Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 14 (15.7.1929)
- Article
- Die Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden zu Aschaffenburg, 30. Juni und 1. Juli 1929
- Date
- 1929-07-15
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
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222 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 Ministerium für Unterricht und Kultus, der Oberbürgermeister der Stadt Aschaffenburg Geheimrat Dr. Matt, zugleich als Vertreter der Kreisregierung von Unterfranken und Aschaffenburg, die Bürgermeister Dr. Schwind und Schindling, die Stadträte Trockenbrodt, Link, Oestreicher, Pohl und Eser. Die Israelitische Kultusgemeinde Aschaffenburg bewies ihr Interesse durch den Besuch zahlreicher Mitglieder. Zur Begrüßung sprach namens der Israelitischen Kultusgemeinde Aschaffenburg deren 1. Vorsitzender Herr Alex Trier. Oberbürgermeister Geheimrat Dr. Matt überbrachte die Glückwünsche des unterfränkischen Regierungspräsidenten Dr. von Henle und der Stadt Aschaffenburg und führte aus, daß in dem Bestreben, die Religion zur Grundlage des öffentlichen und privaten Handelns zu machen, der Verband im selben Geiste wie die christlichen Konfessionen tätig sei und die Möglichkeit der Zusammenarbeit habe. Ministerialrat Dr. Mezger übermittelte die Grüße des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus und gedachte in anerkennender Weise der stillen Aufbauarbeit und der umsichtigen Finanzpolitik des Verbandes. Zur Frage der Reichsorganisation der deutschen Juden gab er der Hoffnung Ausdruck, es möge diese Organisation auf der Grundlage des letzten Entwurfs Zustandekommen. (Bekanntlich scheiterte dieser Entwurf an dem Widerstande der preußischen Landesvcrsammlung, die ihn mit der Mehrheit von einer Stimme verwarf.) Im Mittelpunkt des Interesses stand der nun folgende Bericht von OberlandeSgerichtsrat Dr. Neumeyer über die Tätigkeit des Verbandes, der ein anschauliches Bild von den Aufgaben und Leistungen des Verbandes, von den Problemen des bayerischen und deutschen Judentums und von den mannigfachen Sorgen der Zukunft bot. Dr. Neumeyer ging aus von der in Bälde bevorstehenden 200. Wiederkehr des Geburtstages Moses Mendelsohns, der die Verbindung herbeiführte zwischen Judentum und moderner Kultur, zwischen Deutschtum und Judentum. Mendelssohn habe den deutschen Juden die Bibel wiedergegeben; was Luther für das deutsche Volk, habe Mendelssohn für seine Glaubensgenossen getan. Aus dem Berichte entnehmen wir — abgesehen von den weiter unten behandelten Etatziffern —, daß der Staatszuschuß für das Jahr 1929 von 60 000 RM. auf 70 000 RM. erhöht worden ist, ein Betrag, der allerdings, gemessen an den Aufwendungen des Verbandes und der Gemeinden, die zusammen etwa 3 Millionen betragen, immer noch ein sehr geringer ist, aber doch eine Anerkennung der Staatsregierung bedeutet. Sämtliche Rabbinate des Landes erhalten einen Zuschuß von 50 Prozent, einzelne mehr. Regelmäßige Gehaltszuschüsse erhalten 56 Gemeinden, Bauzuschüsse 44 Gemeinden im Gesamtbeträge von 28 000 RM. Insbesondere wurden erhebliche Zuschüsse für die Wiederherstellung der Synagoge in Heidingsfeld gewährt. Die Restaurierung wird im Herbst vollendet und das Bauwerk seiner ursprünglichen Bestimmung wiedergegeben werden. Wie sich aus diesen Zahlen ergibt, würde das religiöse Leben in vielen Landgemeinden ohne die tatkräftige Unterstützung des Verbandes verkümmern. Besonders hervorgehoben wurde das Siechenheim in Würzburg, eine eigene Wohlfahrtsanftalt des Verbandes. Der weitere Ausbau dieses Siechenheims, wofür verschiedene Projekte zur Abstimmung Vorlagen, bildete einen der Hauptpunke