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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-04-15 · 8 (15.4.1929) · p. Seite 118

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
8 (15.4.1929)
Article
Die Darmstädter Pessach-Haggadah
Date
1929-04-15
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
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118 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Abbildung I Blatt 37o der Darmstädter Pessach-Haggadah: Seder-Nacht, Symbolisierung der Haggadah-Lektüre MW eÄir & *S/- sind. Diese Gebrauchsspuren, von den an diesen Seiten gebrochenen Mazzoth, von dem hier genossenen Bitterkraut (nach der Sitte unserer Handschrift in Charosses getauchter Eppich) und dem verschütteten Wein herrührend, sind auch zwischen den beiden goldbeschrifteten Blättern unserer Handschrift sichtbar und erscheinen in der Faksimileausgabe naturgetreu, in geradezu gespenstischer Echtheit. Der Kommentar, meist am Außenrand, ist in einer deutlichen Kursivschrift, der sogenannten Raschi-Schrift, niedergeschrieben. Es ist vielleicht nicht überflüssig hier zu wiederholen: Die Raschi-Schrift, die eigentliche profane GebrauchtSschrist hebräischer Schrift- und Druckwerke bis in unsere Zeit, hat ihren Namen von Raschi, Rabbi Salomon b. Isak (1040 bis 1105) aus Troyes, dem hochberühmten Erklärer der Bibel und des Talmuds; sie ist in Spanien entstanden und erhielt ihre Bezeichnung daher, daß die erwähnten Raschi-Kommentare hauptsächlich in dieser Kursive niedergelegt wurden. III. Der vielfarbige Bilderschmuck (fünfzehn ganzseitige Miniaturen und elf Seiten mit farbigen Initialen) gibt unserer Haggadah in Verbindung mit dem prachtvollen Schriftbild ihr einzigartiges Gepräge. Nach der aufschlußreichen fachmännischen Würdigung der Miniaturen in dem Textband durch August L. Mayer (Seite 51—71) können sich diese Ausführungen auf die wichtigsten allgemeinen Eindrücke und auf die prinzipiellen kulturhistorischen Zusammenhänge beschränken. Wir besitzen ein ausgezeichnetes, wohlgeordnetes Vergleichsmaterial über hebräische mittelalterliche Miniaturen. Die Illustrationen aller erfaßbaren Haggadah-Handschrift-Typen sind nach den Vorarbeiten in dem scholl erwähnten Müller-Schlosserschen Werk aus dem Jahr 1898 und in dem berühmten Aufsatz von David Kaufmann (Gesammelte Schriften Band III, 1913; S. 229 ff.) über die „Bilderzyklen im deutschen Typus der alten Haggadah-Illuftration" jetzt am übersichtlichsten in unserem Textband von Bruno Italiener und Aron Freimann zusammengeftellt; man findet hier alle Haggadah-Handschriften-Exemplare in öffentlichen Sammlungen geordnet und nach den wichtigsten Typen deutscher, italienischer, levantinischer, französischer und spanischer Herkunft genau beschrieben und abgebildet. In der Münchener Staatsbibliothek wird eine deutsche illustrierte Haggadah-Handschrift (Cod. hebr. 200) aus dem Jahr 1493 aufbewahrt, die sehr charakteristisch den Unterschied des allgemeinen deutschen Typus von der exzeptionellen Art unseres Darmftädter Kodex zeigt. Während der spanische Typus in der Regel eine innerlich zusammenhängende Bilderfolge zeigt, weisen die deutschen Manuskripte mehr volkstümliche lockere Randilluftrationen mit verschiedenen oft unverbundenen Motiven und zufälligen künstlerischen Einfällen auf. Allmählich entwickelte sich eine immer wiederkehrende Bilderreihe: die vier Gestalten der Fragenden (der Kluge — der Bösewicht — der Schlichte — der noch nicht zu fragen weiß), die Seder-Nacht in Bene-Berak, die Erschlagung des Ägypters durch Moses, die zehn Plagen, der Durchzug durchs Rote Meer, das Pessach-Mahl, der Tempel, der Prophet Elias, David als Harfenspieler und das mnemotechnische Bild der Hasenjagd, eine Allegorie zur Einprägung der Segenssprüche: Iajin (Wein) — Qiddusch (Weihung) — Rer (Licht) — Hawdalah (Sabbat- Ausgang) — Zeman (Woche): „Iagenha ö". Mit Behagen ausgemalte witzige Details, Genreszenen, nicht selten Drolerien und Kapriolen, die an die Ausgestaltung gotischer Dome erinnern, gehören zu den bezeichnenden Stilelementen des deutschen Typus. Ganz anders die Pergamenthandschrift in Darmftadt: sie weift weder die zusammenhängende Bilderfolge der südlichen, noch die gelockerten Randzeichnungen der nordischen Pessach-Haggadah auf. „Sie stellt sozusagen einen Typus für sich dar." Ihr einziges Thema ist die würdige repräsentative Verherrlichung des abstrakten Begriffs „Haggadah"; auf die bildliche Begleitung des Inhalts wird verzichtet. Das Stoffliche, die Szenen aus der Bibel, die Bilder, die mit dem Pessachfeft selbst Zusammenhängen, fehlen. Alle Illustrationen — mit Ausnahme der beiden für sich stehenden ganzseitigen Schlußbilder (Hirschjagd und Jungbrunnen) — sind in den Dienst des herrlichen Schriftbildes gestellt und vereinigen sich zu einer in sich geschlossenen künstlerischen Gesamtwirkung; das Spielerische, Launige anderer Bildhand-

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