Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 16 (15.8.1929)
- Article
- Jüdische Geschichte und jüdisches Leben
- Date
- 1929-08-15
- Page
- Seite 264 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 aber wohl noch strittige Material das besondere Augenmerk der Spezialforscher finden wird. I. Elbogen widmet einer eingehenden Behandlung der von A. Epstein und I. Freimann herausgegebenen Handschrift Ma'aseh Ha-Geoniyr einen nach vielen Seiten anregenden Beitrag. Die bedeutendste und auch umfangreichste Arbeit können wir in der Edition des „Kahlsbuchs von Sugenheim" erblicken, die Max Freudenthal in der „Verfassungsurkunde einer reichsritterlichen Judenschaft" bietet. Der Wiedergabe des Textes geht eine kulturgeschichtlich äußerst wertvolle Darstellung voraus. Das ebenfalls vorliegende zweite Heft der „Zeitschrift" gibt ein Bild von der Vielseitigkeit, mit der die Schriftleitung bemüht ist, den Spuren der deutschen Juden in der Vergangenheit nachzugehen. Als Beitrag allgemeiner Art sind die Ausführungen I. Elbogens zu werten, der sich mit dem Werke des Anonymisten Malkizedek „Probleme der jüdischen Geschichte und Geschichtsphilosophie" befaßt und an Hand dieser Neuerscheinung die ihr zugrunde liegenden Probleme erörtert. Zwei wichtige Untersuchungen zur bayerischen Judengeschichte stellen die Aufsätze von Raphael Straus „Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut" und W. M. Schmid „Zur Geschichte der Juden in Passau" dar. Besonders der erstere mit zahlreichen Nachweisungen und Quellenanführungen zeigt eine vorbildliche Darstellungsweise, die uns so recht zeigt, wie unkontrollierbare Einflüsse auf einzelne Machthaber die jüdischen Schicksale im Mittelalter gestalteten. Den Abriß der Geschichte einer einzelnen Judengemeinde mit ihrem tragischen Ausgang, den Schmid gibt, können wir als leider! — durchaus bezeichnend für die Zeit des Übergangs zur „Neuzeit" bezeichnen. In eine andere Periode führen uns die Darstellungen Moritz Sterns „Eine Schmähschrift auf den Berliner Hofjuden Israel Aron 1673" und Jacob Jacobsohns „Jüdische Spitzenklöpplerinnen im Netzedistrikt". Die Arbeit Sterns, die eine Vorfrucht einer noch zu erwartenden größeren Darstellung der Geschichte der Juden am Hofe des Großen Kurfürsten darstellt, gibt an Hand eines Pasquills einen interssanten Ausschnitt zur Beurteilung dieser Zeit. Jacobsohn weist in seiner auf vielen Archivstudien basierenden Arbeit auf den Anteil der Juden in der merkantilistischen Periode des preußischen Staates unter Friedrich Wilhelm I. und besonders unter dem großen König hin. Die ausführliche Darstellung bezeugt, wie im Falle der Familie Ephraim der Jude — wie so oft — nicht allein wirtschaftsführend tätig war, sondern auch seinen Wagemut schließlich mit der Einbuße 'seiner mühsam erworbenen. Stellung büßen mußte. Eine familienoeschichtliche Frage führt Bernhard Wachstein in seiner Studie „Wer sind die Prager Munk im 16. Jahrhundert?" der Lösung entgegen; wenn auch vielleicht nicht jede Entscheidung unbestritten hinzunehmen sein dürfte, so wirft dieser wichtige Aufsatz nicht nur ein Licht auf die Verwandtschaft der Theomim-Munk-Horowitz", sondern darüber hinaus auf die persönlichen und allgemeingeschichtlichen Zusammenhänge führender Familien der damals habsburgifchen Länder. Kurze Notizen beschäftigen sich mit der Breslauer Ausstellung „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens", die an dieser Stelle bereits ausführlich gewürdigt wurde, und mit einem Hinweis auf die Beziehungen der deutschen Juden zu denen in Babylonien und Palästina in der gaonäischen Epoche. Nach diesem vorzüglichen Heft darf man dem Unternehmen aufrichtig die interessierte Anteilnahme der deutschen Juden wünschen. Für die Allgemeingeschichte der Übergangszeit zur Judenemanzipation außerordentlich aufschlußreich ist die große, zweibändige Darstellung, die Egon Corti dem „Aufstieg des Hauses Rothschild" und dem „Haus Rothschild in der Zeit seiner Blüte" widmet? Auf Grund umfangreicher Literatur und einer bestverwendeten Einsichtnahme in die öffentlichen Archive hat Corti ein unparteiisches Bild des Werdens dieser ersten europäischen Geld-Großmacht gezeichnet, das sich von einer Ver- 2 Egon Caesar Conte Corti. „Der Aufftieg des Hauses Rothschild" (1770—1830). Mit 24 Bildtafeln und einem Faksimile. — „Das Haus Rothschild