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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-06-01 · 11 (1.6.1929) · p. Seite 171

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
11 (1.6.1929)
Article
Die Arbeit in Bibel und Talmud
Date
1929-06-01
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 171 -ehrlichen geistigen und materiellen Hilfsmittel für weitere Vervollkommnung überliefert, um zu höherer gesellschaftlicher Entwicklung zu gelangen. Kultur erwächst dadurch, daß jedes neue Geschlecht, auf den Schultern der vorhergehenden Geschlechter stehend, den Fortschritt immer weiter vorwärts treibt. Kultur ist nur denkbar bei vollständiger Arbeitsteilung der Gesellschaft. Jeder einzelne Mensch genießt die Arbeit, die Erfolge der Arbeit aller Menschen der Gegenwart mit und in noch höherem Grade die Arbeit der früheren Generationen. Ben Soma drückt im Talmud (Berachoth 58a) diesen Gedanken in ansprechender Form so aus: „Wie unglücklich war doch der erste Mensch daran, der, wenn er ein Stück Brot essen wollte, selber pflügen, säen, schneiden, mahlen und backen mußte? Der, wenn er ein Kleid zur Bedeckung der Blöße seines Körpers brauchte, selber Tiere zu züchten gezwungen war, der selber scheren, hecheln, spinnen, weben, nähen und zusammenfügen mußte?" Der Mensch braucht den Menschen. Es genügt nicht, das Wort Hillels nur in seinem ersten Teil zu erfüllen: „Wenn ich nicht für mich bin, wer wäre denn für mich?" sondern auch an die Fortsetzung dieses Ausspruches ist zu denken: „und wenn ich für mich allein bin, was bin ich dann?" Und wer sollte in diesem Zusammenhang nicht an den Satz der Thora (III M. 19, 23) erinnert werden, in dem Israel angehalten wird, wenn eö in das mit einer reichen Baumkultur ausgeftattete heilige Land zieht, sofort daran zu denken, nun seinerseits auch wieder genießbare Bäume zu pflanzen, um die Schuld, die es gegenüber den früheren Geschlechtern, den Geschlechtern der Vergangenheit, hat, an die Zukunft zu bezahlen? Wer dächte nicht an die schöne Legende des Talmuds, daß Kaiser Hadrian auf seinen Kriegszügen nach dem Orient einem alten Mann begegnete, der sich mühte, Obstbäume zu pflanzen, und voll Verwunderung zu ihm sagte: „Törichter alter Mann, was soll Deine Arbeit? Glaubst Du, noch die Früchte Deiner Arbeit zu genießen?" Der Alte aber antwortete: „So wie die Früheren sich für mich gemüht haben, so mühe ich mich für meine Kinder und Enkel." (Midrasch Tanchumo zur Stelle.) Der einzelne Mensch wird durch die Arbeit verknüpft mit allen Menschen der Gegenwart, die für ihn Mitarbeiten, wie er für die anderen arbeitet, und durch die Arbeit werden die Geschlechter aller Zeiten mit einander verbunden. Nur so ist Kultur möglich, nur so ist sie denkbar. Wie unglücklich wäre die Menschheit, wenn die Arbeit, die geistige und sittliche Arbeit vor allem, immer wieder von jedem einzelnen von vorne begonnen werden müßte! Aber auch mit den im Sinne der allgemeinen Kulturförderung sich ergebenden glücklichen Folgen der Arbeit des einzelnen Menschen ist deren segensreiche, wohltätige Wirkung mit nichten erschöpft. Die Arbeit schafft nicht etwa nur greifbare, nutzbare Ware, sie übt auch einen wohltätigen Einfluß auf den Menschen selbst aus, indem sie als Mittel der Vervollkommnung, Stählung und Abhärtung des Körpers und der geistig-sittlichen Veredlung sich bewährt. Genuß ohne Arbeit führt zur Erschlaffung, Blasiertheit und zum Überdruß. In diesem Sinne sagt der Talmud (Gittin 67b): „Etwas Großes ist es um die Arbeit, sie wärmt ihren Herrn." Es wird von Rabbi Schescheth erzählt, daß er Balken und sonstige Lasten trug, nur um warm zu werden und zu schwitzen. Rabbi Joseph drehte die Mühle, um gesund zu bleiben. Ja selbst die talmudische Rechtssprechung