Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 9 (1.5.1929)
- Article
- Die Juden und der deutsche Geist
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 141 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 141 Ebenso wie es bei vielen Deutschen ein Mißtrauen gegenüber dem jüdischen Deutschen gibt, so gibt es anderseits eine jüdische Überheblichkeit, die glaubt, daß es Geistigkeit nur in jüdischem Tempo gibt. Immer wieder taucht in der antisemitischen Literatur die Behauptung auf, daß der jüdische Geist auf das Materielle und praktisch Nützliche gerichtet sei. Diese Behauptung dürste eine der törichtesten sein, die je aufgestellt worden sind. Wie grenzenlos „unvernünftig" und „unpraktisch" war der Kampf, den das Judentum seil Jahrtausenden geführt hat. Die ganze Existenz der Juden in der Weltgeschichte ist ein Beweis dafür. Wenn wir erkannt haben, wie das Judentum von einem höchsten überrealen Sinn allein zu verstehen ist, so ergeben sich Parallelen zum Deutschtum. Die mittelalterlichen Deutschen geben ihre Kraft an das heilige römische Reich deutscher Nationen. Im Mittelalter wird Deutschland der Schauplatz des dreißigjährigen Krieges, an dem Deutschland beinahe zugrunde geht, und es waren geistige Kämpfe, an denen dieser Krieg sich entzündet hat. Im achtzehnten Jahrhundert steht plötzlich das Volk der Dichter und Denker als eine geistige Macht vor der ganzen Welt, ohne jede auch noch so bescheidene politische Macht. Hier liegt eine Parallele merkwürdiger Art vor. Eine geistige Verwandtschaft zwischen Deutschtum und Judentum ist unverkennbar. Man denke an das zähe Festhalten der mittelalterlichen deutschen Sprache bei den Juden im Osten, im Jiddischen. Nirgends anderseits hat das alte Testament einen so großen Einfluß auf ein Volk gehabt, als bei den Deutschen. Die neudeutsche Art zu sprechen, ist entstanden auf Grund der Lutherischen Bibelübersetzung. Welche sprachliche Anregung hat Goethe aus der Bibel geschöpft! Bekanntlich entstammt der ganze Prolog des Faust dem alten Testament. Wie viele Unterstützung hat die deutsche Dichtung durch die Juden gefunden! Für Hebbel sind in erster Linie Juden eingetreten. Auch dies läßt auf eine geistige Verwandtschaft schließen. Heinrich Heine ist ein in diesem Betracht interessanter Fall. Er war zweifellos ein Deutscher, denn sonst wäre es ihm nicht gelungen, deutsche Volkslieder zu dichten. Anderseits war im Heineschen Wesen jene Freude an dem eigenen Tempo, an der eigenen Schnelligkeit. die vielfach schließlich ein Mißtrauen Hervorrufen mußte. Weit bedeutungsvoller noch sind Rembrandts Beziehungen zum Judentum. Rembrandt baute sich zur Zeit seines größten Wohlstandes ein Haus in der Nähe des jüdischen Ghetto. Am Ende seines Schaffens hat Rembrandt fast ausschließlich Juden gemalt. Diese Gemälde sind Vorarbeiten zu seinen biblischen Gemälden, auf welchen zum Teil seine früheren Modelle erkennbar sind. Daß Rembrandt gerade im Gesichte des jüdischen Menschen die Möglichkeit fand, das Innerste, was ihn bewegte, auszudrücken, dürfte der stärkste Beweis über die Verwandtschaft deutschen und jüdischen Geistes über alle formalen Unterschiede hinaus sein. Goethe, der ganz ausgesprochen dem jüdischen Rhythmus ablehnend gegenüberstand, hat trotzdem der historischen Erscheinung des Judentums seine Bewunderung nicht vorenthalten, insbesondere der Zähigkeit des Judentums, der Fähigkeit, das Ziel unverrückbar in allen Stürmen festzuhalten. Nach der Schlacht von Jena und Auerstädt hat Goethe zu einem Freunde gesagt: „Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie die Juden, weil sie Individuen sind!" Aus einer bloßen Person wird ein Individuum dadurch, daß es sich an einen höheren Sinn hingibt. Hier sieht Goethe eine Gemeinschaftlichkeit höchster Art. Dieses Goethewort kann uns ein Trost in dieser Zeit sein: als Deutsche, als Juden und als deutsche Juden. S. Über neuhebräifche Literakur Dr. Max Mayer, Berlin, gab im Rahmen der „Lehrkurse" an zwei aufeinanderfolgenden Abenden einen Überblick über die Entwicklung der neuhebräischen Literatur. Seine Ausführungen fesselten insbesondere durch den Nachweis der Wechselwirkungen zwischen Geschichte und Literatur der zum Thema gewählten Zeitepoche. Das Ende des jüdischen Mittelalters fällt darnach nicht schablonenmäßig mit dem von der landläufigen Geschichtswissenschaft fixierten Datum (1492) zusammen, sondern sein Ende wird eben bestimmt durch den Beginn der neuhebräischen Literatur. Diese nimmt ihren Ausgang vom Süden her und wird