in der Zeit seiner Blüte" (1830—1871). Mit einem Ausblick in die neueste Zeit. Mit 30 Bildtafeln und einer Stammtafel. Insel-Verlag, Leizig. In Leinen geb. je 14 RM. himmelung des Gründers der Firma und seiner Nachfahren ebenso fernhält, wie von einer verständnislosen Gehässigkeit gegen die Rolle, die sie in einer Zeit spielten, in der die europäische Volkswirtschaft des Wiederaufbaus dringend bedurfte. In zwei Bänden wird ein Zeitraum von hundert Jahren, von 1770—1871 behandelt und dadurch die Geschichte dieser Periode von vielen Seiten beleuchtet. Zahlreiche Abbildungen schmücken das Werk, dem vom Verlag eine vorteilhafte Ausstattung mitgegeben worden ist. Von einem äußerlich einfacheren Leben, das um 1870 begonnen hat, berichtet der jetzt in Wien als berühmter Maler lebende I e h u d o Epstein in seiner Selbstbiographie? Obwohl diese Erinnerungen nur die Jugendzeit umfassen bis zu dem Zeitpunkt, als die unscheinbare Raupe sich zu dem schillernden Falter entwickelte, der auf die Höhen der westlichen Zivilisation getragen wurde, bieten sie uns genug des Interessanten. Denn nicht die Erfolge bieten Stoff zum Nachdenken, sondern der Werdegang. Hier ist für uns noch das Allgemeine, das ostjüdische Milieu, von großer Wichtigkeit. Mit starkem jüdischem Selbstbewußtsein schildert Epstein seine frühere Umgebung; die Unsicherheit der Berufstätigkeit im „Städtel", der Zerfall der geistigen Bande, das Emporringen einer neuen Gesinnung, die sich ihres Menschentums bewußt zu werden beginnt, sehen wir in einer vorzüglichen S.childerkunst lebendig werden. Die Augen des Malers haben in Jehudo Epstein den Schriftsteller entstehen lassen. Das Buch wird sicher von keinem seiner Leser aus der Hand gelegt werden, ohne daß er daraus Vergnüngen und Anregung empfangen hätte! Nicht so ist das Empfinden nach Lektüre des neuen Romans von Jlja Ehrenburg „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz.* * * 4 5 Nur wegen der bewußten Ironie, mit der Ehrenburg das innerlich zerstörte Leben des kleinbürgerlichen Juden Rußlands schildert, verdient das Buch als eine ernst zu nehmende Darstellung dieser völlig entwurzelten Existenzen im Rahmen dieser von kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten geleiteten Übersicht gewertet zu werden. Als Gesellschaftskritik und als das Bild einer Zeit der Verwirrung wird das Buch seine Bedeutung bewahren. Der als Essayst wohlbekannte Oskar A. H. Schmitz unternimmt es, nachdem er schon vor dem Kriege die „Kunst der Politik" zu erforschen und darzustellen bemüht war, den veränderten Gesellschaftsformen nach den Ereignissen der Jahre 1918 und 1919 nachzuspüren. In einer Sammlung „Wespennester", deren zweite Folge uns hier beschäftigt, sucht er die Grundbedingungen bloßzulegen, die unsere Tage bestimmen? In dem eben erschienenen Bande befaßt er sich mit der Einordnung des Sozialismus und der Juden in die abendländische Kultur. Wenn Schmitz zwei unter sich so unterschiedene Erscheinungen zusammensaßt, so begeht er — gewiß bestgläubig! — einen Fehler, dem viele bei der Betrachtung beider Fragenkomplexe unterliegen. Er sieht eine Crkenntnissorm, aus der allerdings ein Willensakt entspringt, und eine reale Gegebenheit, die zu Erkenntnis- und Willensgemeinschaft hindrängt — und koppelt beide zusammen, weil vielfach die führenden Träger der ersteren zu der zweiten Gruppe gehören. Nun ist die einzige Verbundenheit, die zwischen beiden Komplexen tatsächlich besteht, das aus jahrtausendealter Erkentnis und Erfahrungsreife erwachsene Streben nach einer noch nirgends erfüllten Gerechtigkeit. Nun ist es die Tragik dieses neuen Buches von Schmitz, daß es über den Ernst dieses Ideals sich hinwegtäuschend die ephemeren Erscheinungen des Umsturzes in Deutsch- » Jehudo Epstein, „Mein Weg von Ost nach West. Erinnerungen." I. Engelhorns Nachf., Stuttgart. Preis: Broschiert 3.— RM., Leinen 7.50 RM., Halbleder 10.50 RM. 4 Jlja Ehrenburg. „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz". Im Rhein-Verlag, Basel. Geb. 7.— RM. 5 Oscar A. H. Schmitz, „Wespennester". Zweite Folge. „Die Einordnung des Sozialismus in die abendländische Kultur. Die Einordnung der Juden in die abendländische Kultur." Musarion- Verlag, München. Geb. 7.— RM. Fortsetzung Seite 268 Verwendet dielelegramm-Lrsatz-ssormulsre des Israelitischen ssrauen-Vereins München le.V.j non j$30