wird von diesem Gedankengang beeinflußt. Die talmudischen Gesetze bestimmen, daß, wenn man einen Arbeiter für einen Tag gemietet hat, seine Arbeit aber unerwartet vorzeitig mitten im Tag endet, man ihm für den Rest des Tages eine leichtere Arbeit geben müsse. Man fragt nun in diesem Zusammenhang, ob man ihn nicht für den Rest des Tages bezahlen solle wie einen müßigen Arbeiter, d. h. einen Arbeiter, der ohne positive Arbeit sich nützlich machen kann, etwa dadurch, daß man ihn zum Wächter eines Feldes bestimmt. Diese Anschauung findet wohl Billigung, aber mit einer sehr bezeichnenden Ausnahme. Den Erdarbeitern in Maschuza muß man eine schwerere Arbeit geben; denn, wenn sie nicht arbeiten, so werden sie krank und schwach. (B. m. 77a.) Die Arbeit erhält aber nicht etwa nur das körperliche Wohl, die Gesundheit des Menschen. Die Arbeit bringt ihren Herrn auch zu Ehren. Es entspricht der im Talmud sich kundgebende Geist (Nedarim 49b) durchaus dem Geiste der biblischen Anschauung, so wenn es zum Beispiel in den Sprüchen Salomos heißt: „Haft Du je einen eifrigen Mann bei seiner Arbeit gesehen? Der kann sich vor Könige stellen und braucht nicht zu stehen bei den Finsterlingen, d. h. den Niederen des Volkes." In diesem Sinne trug Rabbi Iehuda (Nedarim 49b u. ff.), wenn er in das Lehrhaus ging, ein selbftgefertigtes Faß mit sich, und indem er dasselbe als Sitz bei seinem Lehrvortrag benützte, sprach er das Wort: „Etwas Großes ist die Arbeit; sie bringt ihren Herrn zu Ehren." Die Frau des Rabbi Iehuda ging hinaus, um sich Wolle zu kaufen. Sie verfertigte daraus Mantel und Gürtel, und wenn sie auf die Straße ging, so bedeckte sie sich damit, und wenn ihr Gatte ausging, um zu beten, so bedeckte er sich gleichfalls mit dem selbstgefertigten Gewand und sprach die Brochoh: „Gepriesen sei der, der mich mit einem Mantel bedeckt hat!" Einstens an einem Fasttage kam Rabbi Iehuda nicht in das Gebetshaus und das Volk sagte, der Grund für das Fernbleiben ist der, daß er keinen Mantel zum Bedecken hat. Da schickte man ihm einen Mantel; aber er nahm ihn nicht an. Als ihm einst durch ein Wunder Gottes Geldmittel zuflossen, da erklärte er, daß er von einem Wunder Gottes keinen Genuß haben wolle, daß er nur durch seine Arbeit sich erhalten wolle. (Fortsetzung folgt.) Warum Reicbsbunö für jüdische Siedlung? Wir verweisen auf den an anderer Stelle der Zeitung veröffentlichten Bericht über die Kundgebung des Bayerischen Siedelungsausschusses vom 15. Mai 1929. Es ist bekannt, daß die „Jüdische Landarbeit G.m. b. H.", deren Kapital in den nächsten Wochen erheblich erhöht werden muß, um mit den praktischen Arbeiten für die Siedlung beginnen zu können, die Aufgabe hat, Lehrgüter zu erwerben und Gärtner und landwirtschaftliche Siedlungsstellen zu schaffen. Sie wird damit vorzugsweise mit praktischen Arbeiten betraut und kann sich dadurch der Propagierung der Berufsumschichtung und Siedlung nicht widmen. Da ihr Kapital vorzugsweise der Anschaffung von Grundbesitz dienen soll, mußte eine Organisation geschaffen werden, die die notwendige Aufklärungsarbeit übernehmen sollte. Auch müssen aus den Einnahmen dieser Organisation, die im weiteren Zusammenhang mit der „Jüdischen Landarbeit G. m. b. H." erwachsenen Unkosten gedeckt werden. So ensstand der Reichsbund für jüdische Siedlung durch die Mitarbeit aller jüdischen Organisationen und Richtungen, der es sich zur Aufgabe macht, den Gedanken der Berufsumschichtung und Siedlung innerhalb des deutschen Judentums zu verwurzeln. Es ist notwendig, in allen Städten und Landesverbänden Aufklärungsvorträge zu halten, um die Jugend dem Werk der Regeneration des deutschen Judentums zu gewinnen und den Trägern der heutigen

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