, als das in Würzburg. Aber es gibt viele noch idealere Dinge, zu denen wir keine Mittel haben. In der Beschränkung zeigt sich der Meister. Wir müssen also von Kissingen Abstand nehmen. Bezüglich Würzburg möchte ich noch einiges bemerken. Es muß vor allem angestrebt werden, daß der Verpflegssatz niedriger gehalten wird. Es muß darauf gesehen werden, den Satz aus einen normalen Stand zu bringen. Zusammenfassend möchte ich also empfehlen, Kissingen abzulehnen und Würzburg in Erwägung zu ziehen. Rabbiner Dr. Bamberger: Das Anwesen Ehrenreich bedarf nur weniger Kosten, um es beziehbar zu machen. Auch der Verpflegssatz dürfte nicht höher zu stehen kommen als in Würzburg. Ich erinnere daran, daß wir für unser Kurhospiz auch nur RM. 5.— berechnen. Ich möchte deshalb den Antrag Strauß und Kommerzienrat Weil unterstützen. Kissingen hat auch den Vorzug, daß dort nicht nur ein Siechenheim, sondern auch ein Altersheim errichtet werden könnte. Justizrat Dr. Frankel: Eine bestimmte Stellung möchte ich zu der Frage Kissingen nicht einnehmen. Ich möchte Ihnen nur zur Information sagen, daß ich als Verwalter der Hermannfchen Stiftung allerdings Mittel zur Verfügung habe, die für diesen Zweck, und zwar nicht nur nach meiner Entscheidung allein, sondern nach Genehmigung der Regierung, flüssig gemacht werden können. Das Vermögen besteht zur Zeit aus RM. 22—24 000— in Effekten, dazu kommt eine Wohlfahrtsrente, die für eine Reihe von Jahren vielleicht RM. 3000.— jährlich betragen dürfte, und dann ein Bauplatz, der RM. 20 000.— gekostet hat. Wir können unsere Stistungsgelder nach den Statuten aber nur für ein Projekt geben, das eine eigene Landesanstalt gewährleistet und nicht für eine andere Stiftung. Meines Erachtens ist es von größter Bedeutung, daß nach außen hin sichtbar wird, daß der Verband ein eigenes Heim hat und nicht nur pachtweise in der Würzburger Stiftung seine Pfleglinge unterbringt. Justizrat D r. Haas: Ich möchte als ehemaliger Vorsitzender der Kranken- und Pfründnerhausstiftung das Wort ergreifen. Es haben verschiedene Redner schon in überzeugender Weise zu dem. Projekt Stellung genommen. Ich möchte noch einiges hervorheben. Sie dürfen vor allem nicht verkennen, daß wir es in Würzbürg nicht mit einem privaten Hauseigentümer zu tun haben, der sein Projekt möglichst teuer an den Mann bringen möchte, wie das in Kissingen der Fall ist, sondern mit einer Wohltätigkeitsstistung, die in dem gleichen Sinne tätig ist, wie der Landesverband. Das ist ein Gesichtspunkt, der stark in den Vordergrund gerückt werden muß. Es würde eine Schädigung für die Kranken- und Pfründnerhausstiftung bedeuten, wenn das Würzburger Projekt nicht verwirklicht werden würde, weil dann das Siechenheim aufgegeben würde und unser Jsolierbau ohne nutzbringende Verwendung leerstehen würde. Wir bringen ohnedies schon große Opfer. Ich muß allerdings in einem Punkte meinem Vorredner Nathansen berichtigen. Ich glaube nicht, daß es die Auffassung der Verwaltung der Kranken- und Pfründnerhausstiftung ist, daß wir die RM. 20 000.