Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 11 (1.6.1929)
- Article
- Die Arbeit in Bibel und Talmud
- Date
- 1929-06-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
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170 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 zur pflichtmäßigen Arbeit und zur Einhaltung der notwendigen Pausen nach talmudischer Auffassung angehalten wurde. Das Paradies war kein Schlaraffenland. Dieser Gedanke muß unbedingt zum Glück der Menschheit festgehalten werden. Und er ist von den Heroen des Judentums festgehalten worden. Der Talmud erzählt uns (im Midrasch Rabba zu Kapitel 39, 8 fEdition Wilna, Romm.P: Als Vater Abraham auf seiner Wanderung von der mesopotamischen Heimat durch das Zweiftrömeland und durch Aram Nachor zog, da sah er, wie die Menschen dieses gottgesegneten, fruchtbaren Landes aßen und tranken, wie sie ausgelassen waren und übermütig sich benahmen. Da habe er, der den Charakter des Landes seiner Bestimmung noch nicht kannte, zu Gott gebetet: „Es sei Dein Wille, o Gott, daß mein Anteil nicht in diesem Lande liege'." Als er aber an die syrische Treppe, die Grenze zwischen Palästina und Mesopotamien kam und sah, wie die Menschen dieses Landes hackten und grüben, den Boden Meten und karsteten und jede Arbeit des Bodens gewissenhaft ausführten zu ihrer Zeit, da betete er: „Es fei Dein Wille, o Gott, daß mein Anteil in diesem Lande mir gegeben werde!" Die Neigung, ein Leben der Arbeit zu führen, das Bewußtsein der Notwendigkeit für den Menschen, ein Leben der Arbeit zu führen und die Abneigung, sich dem Genuß und dem Vergnügen zu verschreiben, ist uns also schon vorbildlich in Abraham verkörpert, der ja bekanntlich nach jeder Seite der sittlichen Lebensauffassung und Lebensbetätigung uns ein Vorbild ist, ein Vorbild sein soll. In gewiß berechtigter Übertragung möchten wir von der Arbeit das begeisterte Wort des erhabenen deutschen Dichters singen: „Heilige Arbeit, segensreiche HimmelStochter!" Wir können und dürfen die Arbeit eine Himmelstochter nennen. Schon der hebräische Sprachgeift charakterisiert sie uns in dieser Weise. Was bedeutet der hebräische Ausdruck für Arbeit? Der Name „melochoh"? Er bedeutet in seiner Ableitung von dem Worte „Sendbote, Engel" eine himmlische Mission, einen von Gott gegebenen Auftrag, eine Bestimmung des Schicksalslenkers. Olls Vollstrecker des göttlichen Willens, als Mandatar einer von Gott übertragenen Mission fühlt sich der Hebräer, wenn er arbeitet. Und in Fortspinnung und im Fortweben dieses erhabenen Gedankens bedeutet das Wort „melochoh" auch „das Eigentum". Nur durch Arbeit gewonnener Besitz ist wirklich Eigentum. Ganz im Sinne dieser sprachlichen Ableitung können wir ein Wort des Philosophen Paulsen in seiner Darstellung der Ethik verstehen und würdigen, der da behauptet, daß das Wort: Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot genießen" ergänzend die positive Formel des Gebotes ist „Du sollst nicht stehlen!" Wie sehr sticht diese Auffassung der Arbeit -im Weben des hebräischen Sprachgeistes von den Anschauungen der alten Völker ab, vor allem der klassischen Völker, aber auch der alten Germanen. Der Römer nennt die Arbeit labor, ein Wort, das gleichzeitig Mühe und Plage, Schmerz und Kummer bedeutet. Auch das Wort „Arbeit" bedeutet nichts anderes im Mittelhochdeutschen. Und wenn die alten Griechen, auch ein Plato in seiner Republik, die Arbeit als des freien Mannes für unwürdig erklären und sie durch Sklaven ausführen lassen und wenn wir nach Tacitus' Germania wissen, in welcher Weise die Bewohner dieses Landes sich zur Arbeit stellten, wenn sie lieber auf einer Bärenhaut lagen und sich an Gelagen ergötzten, so wird Uns der Gegensatz der Auffassung ohne weiteres klar sein. Ganz