Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 12 (15.6.1929)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in Aschaffenburg
- Date
- 1929-06-15
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
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186 Bayerische Israelitische Gemeindezeitüng Nr. 12 Park Schönbusch, Aschaffenburg Die Frage, seit wann die Juden in Aschaffenburg wohnen, ist zum erstenmal in einer Schrift behandelt worden, die vor ungefähr 30 Jahren erschien: „Historische Berichte über die Juden der Stadt und des ehemaligen Fürstentums - Aschaffenburg, herausgegeben von Salomon Bamberger." Bamberger trug alles ihm zugängliche Material zusammen, ohne sich immer bei den einzelnen Bausteinen, die er zu einem Gebäude aneinanderfügte, die kritische Frage vorzulegen, ob diese Bausteine auch wirklich tragfähig sind oder nicht. Wir möchten darum im folgenden eine erneute Untersuchung vornehmen. I. Ohne Zweifel ist es, daß schon im 14. Jahrhundert Juden in Aschaffenburg gewohnt haben. Hierfür liegen eine ganze Reihe von historischen Beweismitteln vor, an deren Richtigkeit zu zweifeln kein Anlaß besteht. So wird im Jahrgang 1879 des Anzeigers für Kunde der deutschen Vorzeit auf Seite 207 berichtet, daß am 13. Mai 1320 dem Pfarrer zu Aschaffenburg anbefohlen wurde, den Bann auszusprechen gegen den Juden Moses aus Aschaffenburg. Was dieser Aschaffenburger Moses wohl angeftellt hat, wird nicht verraten. Wohl aber läßt sich aus dieser Nachricht entnehmen, daß es damals offenbar noch keinen Rabbiner in Aschaffenburg gab, denn sonst hätte man Synagoge, Aschaffenburg nicht erst den Aschaffenburger Pfarrer für eine Amtshandlung zu bemühen brauchen, die in jener Zeit noch durchaus zum Kompetenzbereich des Rabbiners gehörte. Erfreulicher als diese pfarramtliche Bannverhängung klingt eine andere Nachricht vom 3. Dezember 1333. Unter diesem Datum wird in den Regesten zur Geschichte der Juden in Deutschland während des Mittelalters auf Seite 118 eine Quittung registriert, die von den Herren zu Weinsberg, den Brüdern Konrad und Engelhard, ausgestellt wurde, worin sie bestätigen, daß ihnen von dem Juden Süßkind aus Aschaffenburg tausend Pfund Heller bezahlt wurden. Was der Anlaß dieser Zahlung war: der Abschluß eines Geschäftes oder die Eintreibung einer ZwangSfteuer, wie sie in jenen Zeiten gegenüber den Juden gang und gäbe war, ist nicht bekannt. Auch läßt sich urkundlich beweisen, daß schon damals in Aschaffenburg eine Synagoge vorhanden war. Im Jahre 1345 verstarb in Aschaffenburg ein Vikar namenö Jordan. In seinem Testamente, durch das er fein Haus feinen Erben vermachte, wird die Lage dieses Hauses näherbeschrieben mit den lateinischen Worten: Sita Proxime apud Synagogam Judaeorum, „es liegt in der Nähe der Judensynagoge", eine Bezeichnung, die in den Archivakten des Aschaffenburger Stiftsrentamtes noch öfters vorkommt. Es war damals für die süddeutschen Juden eine bitterböse Zeit, in der sie der Hoftienschändung und Brunnenvergiftung beschuldigt und von dem aufgehetzten Pöbel unter Führung von Bandenführern wie Rindfleisch und Armleder gemordet und gebrandschatzt wurden. Wie ist es in diesen schlimmen Zeiten den Juden in Aschaffenburg ergangen? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir die wichtigste historische Quelle heranziehen, die uns von den Ereignissen jener Zeiten Kunde gibt. Das sind die sogen. „Memorbücher". Während viel kleinere Gemeinden als Aschaffenburg, z. B. das zum Aschaffenburger Bezirk gehörende Miltenberg, Memorbücher angelegt haben, hat es ein Aschaffenburger Memorbuch niemals gegeben. Wir mußten uns darum das älteste Memorbuch, das aus dem Jahre 1296 stammt, das Nürnberger Memorbuch kommen lassen, um daraus über die Schicksale der Aschaffenburger Juden im 14. Jahrhundert näheres zu erfahren. Wir haben das Buch genau durchgesehen und feftgeftellt, daß die daselbst erwähnten Marterftätten aus den 30er und 40er Jahren des 14. Jahrhunderts, also aus der Zeit der Judenverfolgungen unter Armleder und aus der Zeit des schwarzen Todes, in hebräischere Sprache und Schrift vier Ortsnamen enthalten, die folgenden Wortlaut haben: „Uschaffenburk", „Uschfinburch", „Uschburk", „Uschanburg". Es entsteht nun die Frage, ob alle diese vier Ortsnamen mit Aschassenburg identisch sind. Neben den ersterwähnten Ortsnamen wird noch eine andere Lesart überliefert: „Jtanburg", was bei einem alten, schwer leserlichen Manuskript nicht weiter verwunderlich ist. Diese Lesart „Jtanburg" ist aber sicherlich falsch, denn unmittelbar darauf werden Miltenberg und Amorbach genannt. Es ist auch ohne weiteres klar, daß wir „Uschanburg" zu lesen haben und diesen Ortsnamen mit Aschaffenburg identifizieren müssen. Daß bei „Uschanburg" das f ausgefallen ist, darüber brauchen wir uns nicht auszuregen, da ja noch heute der Volksmund dieses f ausfallen läßt, wenn er statt Aschaffenburg das bequemere und gemütlichere „Ascheberg" gebraucht. Wie ist es nun mit „Uschburk"? Dürfen wir auch diesen Ortsnamen mit Aschaffenburg identifizieren? Diese Frage ist unbedingt zu verneinen, denn neben „Uschburk" steht noch ein anderes hebräisches Wort: „Wejischuweho", „und seine Filialgemeinden". Unter diesen Filialgemeinden von Uschburk werden