Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 12 (15.6.1929)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in Aschaffenburg
- Date
- 1929-06-15
- Page
- Seite 189 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 189 legene Friedhof von Aschaffenburg stammt wahrscheinlich aus der Zeit der ersten Niederlassung. Die dem Friedhof zugehörigen, ihn mitbenutzenden Gemeinden Goldbach, Mömmlingen, Hofstetten, Großwallftadt, Niedernberg und Hausen gründeten 1719 die „Wohltätigkeits- und Beerdigungsvereinigung" mit dem Sitz in Aschaffenburg, aus der die jetzige Chewra Kadischa hervorging. Als die Abhängigkeit von Mainz 1803 aufhörte, wohnten in Aschaffenburg 35 jüdische Familien (im ganzen Fürstentum Aschaffenburg 137). Der Leibzoll war bereits abgeschafst, doch hatten die Juden weiterhin ein städtisches Iudengeld und das sog. „Synagogieum" an die Pfarrei zu zahlen. Sie waren von allen Zunftgewerben ausgeschlossen; erst 1807 erhielt ein gewisser Abraham Hirsch die Erlaubnis, seinen Sohn das Schneiderhandwerk erlernen zu lassen. Als 1810 das Fürstentum Aschaffenburg als Departement zum Großherzogtum Frankfurt geschlagen wurde, fielen durch die Verordnung von 1811 „zur Ausführung des Grundgesetzes der Gleichheit sämtlicher Einwohner des Großherzogtums in Frankfurt" auch für die Juden in Aschafsenburg alle Einschränkungen fort. Unter bayerischer Verwaltung wurde Aschaffenburg Sitz der „Distrikts-Gemeinde". Der erste Ober-Rabbiner in Aschaffenburg war Hillel Wolf Sontheimer, der schon seit 1786 als Rabbiner des Obererzstiftes gewirkt hatte; er amtierte 1803 bis 1832. IV. In Aschaffenburg leben z. Z. ungefähr 800 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 35 000. Die Gemeinde besitzt eine schöne Synagoge, die ün Jahre 1893 erbaut und erst vor kurzem renoviert und mit einer Luftheizungsanlage versehen wurde. Neben dem alten Schweinheimer Friedhof besitzt die Gemeinde einen neuen Friedhof, der feit ungefähr 30 Jahren benutzt wird. Ein Reihe von Vereinen unterstützen die Gemeinde auf den verschiedenen Gebieten des jüdischen Gemeindelebens. Männerverein, Frauenverein, Armenverein, Talmud-Thoraverein, Hilfskasse, Darlehenskasse, Fürsorgeverein für israelitische Nerven- und Geisteskranke, Ortsgruppe des Zentralvereins, Philo-Loge. A. T. Die Arbeit in Bibel und talmub Von Bezirksrabbiner Dr. Salomon Stein, Schweinfurt (Fortsetzung und Schluß) Diese hohe Wertschätzung der körperlichen Arbeit gewinnt um so größere Bedeutung, wenn wir erwägen, daß das Judentum außerordentlichen Wert legt auf die geistige Kultur, deren Betonung ganz besonders zum Ausdruck kommt in der intensiven Pflege des Thorastudiums. Und dennoch waren gerade die gefeiertsten Lehrer des jüdischen Altertums Arbeiter im Gebiete der manuellen körperlichen Betätigung der Handwerker. So war der berühmte Hillel ein Wasserträger, Rabbi Iochanan ein Schuhmacher, ein Sandalenverfertiger, Rabbi Ilai ein Böttcher, Rabbi Iosua ein Nadelfchmied, Rabbi Chaninah und Rabbi Auschajah waren Schuster, die öffentlich , auf dem Marktplatze ihr Gewerbe ausübten und sich nicht scheuten, es selbst in einer berüchtigten Gegend zu tun, weil sie alle von der Anschauung durchdrungen waren, daß die Arbeit, die körperliche Arbeit den Menschen zu Ehren bringt (Pesachim 113b). Rab Papa, ein gefeierter Lehrer, war ein Bierbrauer und