besonders, wenn wir noch ein weiteres ins Auge fassen. Der Hebräer nennt die Arbeit auch mmy, ganz besonders die Bodenarbeit. rrnay bedeutet aber auch den Gottesdienst in seinen heiligsten Äußerungen. Die Arbeit ist für alle Fälle ein Gottesdienst, ein Dienst, von Gott gewollt, von Gott uns auferlegt. Wenn die Arbeit aber ein Gottesdienst ist, so muß sie eine freiwillige, eine gerne und freudig geleistete sein, bei deren Ausführung der Mensch, der da arbeitet, fühlt, wie sehr er sich durch die Arbeit adelt, veredelt, versittlicht. Die talmudische Legende weiß uns das klar zu machen. Sie erzählt: „Als Adam nach dem Sündenfall die Strafe Gottes zudiktiert erhielt: ,Dornen und Disteln soll Dir die Erde hervorbringen/ da habe er bitterlich geweint und die Worte gesprochen: ,Nun muß ich und mein Esel aus einer Krippe essen? " Er fühlte sich durch diese Strafe mit dem Tier auf eine Stufe gestellt und darum tief erniedrigt. Als aber Gott sprach: „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot genießen!" da habe er sich beruhigt und getröstet (Pesachim 118a). Der Mensch unterscheidet sich von dem Tier dadurch, daß das letztere gezwungen, auf Grund feines Naturinstinktes, arbeitet, der Mensch aber in freier sittlicher Entschließung sich der Arbeit widmet, daß der Mensch gerade durch diese Freiwilligkeit der Arbeit seine Würde zeigt und seine Würde mehrt, den Adel seiner Seele bezeugt. Jeder Akt der freiwillig geleisteten Arbeit hebt den Menschen empor und gleicht ihn der Gottheit an. Fragen wir uns nun einmal, losgelöst von der talmudische» Anschauung, in rein philosophischer Betrachtung: Was ist denn die Arbeit und was ist ihre Bedeutung? Ihr Zweck und ihr Wesen? Um alsdann an dieser begrifflichen Definition zu prüfen, ob die biblische und talmudische Auffassung dieser Anschauung der Philosophie des gesunden Menschenverstandes standhält. Die Arbeit ist zunächst ein Faktor der Produktion und damit auch der wichtigste Faktor aller Kultur. Was uns die Natur mühelos bietet, reicht nicht aus zur Fristung der bescheidensten Existenz. Der Mensch muß also arbeiten, um die notwendigsten Lebensbedürfnisse sich zu verschaffen, um sich wirtschaftlich zu behaupten. Das wirtschaftliche Leben entspringt aus den Bedürfnissen der animalischen Natur des Menschen; es wird, indem das Eigentum sich daraus entwickelt, zur Unterlage alles menschlichen Kulturlebens. Ist dann aber eine Güterhäufung im Eigentum notwendig oder sogar nur wünschenswert? Wir werden nicht zögern, mit Ja darauf zu antworten. Die Güterhäufung im Eigentum befreit von der Knechtschaft, mit welcher das Tier dem Augenblicksbedürfnis jederzeit untertan ist, und macht dadurch zusammenhängendes geschichtlich-geistiges Leben möglich. Hierdurch wird, was beim Tier Naturprozeß bleibt, in die Sphäre des Sittlichen gehoben. Die Erwerbung von Gütern geschieht durch die Arbeit. In der höher entwickelten Kultur hat diese die Gestalt der Berufstätigkeit. Berufstüchtigkeit und Berufstreue sind die diesem Gebiet eigentümlichen Tugenden. Es muß uns nun geradezu frappieren, wenn wir sprachwissenschaftlich feftstellen können, daß der Name für die häufigste Betätigung der beruflichen Arbeit, der Name für das Handwerk im Hebräischen niimrr heißt, ein Wort, welches Festigkeit und Treue in gleicher Weise ausdrückt. Die Arbeit erlangt indessen einen noch viel höheren Wert, wenn wir erwägen, daß die Arbeit jedes einzelnen nicht für sich allein existiert und für ihn allein Segen stiftet, sondern zugleich eine Förderung der Gesamtheit ist und nicht nur ist, sondern sein soll und muß. Die Arbeit des einzelnen dient der Kultur der Gesamtheit, des Volkes. Es bedarf der stufenweise fortschreitenden Arbeit vieler Generationen, von denen die vorhergehende der folgenden die unent-