zuerst repräsentiert durch den „Ramchal", durch Mosche Chaim Luzatto (1703—1747), in welchem sich italienischer Klassizismus mit religiöser Mystik verbinden. Die Bewegung pflanzt sich nach Norden fort, dann nach Nordwesten, um schließlich auch den Osten zu ergreifen, wo sie als „Safruth hahaskala", als Aufklärungsliteratur ihre schärffte Prägung erhalten soll. In Deutschland ist ihre Grundlage der Rationalismus, der aber keineswegs original ist, sondern ein Ableger des französischen Rationalismus, der übrigens wieder aus dem theologisierenden Rationalismus Englands hervorging. Moses Mendelsohn ist hier der Mittelpunkt der neuhebräischen Literatur. Die Monatsschrift „Hameassef" (der Sammler) soll das Interesse an der hebräischen Sprache wecken. Leider vermied es Herr Dr. Mayer, an dieser Stelle mit entsprechendem Nachdruck die verhängnisvolle Wirkung gerade der „Meaßfim" nachzuweisen, die „allzu rationalistisch" nicht den geringsten Sinn für die Macht konservativ-religiösen Judentums besaßen. Die Gestalten eines Herz Wessely und eines Schmuel David Luzzatto waren der Gegenstand eingehenderer Besprechung. Im Osten beruhte diese literarische Bewegung ursprünglich auf bloßer Nachahmung des Westens. Dort trat Jizchak Erter gegen den „Chassidismus" auf, während Mapu durch glänzende Bilder der Vergangenheit die Not der Gegenwart vergessen lassen wollte. Interessant erscheint an Mapu die sonderbare Mixtur historischer und (Einfluß Rousseaus) modern-naturalistischer Elemente in seinem Roman. Charakteristisch für die östliche, neuhebräische Literatur ist ihre Wendung zum Realismus, in Anpassung an die literarische Realistik Rußlands, des hauptsächlichsten Wirtsvolkes der östlichen Judenheit. Der glänzendste Repräsentant dieser Literatur ist unser, nachgerade klassisch gewordene „Mendale Mojcher Sfurim", dessen „Myssuois Benjumin haschlischi" und „Klatsche" einer eingehenden Analyse unterzogen wurden. In der zweiten Periode der „Safruth hatchijah" stellt sich die hebräische Sprache hauptsächlich in den Dienst des nationalen Wiederbelebungsversuches durch den Zionismus. Sie erfährt eine bedeutende Förderung durch den „S t y b l - Verlag und hat glänzende Namen aufzuweisen. David Frischmann, nicht so sehr selbstschöpferisch als durch Übersetzertalent hervorragend, vermittelt Hauptwerke europäischer Literatur. Perez Smolenski ist der Vorahner und Vorläufer der modernen nationalen Bewegung. Für das Westjudentum ist A ch a d H a a m als Kritiker dieses Volksteiles von besonderer Bedeutung, während Nachman Krochmal die Missionsidee des Judentums bekämpft. Wir sehen hieraus daß die gesamte moderne neuhebräische Bewegung in ihren beiden Perioden sich im allgemeinen vom Glauben und vom Zusammenhang mit dem religiösen Judentum lossagt. Es sind andere, allgemeine Ideen, die sie beschäftigen, in einer etwas unwürdigen Anlehnung an europäische Vorbilder. Die Natur, bisher von den „Jeschiwah-Bocherim" nicht gekannt, findet ihre Offenbarung in B i a l i k, dem größten hebräischen Dichter. Saul Czernich o w s k i ist der Typ des stürmischen, impulsiven Menschen, während in S ch n e u r die Dekadenz in Erscheinung tritt. Erst im vorzüglichen A g n o n erinnert sich das Judentum an seine eigenste Bestimmung und wendet sich neuerdings religiösen Quellen zu. Der sehr sachliche, instruktive Vortrag fand viel Interesse und lebhaften Beifall. S. Taubes. Der Humor im jüdischen Sprichwort Der Vortrag, den Herr Rabbiner Dr. Leo Baerwald über „Der Humor im jüdischen Sprichwort" auf Einladung des jüdischen Kulturvereins I. L. Perez und des Gefamtausschusfes der Ost - i u d e n am 13. April im Lessingsaal abhielt, war mehr als in einer Beziehung interessant. Das Thema seiner Ausführungen, durch die er an Hand jüdischer Sprichwörter Wesen und Inhalt des jüdischen Humors analysierte, bot ihm gleichzeitig Gelegenheit, das jüdische Leben und die jüdische Lebensauffassung rm allgemeinen, also sozusagen die weltanschauliche Grundlage dieses Lebens in klarer und eindringlicher Weise darzulegen. Dann aber war es besonders eindrucksvoll, wie ursprünglich westlich orientiertes Judentum in der Person Dr. Baerwalds auf dem Wege über das jüdische Sprichwort den Übergang und die Brücke zu östlichem Judentum und zu einer durchaus reibungslosen und sympathischen Synthese mit diesem fand. Diese Tatsache war für die zahlreich versammelte Zuhörerschaft, östlicher und westlicher Provenienz, die freudigste Überraschung, denn sie entsprach der verschämten Sehnsucht dieser Volksteile, über