sagt von sich, wenn ich nicht die Gerstenkörner hineingeworfen hätte in das Wasser, wäre ich nicht reich geworden. (Pes. 65.) Aber auch aus einem anderen Gesichtspunkte heraus formten die Weisen das Wort, daß jedes Thoralernen, das sich nicht mit einer körperlichen Arbeit verbinde, schließlich hinfällig wird. Die einseitige geistige Arbeit kann zum Unglück führen. Geistige Arbeit muß ein Gegengewicht besitzen in körperlicher Beschäftigung. Jedenfalls entspricht solches Verhalten durchaus dem Geiste und Sinn des Psalmwortes: „Die Arbeit Deiner Hände wenn Du genießest, dann Heil Dir und wohl Dir!" Aus einem noch anderen Gesichtspunkte heraus erklärt sich die ernste Pflege der körperlichen Arbeit. Die Arbeit hat nichts Entehrendes, auch die niedrigste Arbeit nicht. Vor allem macht sie uns wirtschaftlich und persönlich unabhängig von den anderen. In diesem Sinne sagt der Talmud (B. b. 110a): Immerdar vermiete sich der Mensch auch zu abodoh soroh (das Wort heißt hier nicht zum „Götzendienst", sondern zu einer ihm fremdartigen Arbeit), nur damit er nicht der Geschöpfe bedürfe. So sprach Rab zu Rab Kahana: „Ziehe einem Tierkadaver auf der Straße die Haut ab und nimm den Lohn dafür! Sprich aber nicht, ich bin ein Priester, ich bin ein großer, bedeutender Mann und die Sache ist für mich zu niedrig, zu entehrend (Pesachim 113a)." Oder wie es (ibidem) heißt: „Immerdar mache der Mensch seinen Sabbat dem Werktag gleich, auf das er nicht der Geschöpfe bedürfe, auf daß er sich frei mache von den Geschöpfen!" Dieser Satz sagt: „Lebe bezüglich der Genüsse, die doch für den Sabbat nach Möglichkeit geboten und im einzelnen vorgeschrieben sind, am Sabbat genau so, wie am Werktage, und zwar deshalb, daß Du Deine wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht verlierst." Man könnte nun aber immer noch meinen, daß dieses Verhalten der talmudischen Lehrer sich aus der Anerkennung der zwingenden Notwendigkeit ergeben habe, daß sie aber, im Grunde ihrer Seele, sich zur Arbeit nur in dem Sinne eines Sichabfindens mit einer unabwendbaren Notwendigkeit verhalten hätten. Da würde man aber diesen Heroen des Judentums sehr Unrecht tun. Denn schon in der Mischnah lesen wir den Kardinalsatz, der uns ihr Verhalten begreifen läßt: nx 2HR „Liebe die Arbeit!" Und dieser Satz ist der Ausspruch eines der größten Lehrer, nämlich Schamais. Und gleichfalls in der Mischnah lesen wir den Satz: „Arbeite und begehre nicht nach dem Tische der Könige!" (Aboth VI, 5.) Arbeit ist wertvoller als Genuß. Arbeit bedeutet das Glück des Menschen. Und darum wird der Satz aus den Klageliedern: „Es ist gut, daß der Mensch ein Joch von Jugend auf trägt", dahin interpretiert, daß hier das Joch der Arbeit gemeint ist (Midr. Rabbah Echoh zum Vers). Die Arbeit ist eben nicht nur eine Schicksalsnotwendigkeit, sie beruht auf einem göttlichen Gebote; sie ist auf Grund eines göttlichen Gebotes gegeben, sie beruht, wie der Talmud sich ausdrückt, auf einem Bundesschluß Gottes. Der Bund Gottes mit Israel wurde geschlossen auf der Basis der Übernahme der 10 Gebote. In ihnen ist die Verpflichtung auf den Sabbat enthalten und dieser wieder erhält seinen Sinn und seine Bestimmung nur aus Grund und im Zusammenhalt mit der ihm vorangehenden sechstägigen Arbeit in der Woche. Ebenso wie die Thora mit dem Charakter einer Bundeöverpflichtung