Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-06-28 · 13 (28.6.1929) · p. Seite 209

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
13 (28.6.1929)
Article
Heroen des Ehrgeizes
Date
1929-06-28
Page
Seite 209 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2727810-2727875-2727888-2735926--04885-2735984
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 209 Sohn verliebten Vaters. Auch diese Väter sind gleiche Typen: Isaak ü' Israeli war sanft und, wenn es um den Sohn ging, altruistisch wie Heymann Lassal. Beide erschrecken über die Ertravaganz und Unbedingtheit ihrer Söhne und beide sind dennoch von unerschütterlichem Glauben an sie beseelt. Benjamin und Ferdinand haben die gleichen ersten Schulerlebnisse: Benjamin wird von seinen Klassenkameraden erklärt: „Wir haben es satt, von einem Fremden gegängelt zu werden", worauf der Beleidigte mit einem Faustschlag ins Gesicht des Sprechers antwortete. Ferdinand kommt eines Tages mit blutender Nase aus der Schule heim: er hat ein ähnliches Erlebnis gehabt. In so früher Jugend also spüren beide bereits, daß sie als Juden das Durchschnittsmaß um ein Vielfaches in allem, was sie tun, übersteigen müssen, wenn sie von ihrer Umwelt fordern wollen, daß man ihnen ihr Judentum nachsieht. Lassalle kommt aus einem Hause, das erst durch die Judenemanzipation von 1812 Bürgerrecht erhielt — Disraeli aus einem, das, italienischer Abkunst, erst in der dritten Generaüon auf britischem Boden lebt. Hieraus resultiert bei beiden der geradezu an Irrsinn grenzende Ehrgeiz, das fast krankhafte Verlangen hochzukommen, die bei beiden nur zu oft lächerlich wirkende Eitelkeit und nicht zuletzt das an Größenwahn grenzende Selbstbewußtsein, das allerdings durch ihre spätere Größe gerechtfertigt werden sollte. Sie sind beide fanatisch daraus bedacht, sich zu assimilieren, das Letzte abzustreifen, was ihre jüdische Herkunft verraten könnte, und doch kann man weder den einen noch den andern (obgleich Disraeli die Taufe empfing) geradezu als Abtrünnigen geißeln. Es ist von Bedeutung, daß beide in ihrem Hunger nach Assimilation die Schreibweise ihrer Namen änderten, um quasi vor der Öffentlichkeit den Trennungsstrich zwischen Herkunft und Gegenwart auch nach außen hin zu manifestieren: Benumin zieht das romanische Adelsprydikat in seinen Namen hinein und macht aus d'Jsraeli Disraeli—-Ferdinand französisiiert das Jüdische in seinem Vatersnamen in Lassalle. Aber bei beiden finden wir, zumal in Zeiten der Depression, eine — zwar nicht immer ins Bewußtsein gelangende — Sehnsucht nach Jüdischem, ein flüchtig aber intensiv ausleuchtendes Anlehnungsbedürfnis an die Zuflucht spendende Mutterreligion. In den Augenblicken, da sie allein stehen, Feinden und Spöttern ausgeliefert, glimmt in ihrer vereinsamten Brust ein Fünklein auf, das schon zu verlöschen gedroht hatte. Das Fünklein heißt Judentum. Und in diesen kritischen Momenten spürt der eine wie der andere, daß er eigentlich fremd ist in dem Lande, für das er Gut, Blut und Gabe einsetzt, daß er vielleicht immer ein Fremder bleiben wird. Disraeli, bereits im Brennpunkt öffentlichen Interesses, schleudert in glänzender Rede dem murrenden Unterhaus, das sich der Wahl Lionel of Rothschilds widersetzt, die mutigen Worte entgegen: „Ihren Kindern bringen Sie jüdische Geschichte bei; an den Feiertagen lesen Sie Ihrem Volke die Taten jüdischer Helden vor: jeden Sonntag, wenn Sie das Lob des Höchsten singen oder Trost finden.wollen in Ihrem Schmerz, suchen Sie den Ausdruck für diese Gefühle