— wieder zurückzahlen würden, wenn der Verband ein eigenes Heim errichten würde. Wir wollen doch offen miteinander reden. Daran war nicht gedacht. Wohl aber können wir mit Bestimmtheit versichern, daß das Darlehen, um das wir gebeten haben, von uns in Raten, die schon nächstes Jahr beginnen können, zurückbezahlt wird. Ein weiterer Punkt ist der Verpflegssatz. Es ist davon gesprochen worden, daß in München nur ein Verpflegssatz von RM. 1.60 erforderlich ist, was allerdings mit einigem Kopfschütteln entgegengenommen wurde. Es ist zu erwägen, was wird in München geleistet für diese RM. 1.60. In Würzburg haben die Insassen die beste Verpflegung, weil wir aus dem Standpunkt stehen, daß gerade diese Leute besonders gute Verpflegung haben sollen. In dem Verpflegssatz von Würzburg sind inbegriffen die Kosten für Beheizung, Beleuchtung, Wäsche, Arzt und Medikamente, welch letztere gerade bei den Siechen nach Mitteilung unseres Anstaltarztes große Aufwendungen erfordern. Nach dieser Sachlage ist der Satz nicht allzu hoch. Es sprechen alle Momente, vor allem aber die, die der Herr Schatzmeister vorgetragen hat, für das Würzburger und gegen das Kissinger Projekt, von dem nicht feststeht, ob es überhaupt ein Bedürfnis ist, ein Siechenheim und ein Altersheim zu errichten. Auch die Notwendigkeit eines Beamtenerholungsheims ist sehr zweifelhaft. Ein dringendes Bedürfnis besteht jedenfalls nicht. (Fortsetzung folgt in der nächsten Nummer der Zeitung.) An die Juden in Deutschland Bald werden Rosch Haschonoh und Jom Hakippurim zum Gotteshause rufen und zu stiller Feier in den jüdischen Häusern. Aber ihr Aufruf zur Besinnung, zur Linkehr und Umkehr findet in unserer Mitte nicht mehr überall Gehör. Mancher ist gleichgültig, mancher ist feinen Brüdern und dem Gott seiner Väter fremd geworden. Andere sind unter der Last der Arbeit gedrückt. Die Zeit scheint dahin zu sein, da die geschlossenen Geschäfte der jüdischen Kaufleute an Sabbaten und Festtagen, am Rosch Haschonoh und Jom Hakippurim ein stummes aber eindringliches Bekenntnis zu Gott und zum Judentum vor aller Welt ablegten. Aus dieser Unfähigkeit, unsere heiligen Tage zu feiern, sprechen Rot und Druck der jüdischen Seele. Unsere Verantwortung, unsere Sorge bewegt uns deutsche Rabbiner zu einem ernsten Wort an die deutschen Juden. Genug des Leids, daß so vielen von uns der Sabbat, dieser Ouellpunkl unseres Familienlebens, die Wurzel der edelsten Tugenden unserer Gemeinschafi, der Tag unserer Seele, das Wahrzeichen unseres Glaubens. verloren gegangen ist. Sollen nun auch die ehrfurchtgebietenden Tage dem Materialismus mehr und mehr zum Opfer fallen? Die »Tage der Umkehr" nahen. Möchte ein jeder den Willen und den Weg finden, die heiligen Tage ganz und ungeschmälert zu feiern. Möchte jeder jüdische Geschäftsinhaber feine Angestellten von jeder Arbeit an den hohen Tagen befreien. Möchten die Treuesten der Treuen, denen es ein tiefes Bedürfnis ihres Herzens ist. der religiösen Pflicht gemäß Sabbate und Feste zu feiern, weitherziges Verständnis bei allen in Bewacht kommenden jüdischen Persönlichkeiten finden. Luch alle aber bitten wir: Seht alles daran, daß unsere Ruhe- und Festtage unserer jüdischen Gemeinschaft erhalten bleiben. Die Treue zum Judentum fordert Opfer. Aber ihr Lohn ist eine Ruhe des Gewissens, das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, die Festigung und Erhöhung des Judentums. — Im Geiste eng mit euch allen verbunden, wünschen wir euch den Segen der heiligen Tage. »Möge alle Sorge von euch weichen; die Freude an Gott bleibe die Quelle eurer Kraft!" Der Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland. 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