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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-06-28 · 13 (28.6.1929) · p. Seite 210

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
13 (28.6.1929)
Article
Heroen des Ehrgeizes
Date
1929-06-28
Page
Seite 210 (sequence 3)
Language
German
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210 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 Disraeli Nat. Portrait Gallery, London Ann, der er alles zu verdanken hat, und die er, trotz des großen Altersunterschiedes, heiratet. Beide haben eine geheime Leidenschaft, der sie sich in Zeiten der Enttäuschung und Einsamkeit hingeben, und die gar nicht eigentlich mit ihrer Welt übereinzustimmen scheint: Disraeli die Dichtung — Lassalle die Philosophie. Jeder hat sein angebetetes Vorbild: der kühl rechnende Staatsmann Disraeli den romantischen Byron, der ein Leben nicht auf dieser Welt, sondern in einer erträumten Dichtung geführt hat — der chaotische Revolutionär Lassalle den geordneten Hegel, der kompromißlos die Autorität des Staates als heilig pries, und dessen System Verderbnis für jede umftürzlerische Bewegung war. Geradezu grotesk müssen diese Vorbilder, ihren Anbetern gegenübergestellt, wirken: aber das Ganze ist nur Beweis dafür, daß sich der Mensch in kein eindeutiges Postulat zwingen läßt, und daß die Entwicklung, zumal des genialischen Menschen, sich niemals gradlinig und berechenbar vollziehen kann. Wir haben mit Beispielen genug die eingangs aufgestellte Behauptung zu belegen versucht. Esbleibt nur noch übrig, einem naheliegenden Einwand zuvorzukommen: In ihrer Auswirkung unterscheiden sich doch aber Disraeli und Lassalle. Dieser ist der Gründer des Sozialismus, der große Freund des Arbeiters, seiner Mentalität nach — anscheinend — international eingestellt; jener ist Führer der Konservativen, selber Lord, ein Führer des englischen Adels, ruhmgekrönter Premierminister des britischen Imperiums. Dagegen ist zu sagen: beide Männer haben dort ihre Stätte gefunden, wo ihr Ehrgeiz nach der vorhandenen politischen Konstellation Wirksamkeit fand. Wer will entscheiden, ob nicht Lassalle, als Brite geboren, den Sonnenlauf Disraelis angetreten hätte, und ob nicht Disraeli als schlesischer Jude, in der beengten großdeutschen Atmosphäre der nachmetternichschen Epoche wie Lassalle Gefährte von Karl Marx geworden wäre! Hier allerdings hören die Möglichkeiten unseres Parallelismus auf. Disraeli hatte nämlich vor Lassalle etwas voraus: er hatte Glück, er hatte vor allem das Glück, ein biblisches Alter zu erreichen, während Lassalle, das vierte Jahrzehnt seines Lebens kaum überschreitend, im Duell von der Kugel irgendeines bedeutungslosen Junkers fällt. Er sank ins Grab, noch behaftet mit allem Unflat, den die Feinde auf ihn geworfen hatten, während Disraeli, Stufe um Stufe ersteigend, sich selber reinigen durfte, und am Ende seines Lebens als der sonnenklare Greis, der weitschauende Staatsmann, von dem ein Jahrhundert gelernt, als der bewunderte Freund der Königin bestehen durfte. Lassalle ist von der Vorsehung stiefmütterlich behandelt worden, Disraeli ist ihr Lieblingskind gewesen. Beide aber waren angetrieben von der gleichen Zentrifugalkraft, herausgeschleudert aus der Tiefe von ihrem immensen seelischen Antrieb, beide Heroen des Ehrgeizes gewesen. Nachwort: Es seien an dieser Stelle zwei vor kurzem erschienene