in den Gesängen der ''Wischen Dichter. Dem Grad der Aufrichtigkeit Ihres Glaubens müßte auch Ihr Wunsch entsprechen, diesen großen Akt natürlicher Gerechtigkeit zu vollziehen." Wo ist jemals wirksamere, schlagendere Apologetik getrieben worden! Wer solche Worte für die Verteidigung und Glorifizierung des Judentums findet, der kann unmöglich den seelischen Zusammenhang mit ihm verloren haben. Etwas Ähnliches erlebt Lassalle aus einer Reise nach dem Orient. Beim Anblick betender Derwische ahnt er die Glut semitischer Gottesinbrunst. Und Satz für Satz verzeichnet er das Erlebnis in seinen Tagebuchblättern: „Wie stand ich betroffen, als ich ganz dieselben Töne, genau dieselben Melodien an mein Ohr schlagen hörte, welche ich in meiner Jugend so oft in den Synagogen bei uns vernommen... Und als ich endlich sah, wie bei einem besonderen Gebet die Gemeinde sich auf die Knie wirft und diesen Akt mit Worten begleitet, welche in einem dunklen Kehlton, und wie in der größten Zerknirschung und Erschütterung des sündenbewußten Innern aus tieffter Brust qualvoll und ächzend empor sich winden, da glaubte ich, an einem Versöhnungstag in der großen Synagoge zu Breslau zu sein und dem Owinu Malkeinu beizuwohnen." Doch ziehen wir die Parallelen weiter: Sowohl Disraeli als Lassalle beginnen ihre Laufbahn mit einer Sensation. Sie machen, beide jugendliche Hitzköpfe, über Nacht von sich reden, wenn auch auf keine sehr rühmliche Art. Aber der Zweck ist erreicht. Diese Berserker der Geltungssucht sind im Nu in aller Mund, sie haben Wellen in das ruhige Leben chrer Mitbürger geschlagen: Disraeli Lassalle mit einer mißglückten Zeitungsgründung, mit einer Affäre, die das Hohnglächter der Hölle erregte, und in die kein Geringerer als Sir Walter Scott verwickelt war — Lassalle mit dem berüchtigten Prozeß der Gräfin Hatzseldt, als deren Anwalt er trotz seiner Jugend öffentlich auftrat. Aber beide können auch nach diesen mißglückten Experimenten nicht niedergeschlagen werden, keine Redaktion, kein Politiker, keine Polizeibehörde vermag das Feuer zu bannen, das in diesen Giganten der Tat brennt. Sie behaupten ihren Platz. Wohl erwägend, daß das 19. Jahrhundert das Jahrhundert der Salons ist, verstehen sie, in den maßgebenden Kreisen festen Fuß zu fassen, die machtvollsten Persönlichkeiten zur Gefolgschaft zu zwingen, ja bis zur Hörigkeit an sich zu ketten. Beide, der angehende Staatsmann Disraeli und der Rebell Lassalle, erleben vor dem Mittag des Lebens ihre große Enttäuschung. Illusionen, Hoffnungen, Träume zerschmelzen ihnen unter den fiebernden Hän-, den, beide müssen von vorn anfangen, beide sehen ihre bis zum Letzten angespannten Energien verschwendet: Disraeli nach seiner ersten Kandidatur, da er, von den Liberalen aufgestellt, durchfällt — Lassalle nach dem Fastnachtsspuk der Revolution von 1848, da ihm die nur noch gesteigerte Reaktion im Gefängnis Gelegenheit zum Nachdenken gibt. Die Rückschläge sind bei beiden furchtbarer als bei Durchschnittsmenschen, denn sie haben neben all den anderen Gaben auch die gefährlichste, sich Feinde zu machen. Man witzelt über die ehrgeizigen „Hebräer", verleumdet sie mit allen Giften des Klatsches, sucht sie zu ersticken, noch ehe sie zu wahrhafter Wirksamkeit entflammt sind. — Zug um Zug formen sich die Schicksale ähnlicher: beide werden geleitet von der Fürsorge der um Jahrzehnte älteren mütterlichen Freundin: bei Lassalle ist es die bereits erwähnte Gräfin Hatzfeldt — bei Disraeli feine Mary-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.