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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-05-01 · 9 (1.5.1929) · p. Seite 140

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
9 (1.5.1929)
Article
Die Juden und der deutsche Geist
Date
1929-05-01
Page
Seite 140 (sequence 1)
Language
German
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140 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 Vorträge Die Juden und der deutsche Geist Vortrag von Julius Bab, Berlin Veranstaltet vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe München Der Vortrag, der am 10. März 1929 stattfand und dessen Berichterstattung sich aus technischen Gründen verzögerte, mar einer der interessantesten, die in letzter Zeit zu diesem an sich reichlich abgedroschenen Thema stattfanden. Das zahlreiche Auditorium, darunter geladene nicht-jüdische Gäste, folgte den auch rhetorisch glänzenden Ausführungen mit sichtlicher Anteilnahme. Der Vortrag war ein Beispiel dafür, wie ein Redner von Format, der aus der festen Grundlage eines durchdachten Gedankensystems ruht, sich die Behandlung auch heikelster Dinge zutrauen kann. Im ersten Teil der Rede waren mitunter Zweifel berechtigt, ob nicht dieses Zutrauen zu groß gewesen sei, Bedenken, die im zweiten Teil der Rede zerstreut wurden. Man kann im einzelnen in wesentlichen Dingen anderer Ansicht als der Redner sein, man kann zugeben, daß z. B. Ernst Simon zum Problem des jüdischen Witzes im letzten Jahrgang dieser Zeitung eindringlichere Dinge gesagt hat. Gewiß widersteht die Wirklichkeit dem Versuche, sie auf eine einfache und dem Geiste gefällige Formel — um nicht zu sagen eine feuilletonistische Formel — zu bringen, nachdrücklichst. Doch der Versuch, das Problem in dieser Weise zu fassen, ist eine denkökonomische Notwendigkeit und ist vom Redner mit Erfolg unternommen worden. Mit einem Wort: Der Vortrag war nicht von Pappe, sondern von Bab. Der Redner führte etwa folgendes aus: Es gibt kein gefährlicheres Thema zur Zeit, als das Verhältnis des Judentums zum deutschen Wesen. Für die deutschen Juden vollends stellt dieses Problem das Existenzproblem gewissermaßen dar. Wenn wir an dieses Problem Herangehen, so ist es wohl nicht zweckmäßig, mit Begriffsdefinitionen höchst streitiger Art voran zu gehen, sondern mit der Tatsache, daß wir das Judentum wie das Deutschtum in uns oorfinden. Vom Standpunkt eines radikalen Liberalismus allerdings würde sich diese Problemstellung überhaupt nicht ergeben, hier würde sich der Unterschied lediglich als ein theologischer darstellen. Ebenso Bayeri s Vereinsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins Mensch-^ Gold-Pfandbrief nx. tut -- .V'.:i!ir>5 looWliisrk Hochverzinslich Mündelsicher schließt, die radikale Rassenlehre diese Problemstellung aus, da sie nur die blutmäßige Bestimmtheit für wesentlich hält. Von der Voraussetzung, daß es Jüdisches und Deutsches gibt, und daß sich beides zugleich im Menschen vorfinden kann, gehen wir somit aus. Es ergibt sich nunmehr die Frage, welches das untrügliche Merkmal, welches der Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen in Deutschland sei. Dieser Unterschied ist keineswegs nur ein theologischer. Es gibt eine große Zahl jüdischer und andersgläubiger Deutscher, welche von der Synagoge bzw. der Kirche her nicht bestimmt werden. Ebensowenig ist dieser Unterschied ein rein körperlicher. Es gibt keine zuverlässigen körperlichen Merkmale. Bekanntlich ist der Volksstamm der Chasaren, ein slavischer Volksstamm, zum Judentum übergetreten. Es find also nachweisbar nicht alle Juden Semiten. Trotzdem gibt es einen Uüterschied, er liegt in dem großen Zwischenreich, das zwischen Körperlichem und Geistigem liegt. Er liegt auf dem ästhetischen, auf formalem Gebiet, er liegt in dem Rhythmus der Körper. Roh gesagt: Wenn ich aus einer