Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 2 (15.1.1929)
- Article
- Die Wohlfahrtsarbeit des Verbandes
- Date
- 1929-01-15
- Page
- Seite 21 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 21 gewisser Fortschritt in der Arbeit auf diesem schwierigen Gebiet erreicht werden kann — und wohl auch zum Teil schon erreicht ist, ein Fortschritt, der darin besteht, daß berufsmäßige Schnorrer durch die Meldungs- und Warnungslisten doch allmählich ausgeschaltet werden und Leute, die aus triftigen Gründen nach einem bestimmten Ziel wollen, nicht mehr vom Ort sich die Mittel für ihre Reise zusammenschnorren müssen. Ein weiterer und wirklicher Fortschritt wird aber erst dann erreicht sein, wenn Arbeitsmöglichkeiten für die Durchwanderer geschaffen werden, in denen die, die wirklich arbeiten wollen, beschäftigt werden können. Die Hauptstelle für jüdische Duvchwandererfürsorge steht zur Zeit in Verhandlungen wegen der Schaffung einer Arbeiterkolonie für diesen Zweck. Es wäre zu erwägen, ob nicht auch hier in Bayern eine ähnliche Einrichtung zu schaffen wäre. Dieser Plan könnte aber wohl erst dann durchgeführt werden, wenn die Schwierigkeit, hier in Bayern für die — zum großen Teil doch ausländischen — Durchwanderer Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, behoben fein wird. Und nun zum Schluß noch einige Worte über die Subventionen an die in den einzelnen Gemeinden bestehenden privaten Wohlfahrtseinrichtungen. Dabei ist im besonderen in diesem Zusammenhang von den Anstalten zu sprechen, bei denen der Verband sich für seine Subvention gewisse Rechte vorbehält — auf dem Gebiet der Erholungsfürsorge für Erwachsene, also vom Kurhospiz in Kissingen. Der Verband gewährt hier während zehnmal 4 Wochen Erholungsbedürftigen aus dem Land einen Kuraufenthalt. Im vergangenen Jahre konnten wir alle diesbezüglichen uns auf unsere Ausschreibung in der Gemeindezeitung zugegangenen Gesuche befriedigen — in diesem Jahr mußten wir leider einigen abschreiben. Wir sind dabei in der Regel so vorgegangen, daß wir nach den allgemeinen Grundsätzen der offenen Fürsorge des Verbandes — die gesundheitliche Dringlichkeit und die Bedürftigkeit vorausgesetzt — nur einem Mitglied einer Familie und den einzelnen Kurbedürstigen nicht in zwei aufeinanderfolgenden Jahren die Vergünstigung des kostenlosen Aufenthaltes im Kurhospiz gewährten. . Zuletzt möchte ich nun von unserem Landesheim in Würzburg sprechen. Unser Heim liegt im Gartenhaus der Würzburger Kranken- und Pfründnerhausstiftung und wird von dieser verwaltet. Es ist feit Mai 1926 belegt. Im Laufe dieser Zeit konnten 29 Pfleglinge ausgenommen werden, von denen 7 gestorben sind. Zur Zeit ist das Heim mit 22 Pfleglingen voll belegt. Zwei weitere Pfleglinge find für die Aufnahme vorgemerkt, mit weiteren stehen wir in Verhandlungen. Es zeigt sich, daß das Heim, in dem die Pfleglinge hervorragend gut untergebracht sind, nicht groß genug ist. Es ist nun aber schwer, die Frage nach der Notwendigkeit einer Vergrößerung der Anstalt, die zweifellos zu bejahen ist, nach ihrer zahlenmäßigen Seite hin genau zu prüfen. Einen kleinen Anhaltspunkt können uns die Gesuche geben, die zur Aufnahme im Siechenheim zu uns gerichtet wurden, aber nicht genehmigt werden konnten. Es waren im ganzen 26. Fünf davon haben während der Verhandlungen ihr Gesuch zurückgezogen bzw. zurückgestellt. Ein Gesuch lehnten wir ab, da das Heim schon besetzt war und es sich um einen außerbayerischen Gesuchsteller handelte; 9 Gesuche mußten wir ablehnen, da sich die Gesuchsteller nicht für ein Siechenheim eigneten und 11 Gesuchsteller haben — wahrscheinlich wegen der Höhe der Kosten — nach Bekanntgabe der Bedingungen nicht mehr geantwortet. Wie gesagt, gibt diese Aufstellung nur einen ungefähren Anhaltspunkt, da in der Ausschreibung in der Gemeindezeitung seinerzeit die genauen Aufnahmebedingungen angegeben waren und sich die Leute daher in der Regel nur dann um Aufnahme beworben haben, wenn sie eine Aufnahme gerade in ein Siechen heim brauchten, und zweitens in der Lage waren, den geforderten Satz von monatlich RM. 100.— zu zahlen. Für den Verpflegsfatz zahlten wir vom Verband aus an die Verwaltung der Israelitischen Kranken- und Pfründnerhaus-Stiftung Würzburg bis zum 1. Juli 1927 RM. 6.