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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-03-15 · 6 (15.3.1929) · p. Seite 82

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
6 (15.3.1929)
Article
Unseren gefallenen Kameraden
Date
1929-03-15
Page
Seite 82 (sequence 1)
Language
German
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82 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 Unseren gefallenen Kameraden Exegi momimentum aere perennius. Horaz, Carmina III, 30. Renn und Remarque Zwei Bücher vom Krieg, zuerst veröffentlicht in großen deutschen Tageszeitungen, haben das Geschehen des Weltkrieges wiederum in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Ludwig Renn: „K r i e g", und Erich Maria Remarque: „Im Westen nichts Neue s"? Beide Bücher berichten über den Krieg, wie ihn der gemeine Mann erlebte. Indem der einfache Soldat seine persönlichen Erlebnisse erzählt, gewinnen diese Erlebnisse eine typische und darum eine außerordentliche Bedeutung. So oder so ähnlich hat den Krieg jeder Soldat erlebt. Der unbekannte Soldat wird vor uns lebendig, seine Freuden und Leiden. Die letzteren überwiegen. Dies ist, so selbstverständlich es klingen mag, keine Selbstverständlichkeit. In keinem Krieg vorher ist das Leid so beherrschend in den Vordergrund getreten wie in diesem Kriege. Kriegserinnerungen aus dem Kriege 1870/71 lesen sich demgegenüber beinahe wie Humoresken. Beispielsweise das in seiner Art vortreffliche Buch „Kriegserinnerungen eines Feldzugsfreiwilligen aus den Jahren 1870 und 1871" von Karl Zeitz (Gerbelverlag, Altenburg). Die Bücher von Renn und Remarque heischen kein Mitleid. Renn, wenn er sich auch nicht des Schmerzes schämt, spart mit der SchmerzenSäußerung. Dies ist die Keuschheit des Mannes. Wir gewinnen einen Einblick in ein Heldentum, das kein Heldentum im üblichen Sinne mehr ist, denn es ist namenlos. Die Seele des einfachen Mannes offenbart sich uns und diese Offenbarung ist oft erschütternd, oft rührend, immer zum Nachdenken verpflichtend. Welche stille Größe^ welche unsentimentale Tiefe, welche Bescheidenheit der Person und welch ernster Wille zur Sache. Aus dem Zusammensein dieser Männer in vielen Jahren der Not wächst als schönste Frucht die Kameradschaft: Kat hat, ohne daß ich es gemerkt habe, unterwegs einen Splitter in den Kopf bekommen. Nur ein kleines Loch ist da, es muß ein ganz geringer, verirrter Splitter gewesen sein, aber er hat ausgereicht. Kat ist tot. Ich stehe langsam auf. „Willst Du sein Soldbuch und seine Sachen mitnehmen?" fragt der Gefreite mich. Ich nicke, und er gibt sie mir. Der Sanitäter ist verwundert: „Ihr seid doch nicht verwandt?" Nein, wir sind nicht verwandt, nein wir sind nicht verwandt. Gehe ich? Habe ich noch Füße? Ich hebe die Augen, ich lasse sie herumgehen und drehe mich mit ihnen, einen Kreis, einen Kreis, bis ich innehalte. Es ist alles wie sonst. Nur der Landwehrmann Stanislaus Katczinfky ist gestorben. Dann weiß ich nichts mehr. (Remarque.) Ein Kritiker hat es bedauert, daß das Buch von Renn nicht zuerst in einem „nationalen" Blatt erschienen ist. Das war wohl nicht möglich. Man kann dem ungeheuren Erlebnis des Krieges nicht allein vom nationalen Standpunkt aus gerecht werden, womit hier kein Werturteil ausgesprochen ist. Diese Bücher haben mit der Tagespolitik nichts zu tun. Sie haben keine andere Tendenz als die künstlerische Tendenz, das Erlebte zu gestalten. Durch keine politische Stellungnahme gefärbt, taucht vor unseren Augen das Kriegserlebnis auf, so wie es war. Sie 1 Ludwig Renn, „Krieg" erstmals veröffentlicht in der „Frankfurter Zeitung", in Buchform erschienen bei der Frankfurter Sozietätsdruckerei, Frankfurt a. M. 1929. Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues", erstmals veröffentlicht in der „Vossischen Zeitung", in Buchform erschienen im Propyläenverlag, Berlin 1929. wirken gerade deswegen, wie jede künstlerische Schöpfung, und sind — auf einer höheren Ebene — politisch. Renn und Remarque sind mit ihren beiden Büchern ungefähr zu gleicher Zeit herausgekommen. Eine Gegenüberstellung liegt nahe. Welche Verschiedenheit des Typus. Renn, sehr herb, wortkarg, mit Empfindungen zurückhaltend, tüchtig, kaltblütig, im guten Sinne ein guter Soldat. Remarque, junger Kriegsfreiwilliger mit wachen Nerven, erschüttert in allen Fasern, tapfer. Was gibt es an stiller Tapferkeit! WieRennschreibenlernt — „An den Schrifsstellern fiel mir auf, wie willkürlich sie die Worte setzten, obwohl es doch eine ganz klare Notwendigkeit gab, wie man die Worte setzen muß, daß nämlich die Worte immer in der Reihenfolge stehen, wie sie der Leser erleben soll, zum Beispiel nicht: eine grüne, über mehrere Kuppen -ansteigende Wiese; denn zuerst muß man doch wissen, daß es eine Wiese ist, und daher muß das Wort vorn im Satze stehen. Um mir über das Wichtige klar zu werden, stellte ich mir stets das ganze Bild mit allen Einzelheiten vor, mit Beleuchtung, jedem Geräusch und jeder seelischen Regung. Dann schrieb ich erst und ließ alles weg, was nicht unbedingt notwendig war." Verwundete vor der Linie Remarque: Einen suchen wir vergeblich zwei Tage hindurch. Er muß auf dem Bauche liegen und sich nicht umdrehen können. Anders ist es nicht zu erklären, daß wir ihn nicht finden; denn nur, wenn man mit dem Munde dicht auf dem Boden schreit, ist die Richtung so schwer festzustellen. Er wird einen bösen Schuß haben, eine dieser schlimmen Verletzungen, die nicht so stark sind, daß sie den Körper rasch derart schwächen, daß man halbbetäubt verdämmert, und auch nicht so leicht, daß man die Schmerzen mit der Aussicht ertragen kann, wieder heil zu werden. Kat meint, er hätte entweder eine Beckenzertrümmerung oder einen Wirbelsäulenschuß. Die Brust sei nicht verletzt, sonst besäße er nicht so viel Kraft zum Schreien. Man müßte ihn bei einer anderen Verletzung sich auch bewegen sehen. Er wird allmählich heiser. Die Stimme ist so unglücklich im Klang, daß sie überall Herkommen könnte. In der ersten Nacht sind dreimal Leute von uns draußen. Aber wenn sie glauben, die Richtung zu haben, und schon hinkriechen, ist die Stimme beim nächstenmal, wenn sie horchen, wieder ganz anderswo. Bis in die Dämmerung hinein suchen wir vergeblich. Tagsüber wird das Gelände mit Gläsern durchforscht; nichts ist zu entdecken. Am zweiten Tag wird der Mann leiser-, man merkt, daß die Lippen und der Mund vertrocknet sind. Unser Kompagnieführer hat dem, der ihn findet, Vorzugsurlaub und drei Tage Zusatz versprochen. .Das ist ein mächtiger Anreiz, aber wir würden auch ohne das tun, was möglich ist; denn das Rufen ist furchtbar. Kat und Kropp gehen sogar nachmittags noch einmal vor. Albert wird das Ohrläppchen dabei abgeschossen. Es ist umsonst, sie haben ihn nicht bei sich. Dabei ist deutlich zu verstehen, was er ruft. Zuerst hat er immer nur um Hilfe geschrien, in der zweiten Nacht muß er etwas Fieber haben, er spricht mit seiner Frau und seinen Kindern, wir können oft den Namen Elise heraushören. Heute weint er nur noch. Abends erlischt die Stimme zu einem Krächzen. Aber er stöhnt noch die ganze Nacht leise. Wir hören es so genau, weil der Wind auf unfern Graben zusteht. Morgens, als wir schon glauben, er habe längst Ruhe, dringt noch einmal ein gurgelndes Röcheln herüber —. Vorn immer einzelne Gewehrschüsse. Ob sie unsre Verwundeten dort einzeln abschossen? Vielleicht auch Schanze, dem ich versprochen hatte, Hilfe zu bringen? Aber was sollte ich tun? Urlaub Remarque: Aber mit den Leuten kann ich nicht fertig werden. Die einzige, die nicht fragt, ist meine Mutter. Doch schon mit meinem Vater ist

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