katholischen Kirche zwei hochgewachsene blonde Männer herausgehen sehe, möglicherweise in hohen Jagdstiefeln, und der eine sagt: Nu? und der andere erwidert: Nu?, dann weiß ich, das find Juden. Es ist also die Art, wie wir uns benehmen, die Geläufigkeit unserer Zunge, die Form unserer Sprache, unseres Denkens, es ist alles, was den Verkehr von Menschen zu Menschen vermittelt. Es ist, mit einem Wort, der jüdische Rhythmus. Es mag Juden geben, die diesen jüdischen Rhythmus nicht haben, in keinem Fall aber können diesen jüdischen Rhythmus Nichtjuden haben. Als besonders charakteristisch kann hier der jüdische Witz aufgeführt werden, in dem sich eine ungeheuere Beweglichkeit des jüdischen Gehirns zeigt. Ein Beispiel. Ein Rabbiner sucht seine Brille. Die Brille ist nicht da. Also, so schließt er, muß sie jemand weggenommen haben. Weggenommen kann sie entweder jemand haben, der bereits eine Brille hat oder jemand, der keine Brille hat. Einer, der eine Brille schon hat, kann sie aber nicht weggenommen haben, weil er bereits eine Brille besitzt; einer der keine Brille hat, kann sie aber auch nicht weggenommen haben, weil er keine braucht. Also hat sie vielleicht gar keiner weggenommen?! Also habe ich sie vielleicht noch auf? — Und richtig hat er die Brille auf. Es handelt sich um ein Tempo, um eine Schnelligkeit der logischen Operation, die auch da eintritt, wo sie unzweckmäßig ist. Lessing, einer der wenigen Deutschen, die Juden wirklich gekannt und erkannt haben, hat diese Eigentümlichkeit in seinem „Nathan" sehr gut gezeichnet. Gleich im ersten Aufzug, als Nathan von seiner Reise zurückkommt, begrüßt ihn Dina mit den Worten: „Gottlob Nathan, daß ihr endlich wieder da seid." Darauf Nathan: „Gottlob Dina, aber warum endlich? Habe ich denn eher wieder kommen können, wieder kommen wollen? Babylon ist von Jerusalem Meilen." Jedes einzelne Wort der gefühlsmäßigen Begrüßung Dinas wird von Nathan mit der Schärfe seines logischen Verstandes geprüft und mit der jüdischen Freude an logischer Gedankenoperation. Gegen das Ende des Dramas äußert sich der Tempelherr: „Und so fiel mir ein, euch kurz und gut das Messer an die Kehle zu fetzen." Sofort fällt Nathan ein? „Kurz und gut? Und gut? — Wo steckt das Gute?" Auch hier wieder setzt die scharfe Logik Nathans ein, gegenüber einer Äußerung, bei der man eine ganz andere Reaktion erwarten würde. Der deutsche Geist ist in seinen charakteristischen Äußerungen auf ein langsames Tempo angewiesen, weil er immer wieder versucht, aus der sinnlichen Erfahrung das Geistige herauszuholen. Wenn Goethe nach Italien kommt, so äußert er: „Mir ist wie einem Kind, das erst wieder leben lernt." Dieser Rhythmus der Lebensäußerung läßt sich nicht verbergen und läßt sich nicht -verleugnen. Dieser Rhythmus, dieses Tempo ruft offenbar bei vielen Deutschen ein gewisses Mißtrauen hervor. Wenn jemand mit solcher Schnelligkeit, mit solcher Geschicklichkeit die Dinge handhabt, so kann er sie gar nicht ernst nehmen, es muß irgendwie Schwindel sein. Es gibt nicht viele Deutsche, die dieses Mißtrauen und diesen Abstand überwinden. Lessing ist einer der wenigen, die es wirklich vermocht haben, einen Juden, so wie er ist, auf die Bühne zu stellen. Ihm hat dieses Gefühl der Fremdheit gegenüber den Juden gefehlt. Dies rührt wohl davon her, daß Lessing aus einer alten Theologenfamilie abstammt. Sein Gehirn hat die Fähigkeit theologischer Dialektik vieler Generationen geerbt. Ihm sind diese geistigen Handgriffe und Fähigkeiten bekannt, er hat kraft seiner Abstammung ein Gefühl für die Möglichkeit und die Echtheit des jüdischen Gebahrens. Lessing stammt aus einer Theologenfamilie seit Generationen, die Juden aber sind Theologen seit Jahrtausenden, die es als ihre Pflicht auffassen, das Gotteswort zu erforschen.

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