Bücher erwähnt, die Anregung zu obigen Ausführungen gaben. Sie sind für das Erfassen der Persönlichkeiten Disraelis und Lassalles von größter Bedeutung und in ihrer Art psychologische Arbeiten von hohen Graden. Wer also die Lebenskuroen beider Männer, die mit Rücksicht auf die Beschränktheit des Raumes hier nur knapp angedeutet werden konnten, genauer und instruktiver verfolgen will, der lese: Benjamin Disraeli (Lord Beaconsfield). Sein Leben von Andre Maurois, S. Fischer Verlag, Berlin. Las falle. Die Macht der Illusion, die Illusion der Macht. Von Arno Schirokauer, Paul-List-Verlag, Leipzig. Das Disraelibild ist dem Buche „Könige des Lebens" von A. v. Gleichen-Rußwurm (Drei-Masken-Verlag, München) entnommen, das Porträt Lassalles dem obengenannten Werk von Schirokauer. ttus dem Neiche Aufruf des Jüdischen Friedensbundes Weltumspannende, katholische und evangelische Friedensorganisationen haben an die jüdischen Kreise die Einladung ergehen lassen, mit ihnen zu einer Arbeitsgemeinschaft für den Frieden zusammenzutretem Mit dieser äußeren Anregung, der sich unsere Gemeinschaft nicht entziehen darf, verbindet sich der innere Antrieb zum Mitwirken an der welthi st arischen Aufgabe unserer Zeit. Das Judentum, das die Ideen des Weltfriedens und der Völkerversöhnung vor Jahrtausenden zuerst verkündet hat, dessen heilige Schriften von diesen Ideen erfüllt sind, kann jetzt, da ihre Verwirklichung anbricht, nicht untätig beiseite st ehe n. Unserer hohen Ideale eingedenk, wollen wir im Rahmen des „Jüdischen Friedensbundes" für die Versittlichung der Menschheit und den dauernden Weltfrieden wirken. Es gilt einerseits innerhalb der jüdischen Gemeinschaft den Gedanken der jüdischen Friedenssendung neu zu beleben, anderseits die jüdischen Energien, Hand in Hand mit den anderen Bekenntniskreisen, für den praktischen Aufbau des Friedens einzusetzen. Unsere Ziele sind allen jüdischen Parteien gemeinsam. Wir rufen daher alle Glaubensgenossen auf, sich unserer Bewegung anzuschließen und in allen Gemeinden organisatorische Stützpunkte für sie zu schaffen. Der Jüdische Friedensbund ist gern bereit, mit den Schwestervereinigungen in den anderen Staaten zusammenzuarbeiten und hofft, daß in allen Kulturländern ähnliche Organisationen entstehen werden. Wir bitten, sich mit uns in Verbindung zu setzen, und Nachrichten uns unter der Adresse der Geschäftsstelle des Jüdischen Friedensbundes, Verlin-Schöneberg, Am Park 19, zukommen zu lassen. Vereinigen wir alle unsere Kräfte, um das, was unsere Vorfahren geträumt und gelehrt haben, heute ins Leben umzusetzen. Jüdischer Friedensbund. Das Präsidium: Oscar Wassermann, erster Vorsitzender; Rabb. Dr. Baeck, Vorsitzender des Allgem. Rabbinerverbandes; Prof. Dr. A. Einstein; Komm.-Rat G. Simon; Rechtsanwalt H. Stern. Der Arbeitsausschuß: Dr. Alfred Nossig, Vorsitzender; Rechtsanwalt Dr. A. Klee; Alois A. F. Marcus; Rechtsanwalt'H. Stern. Beisitzer: Pros. Dr. Elbogen; Frau Rabb. Dr. Eschelbacher; San.-Rat Dr. A. Goldschmidt; Rabb. Dr. M. Hildesheimer; Dr. h. c. W. Kleemann, Direktor der Dresdner Bank. Verein „EA", gemeinnützige jüdische Eheanbahnungsstelle, E. V., Frankfurt a. M. Zweck des Vereins ist, Ehen unter Juden aller Stände anzubahnen. Seine Geschäftsführung wird ehrenamtlich geleitet und ist für die Beteiligten kostenlos. Anmeldebogen — gefl.

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