der diesmaligen Tagung. Die bayerischen Wohlfahrtsanftalten mit mehr als lokaler Bedeutung erhalten etwa 40 000 RM. Mit dankenden Worten gedachte der Redner der langjährigen Tätigkeit des Vorstandes der Waisenanftalt, Direktor Dr. Deutsch, der nunmehr in den Ruhestand getreten ist. Die israelitischen Lehrerbildungsanstalten in Würzburg und Höchberg erfordern an Betriebszuschüssen den Betrag von 58 000 RM. Da die Lehrerbildungsanstalt Würzburg den gesteigerten Zustrom an Schülern nicht mehr aufzunehmen vermag, ist ein weiterer Ausbau dieser Anstalt dringend notwendig. Es liegt der Tagung ein Antrag auf Erlveiterung dieser Anstalt mit erheblichen Mitteln vor. Die Inventarisation der Kunftdenkmäler in Bayern schreitet vorwärts. Die jüdische Landessiedlung wird gefördert. Zur Ablehnung des Entwurfes der Verfassung für einen Reichsverband der deutschen Juden durch die preußische Landesversammlung erklärte der Redner, daß der bayerische Verband wie auch die übrigen süddeutschen Landesverbände erst neuerdings einmütig der Anschauung Ausdruck gegeben hätten, daß ein Reichsverband nur auf dem durch die Geschichte vorgezeichneten Wege, nämlich durch, den Zusammenschluß der Landesverbände gebildet werden könne. Weniger erfreulich war, was Dr. Neumeyer über die Verhältnisse nach außen zu berichten hatte. Der Bayerische Landtag hat vor kurzer Zeit, wie schon früher einmal im Jahre 1926, die Staasregierung um Vorlage eines Gesetzentwurfes ersucht, wonach die Schlachttiere vor Beginn des Blutentzuges zu betäuben und als Betäubungsmittel nach Möglichkeit mechanische Geräte, wie Schußbolzen, zu verwenden sind. Es muß daher damit gerechnet werden, daß dem Bayerischen Landtag in nächster Zeit ein solcher Gesetzesentwurf zugeht. Die Bemühungen des Verbandes, eine Betäubungsmethode zu ermitteln, die den religionsgesetzlichen Vorschriften entspricht, haben bisher noch keine Ergebnisse gezeitigt. — Der allgemeine Studentenausschuß der technischen Hochschule München hat vor einiger.Zeit einen Beschluß gefaßt, wonach die Einführung des Numerus clausus für jüdische Studierende von der deutschen Studentenschaft mit allen Mitteln angeftrebt werden soll. Dieser Beschluß wurde von einer allerdings nur von zehn Prozent der Studierenden besuchten Vollversammlung bestätigt. Bekanntlich sind in Würzburg und Erlangen ähnliche Beschlüsse gefaßt worden. Der Redner legte Verwahrung dagegen ein, daß staatlich anerkannte Zwangsorganisationen ihre verfassungsmäßige Neutralität und unsere Gleichberechtigung und Ehre in so schwerer Weise verletzen. — Dr. Neumeyer ging ferner aus die Ritualmordlüge von Manau ein, die bekanntlich seinerzeit große Aufregung auslöste und über die wir bereits ausführlich berichteten. Er schloß mit der Überzeugung, daß der äußere Feind uns zwar schaden, uns aber nicht vernichten könne, und mit den Worten aus „Nathan der Weise": „ich stand und ries zu Gott: ich will, wenn Du nur willst, daß ich will!" Die sachlichen Beratungen der Tagung begannen Sonntag nachmittag mit dem Finanzbericht von Kommerzienrat Rosenzweig, Nürnberg, dem Schatzmeister des Verbandes. Darnach haben die Steuereingänge des Jahres 1928 den Voranschlag wesentlich überstiegen. Sie betrugen 635 232 RM. gegenüber einem Voranschlag von 463 638 RM. Mit Rücksicht auf die gegenwärtigen Wirtschaftsverhältnisse hielt der Referent eine vorsichtige Beurteilung der künftigen Eingänge für angezeigt. Auf der Ausgabenseite interessieren: 313 148 RM. Besoldungszuschüsse an die Gemeinden (Vorjahr 173 899 RM. Die wesentliche Erhöhung ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß seit 1. April 1928 sämtliche Rabbinate des Landes einen Zu-