— pro Tag und Pflegling, seitdem RM. 3.25. Von den Pfleglingen haben wir RM. 100— verlangt, bei 7 Pfleglingen zahlen wir hierzu noch einen Sonderzuschuß in Gesamthöhe von monatlich RM. 245.—. Der Satz von RM. 100.— monatlich, den wir in der Regel verlangen, ist nun — selbst wenn die öffentliche Fürsorge, Verwandte oder die jüdische Gemeinde einen Zuschuß leisten, für die meisten zu hoch. Und es besteht zweifellos für Sieche, daneben aber auch vor allem für alte Leute, die nicht als siech anzusprechen sind und keine besondere Pflege brauchen, das Bedürfnis, zu einem niedrigen Satz Aufnahme in einem Heim finden zu könnem Cs ist darum wohl eine der vordringlichsten Aufgaben der Wohlfahrtspflege unseres Verbandes, das bestehende Heim in Würzburg auszubauen und ihm ein Altersheim für den Verband anzugliedern oder ein neues Heim zu schaffen, das den größeren Anforderungen entspricht und in dem sich dann auch durch den größeren Betrieb die Kosten niedriger stellen werden. vie Jugendfürsorge des Verbandes Von Fräulein Katzenstein Referat, gehalten auf der Tagung des Verbandes zu Bamberg Bevor ich über Leistungen des Verbandes auf dem Gebiet der Jugendfürsorge berichte, möchte ich auf die grundlegenden Ideen, auf denen die Jugendfürsorgearbeit unseres Amtes aufgebaut ist, eingehen. Aus der Bereitschaft heraus, der Jugend zu helfen, Not zu lindern, bessere Lebensbedingungen zu schaffen, ist unsere Tätigkeit erwachsen, und dieses Grundelement müssen wir in unserem Bewußtsein lebendig zu erhalten versuchen — über alle Schwierigkeiten, die die Praxis bringt, hinweg. Die Schwierigkeiten sind groß, das erkennt man um so mehr, je länger man in der Fürsorge arbeitet. Manchesmal meint man, die Erfolge entsprächen nicht dem Aufwand an gutem Willen, an Mühe und Kosten und man möchte verzweifeln über die vielen Mißerfolge und Enttäuschungen, die die Arbeit bringt. Aber über diese traurigen Gefühle, die sicher keinem, der in der sozialen Arbeit steht, erspart bleiben, siegt schließlich ein anderer, ein positiver Gedanke: man erkennt, daß man sich von Anfang an und immer wieder von neuem das Ziel zu weit steckt; man wird sich klar darüber: allen denen, die nach unserer Überzeugung Hilfe nötig hätten, wirklich zu helfen — ist menschenunmöglich; aber wenn auch nur ein Teil der Eltern für ihre Kinder den Rat und die Tat, die wir ihnen bieten, mit Erfolg annehmen, wenn nur ein Teil der Kinder, die wir in geistiger und körperlicher Hinsicht vor Schaden zu bewahren und zu fördern suchen, aus diesen unseren Bemühungen Nutzen ziehen — dann dürfen wir uns sagen, daß unsere Arbeit nicht umsonst, sondern, daß sie notwendig und fruchtbringend ist. Es ist meiner Auffassung nach, eine der wichtigsten Aufgaben der Fürsorgerin, daß sie in ihrer Gedankenarbeit immer wieder auf diesen Punkt der Erkenntnis zurückkehrt, und daß sie hieraus die Kraft schöpft, jeder einzelnen neuen Aufgabe — ich vermeide absichtlich den Ausdruck „Fall" — einstellungsgemäß so entgegenzutreten, als ob die Menschen, die da ihren Rat und ihre Hilfe suchen, die ersten und einzigen wären. Bei aller Vorsicht, die ja leider nur zu oft angebracht ist, müssen wir zu den Menschen, die sich an uns wenden, müssen wir aber auch in die uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur Hilfe Vertrauen haben. Ich möchte sagen, daß man dazu kommen muß, die Sicherheit und die Erfahrungen der Praxis mit der Unvoreingenommenheit und dem Elan der ersten Arbeitszeit zu verbinden. In der freien Jugendwohlfahrtspflege wäre das Aufstellen von Prinzipien, nach denen man sich engherzig zu richten hätte, verfehlt und nicht dem Sinn der konfessionellen Liebestätigkeit entsprechend; aber das hindert nicht, daß wir heute doch eine Reihe von Grundsätzen haben, die sich im Lauf der Jahre durch die Praxis herausgebildet haben und die in weitgehendem Maße befolgt werden. Ich halte es aber für wichtig, zu bemerken, daß auch diese Grundsätze nicht als starre Regeln an der Wand unseres Amtes angeschlagen sind —, womit ich sagen möchte, daß sie uns eigentlich in der Fürsorgetätigkeit selbst kaum bewußt werden — höchstens in Sitzungen und Besprechungen kommen sie zum Ausdruck—, sondern daß nur die Besinnung auf sie die Herausstellung einiger solcher leitender Gedanken, die ich nachfolgend skizzieren möchte, ermöglicht hat. Ein solcher ganz wichtiger Grundsatz ist die Prophylaxe. Wir dürfen froh sein, daß wir — in ganz anderem Maße wie die