Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 6 (15.3.1929)
- Article
- Unseren gefallenen Kameraden
- Date
- 1929-03-15
- Page
- Seite 83 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2727875-2727881-2735249--04471-2735330- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 83 es anders. Cr möchte, daß ich etwas erzähle von draußen, er hat Wünsche, die ich rührend und dumm finde, zu ihm schon habe ich kein rechtes Verhältnis mehr. Am liebsten möchte er immerfort etwas hören. Ich begreife, daß er nicht weiß, daß so etwas nicht erzählt werden kann, und ich möchte ihm auch gern den Gefallen tun; aber es ist eine Gefahr für mich, wenn ich diese Dinge in Worte bringe, ich habe Scheu, daß sie dann riesenhaft werden und sich nicht mehr bewältigen lassen. Wo blieben wir, wenn uns alles ganz klar würde, was da draußen vorgeht. ' Was erzählen? Ich hatte ein Grauen davor. Aber dann kam ich doch ins Reden, und so, daß ich gar nicht wieder aufhörte. In den nächsten Tagen ging ich überall umher, zu den Bienenkörben und auf den Berg. Von den Kindern faßte nur der kleine Junge wirkliches Vertrauen zu mir. Er wollte immer mit mir gehen, und ich nahm ihn gern mit. Er ging dann schweigend und ernsthaft neben mir her. Sonst war ich unruhig und half im Haus und auf dem Felde. Ende R eNn: '! ’ I Am Tage darauf rückten wir auf den Bahnhof und warteten da bei strömendem Regen auf den Zug. Es war längst Nacht geworden, als er eintvaf. Es waren alles Viehwagen mit Schiebetüren. Wohin wir fuhren, wußten wir nicht, nur daß es noch nicht gleich nach Hause ging. Remarque: Er fiel im Oktober 1918, an einem Tage, der so ruhig und still war an der ganzen Front, daß der Heeresbericht sich nur auf den Sätz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden. Er war vornübergesunken und lag wie schlafend an der Erde. Als man ihn umdrehte, sah man, daß er sich nicht lange gequält haben konnte; sein Gesicht hatte einen so gefaßten Ausdruck, als wäre er beinahe zufrieden damit, daß es so gekommen war. Für jeden war der Krieg so, wie er ihn erlebte. Schön ist menschlicher Mut und menschliche Tapferkeit angesichts des Grauens. Schön ist die Verzweiflung, die auch Hoffnung ist. „Wer über manchen Dingen den Verstand nicht verliert,." II. Unseren gefallenen Kameraden Gedenkbuch für die im Weltkrieg gefallenen Münchner Juden Zu gleicher Zeit beinahe, in der der unbekannte Soldat sein literarisches Denkmal gefunden hat, hat die Ortsgruppe München des Reichöbundes jüdischer Frontsoldaten ein Gedenkbuch für die gefallenen Münchener Kameraden herausgebracht.' Hundertachtzig Münchener Soldaten, plötzlich durch ein übermächtiges Geschehen aus ihrer Bahn gerissen. Fertig die einen, mit dem Leben verbunden und so auch mit dem Tode, unfertig die anderen, in Kämpfe und Nöte der Jugend verstrickt, ohne die Gnade der Vollendung. An die zweihundert, das ist beinahe eine Masse, doch es gibt keine Masse. In den kurzen, schlichten Sätzen unter den Porträts entsteht vor uns das Bild der Persönlichkeit. Soldaten haben dieses Buch zum Andenken an ihre gefallenen Kameraden veröffentlicht, einfach, schlicht. Diese Bescheidenheit der Person, Uberschattung durch die Sache ist ein Erlebnis: ...kam als Junge nach München, wo er die Schule besuchte. Dann ergriff er den Beruf eines Kellners: er war in der Gaststätte „Jochsberger" und später im Cafe „Fahrig" tätig. Von dort rückte er im August 1916 zu den österreichischen Fahnen ein. Ende 1917 kam er an die russische Front und fiel bei Wadowice am 13. April -lai» 2 Unseren gefallenen Kameraden. Gedenkbuch für die im Weltkrieg gefallenen Münchener Juden. Herausgegeben von der Ortsgruppe München des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten Verlag B. Heller, München 1929. ... er war Kaufmann von Beruf und rückte Oktober 1914 als Infanterist ein. Nachdem er längere Zeit beim Ersatz-Truppenteil Dienst machte, kam er zu einer Maschinengewehrabteilung als Gefteiter ins Feld. Bei den schweren Abwehrkämpfen im Juli 1918 wurden ihm beide Beine abgeschossen, und er starb den Soldatentod auf dem Transport vom vorgeschobenen Verbandsplatz zum Hauptverbandsplatz. Ein Testament In ernster Stunde folgte ich dem Rufe des Vaterlandes und ziehe aus mit Vertrauen auf G'tt, dem Lenker aller Schicksale, zum Kampfe gegen den Feind, der es bedroht. In Deine Hände, o G'tt lege ich meine Seele, tue ihr wie Du es in Deiner Güte und Barmherzigkeit für recht hältst. Sollte es in Deinem Ratschlüsse liegen, daß ich fürs Vaterland fallen soll, so danke ich auch Dir dafür, denn was Du tust, ist wohlgetan. Dein Name sei gepriesen für und für. Mein ganzes Vermögen, was mein Eigentum ist oder noch mir irgendwoher zufallen sollte, meine Lebensversicherungen: alles gehört meiner innigstgeliebten Mutter, der ich in heißer, treuer Liebe zugetan bin. — Möge G'tt sie in seinen Schutz und Schirm nehmen. Geschrieben am 5. Tage der Mobilmachung am 6. August 1914. Und es taucht die Erinnerung an die Freunde wieder auf, mit denen man zur Schule ging und mit denen man im Felde zusammenlag. Dieser hatte einen Kopfschuß, es litt ihn nicht zu Hause, verschüttet, blieb er im Felde, kurz vor Kriegsende traf ihn eine Granate. Gewiß war es auch Ehrgeiz, der ihn trieb, aber welch freier, sympathischer, männlicher Ehrgeiz. Jener gegen Ende des Krieges schwer verwundet, schrieb noch vom Totenbette seinen Angehörigen unzusammenhängende Sätze auf einer Karte, sie sollten sich nicht sorgen, es fei nicht gefährlich. Vernichtung blühenden Lebens, Vernichtung wertvoller Kräfte! Möge dies nicht umsonst gewesen sein! „Dem Kampf des Tages", so heißt es am Ende des Vor- Worts, „soll dieses Buch nicht dienen. Aber jeder, der sehen will, wird ihm entnehmen, daß die Münchener Juden ihre vaterländische Pflicht im Kriege voll erfüllt haben." Dem Kampfe des Tages soll dieses Buch nicht dienen und dennoch ist es von ihm umzittert. Man kann kein solches Buch schreiben, ohne Schmerz darüber zu empfinden, wie das Andenken dieser Gefallenen geschmäht worden ist. Vielfach durch unreife Jugend, an der das Erlebnis des Weltkrieges hauptsächlich deswegen spurlos vorübergegangen ist, weil sie ihn nicht mitgemacht hat. Man stürzt Grabsteine um, beschmutzt sie und beschmutzt das Andenken der Gefallenen. Dies ist nicht der Geist vom Geiste derjenigen, die wir in den Schilderungen von Renn und Remarque wieder erkennen. Nicht mehr davon! Es ist schlimm genug für uns selbst, immer in der Abwehr zu stehen. Daß Vaterlandsliebe nicht nur Vaterlandsliebe, Pietät nicht nur Pietät, sondern alles auch immer Abwehr sein muß. Es ist schlimm genug für die anderen, daß Pietät auch immer Haß und Vaterlandsliebe auch immer Schmähung fein muß. Auf dem schönsten Platz unserer Vaterstadt steht in großen Lettern geschrieben: „Herr, mach uns frei!" Herr, mach uns frei! Aber nicht nur von äußerer Knechtschaft! Nicht nur von äußeren Feinden! Eugen Schmidt ttus dem Reiche Albert Einstein 50 Jahre Berlin, 3. März. (ITA.) Am Donnerstag, dem 14. März 1929, vollendet Professor Albert Einstein sein 50. Lebensjahr. Dieses Datum ist ebenso bedeutungsvoll für die internattonale wissenschaftliche Wett wie für das Judentum, das Albert Einstein zu seinen größten Söhnen zählt. Albert Einstein wurde am 14. März 1879 in Ulm an der Donau geboren. Als er fünf Jahre alt war, übersiedelte die Familie Einstein nach.München, wo das Oberhaupt eine elektrotechnische Fabrik