Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 2 (15.1.1929)
- Article
- Die Wohlfahrtsarbeit des Verbandes
- Date
- 1929-01-15
- Page
- Seite 20 (sequence 2)
- Language
- German
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20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 besteht; zweitens, die offene Fürsorge, über die ich — mit Anschluß der Jugendfürsorge, die Fräulein Katzenstein später behandelt — im wesentlichen heute sprechen will; drittens die Organisation der Durchwandererfürsorge in Bayern. Ich möchte nun zuerst von der offenen Fürsorge des Verbandes sprechen. Die Aufwendungen für die offene Fürsorge des Verbandes find sehr klein: Cs sind im Jahre 1927 6300 RM. für diesen Zweck ausgegeben worden. Aber gerade hier gibt die Zahl eigentlich gar keinen Aufschluß über die Tätigkeit. Dem ganzen Aufbau unseres Wohlfahrtsamtes entsprechend kann nur eine ergänzende offene Fürsorge in Betracht kommen, da, wo die lokalen, öffentlichen, gemeindlichen und privaten Mittel nicht reichen — also in Fällen, in denen ganz besonders hohe Aufwendungen erforderlich find und vor allem an Fürsorgebedürftige aus leistungsschwachen Kleingemeinden. Es sind im vergangenen Jahre mit Ausnahme von Fällen der Jugendfürsorge an 32 Gesuchsteller Unterstützungen gegeben worden. In allen weiteren Fällen, in denen Gesuche an den Verband gerichtet wurden, bestand die Tätigkeit unseres Wohlfahrtsamtes darin, die Gesuchsteller im allgemeinen zu beraten und im besonderen sie an die für sie fürsorgepflichtigen Stellen zu weisen und eventuell die Verhandlungen mit diesen zu führen. Schon in den Großgemeinden hat es lange gedauert, bis sich die Gedanken der Fürsorgepflichtverordnung, nach denen zum mindesten jeder Deutsche ein Recht aus Unterstützung hat, allgemein durchgesetzt Haben. Unsere jüdischen Hilfsbedürftigen, die mit großer — oft allzugroßer — Selbstverständlichkeit die Hilfe der jüdischen Gemeinschaft annehmen, sind nur sehr schwer dazu zu bewegen, sich an die — für sie in erster Linie zuständigen — öffentlichen Stellen zu wenden. Wir treffen immer und immer wieder auf die Erscheinung, daß die Hilfeleistung von der jüdischen Gemeinschaft als Selbstverständlichkeit angesehen wird in der echt jüdischen Einstellung, daß der Gebende eigentlich dem Nehmenden zu Dank verpflichtet ist, der ihm Gelegenheit zur Mizwoh gibt. Dagegen erfordert es meist ein langes überreden, bis der Bedürftige sich entschließt, sich um Hilfe an eine nichtjüdische öffentliche Stelle zu wenden. In den Großgemeinden ist es wohl in den letzten Jahren zwar allgemein durchgeführt worden, daß wenigstens alle deutschen Hilfsbedürftigen die ihnen aus öffentlichen Mitteln zustehenden Unterstützungen in Anspruch nehmen und daß diese von der jüdischen Wohlfahrtspflege nur ergänzt werden. Bei der großen Not, die heute in Kreisen — auch gerade des jüdischen Mittelstandes — herrscht, wäre eine wirksame Hilfe ohne diese öffentlichen Mittel kaum mehr denkbar. Die Schwierigkeiten, die Bedürftigen zur Annahme dieser Mittel zu. bewegen, bestehen aber weiter und verstärkt in den Kleingemeinden. Wir haben vom Wohlfahrtsamt unseres Verbandes aus im vergangenen Jahr zwei Bezirkswohlfahrtstagungen veranstaltet, auch in erster Linie, um die Lehrer und Vorstände der kleineren Gemeinden, in deren Händen ja dort die Wohlfahrtspflege liegt, in die Gedanken der neuen Fürsorgegesetze einzuführen, mit ihrer besonderen Anwendung auf unsere jüdische Wohlfahrtsarbeit. Neben dem Sachlichen, der Einführung in die neuere Fürsorgegesetzgebung, waren uns vor allem die persönlichen Beziehungen wichtig, die durch diese Tagungen zwischen uns und den Lehrern und Vorständen der Gemeinden angeknüpft wurden. Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, daß sich auch die schwierigsten Dinge schriftlich besser erledigen lassen ,wenn man nicht an eine unpersönliche Stelle, den Lehrer, den Gemeindevorstand oder umgekehrt an das Wohlfahrtsamt des Verbandes schreibt, sondern wenn man den Menschen kennt, mit dem man verhandelt. Es ist dies eine der Möglichkeiten, um gerade in der offenen Fürsorge des Verbandes, die ja der ganzen Organisation nach entsetzlich unpersönlich sein muß, eine mechanische Erledigung der Fälle zu verhindern. Und diese — allerdings bis jetzt vereinzelten — beiden Bezirkswohlfahrtstagungen haben uns diesen Kontakt sehr gut vermittelt. Die Vertrauensstelle, mit der wir die Verhandlungen führen, ist in den Kleingemeinden der Gemeindevorstand oder der Lehrer, in den Rabbinatssitzen der Rabbiner, sonst der Vorstand eines Wohltätigkeitsvereins und in den größeren Gemeinden die Zentralen für jüdische Wohlfahrtspflege. In Bayern bestehen heute Zentralen in München, Fürth, Nürnberg, Augsburg und Würzburg. Nur in zwei von diesen fünf Stellen arbeiten angestellte ausgebildete Sozialbeamte. Bei den immer schwieriger werdenden sozialen Verhältnissen ist es zu wünschen, daß auch die übrigen Zentralstellen zur Anstellung einer für die Arbeit vorgebildeten Kraft übergehen und außerdem, daß auch in größeren Mittelgemeinden Zentralen geschaffen werden. Die Zweckmäßigkeit und darüber hinaus die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der einzelnen Wohlfahrtsvereine und -beftrebungen in größeren Gemeinden wird wohl heute allgemein anerkannt. Es sind nur manchmal lokale Schwierigkeiten, die dem Zusammenschluß entgegenstehen, Schwierigkeiten, die meist in der Einstellung einzelner Vereinsvorstände begründet sind, die einer Zentralisation widerstreben, weil ihnen diese dann mehr amtliche Arbeit dem Charakter jüdischer privater Wohlfahrtspflege nicht zu entsprechen scheint. Ich glaube nun, daß die bestehenden Zentralen den Mut zur Gründung neuer geben können. Es hat sich gezeigt, daß eine Zusammenarbeit der einzelnen Vereine — die sich ja meist mit verschiedenen Zweigen der Fürsorge beschäftigen — untereinander und auch mit der Gemeinde sehr wohl möglich ist bei Wahrung der Selbständigkeit der einzelnen Vereine und vor allem auch bei Wahrung des privaten Charakters der Arbeit. Zweifellos liegt hier eine große Schwierigkeit: die Gefahr der Mechanisierung, die in jeder Organisation beschlossen liegt. Aber gerade unsere jüdische Wohlfahrtspflege hat soviel lebendige Kräfte, daß in ihr immer die private Initiative, die persönliche Hilfe von Mensch zu Mensch wirksam sein wird — auch wenn die äußere Organisation einen amtlichen Charakter hat. Ich möchte dann noch von der Durchwandererfürsorge unseres Verbandes sprechen. Ich glaube, ich kann mich — trotz der Größe und Schwierigkeit gerade dieses Teils der Arbeit — hier kurz fassen, weil die betreffenden Fragen auf speziellen Tagungen von berufenerer Seite verschiedentlich schon ausführlich behandelt worden sind. Ich möchte darum eigentlich nur knapp berichten: Unser Wohlfahrtsamt hat für Bayern die Organisation der Durchwandererfürsorge durchgeführt, die durch die Arbeiter-Hauptstelle für jüdische Durchwandererfürsorge in Berlin nun in ganz Deutschland besteht. Danach ist ein Netz von Provinzialkassen in Deutschland geschaffen worden, und die Durchwanderer, die nur noch an diese Kassen kommen sollen, — die Kassen in den dazwischenliegenden Gemeinden sind ausgehoben — werden nach bestimmten Richtlinien von diesen Kassen befördert. In Bayern bestehen Provinzialkassen in München, Fürth, Würzburg, Regensburg und eine Grenz-, stelle in Pafsau. Diese Kassen werden vom Verband subventioniert. Sie sollen im übrigen von den ihnen angeschlossenen Gemeinden — die ja nach der Neuordnung keine Ausgaben für Durchwanderer mehr haben sollen —■ Beiträge erhalten. Wir hatten festgesetzt, daß jede Gemeinde jährlich RM. 1.— pro Kopf ihrer Mitglieder an die Provinzialkasse abführt. Wir müssen konstatieren, daß diese Beiträge nicht in der gewünschten Weise eingehen. Es liegt dies natürlich z. T. auch daran, daß trotz der Neuregelung es nicht ganz zu vermeiden ist, daß doch hier und da ein Durchwanderer auch in die kleineren Gemeinden kommt und diese dann — da sie sich zur strikten Durchführung des Systems, nach der sie jeden Durchwanderer abweisen sollten, nicht entschließen können — doch Ausgaben haben. Aber trotzdem glauben wir, daß durch die Neuordnung ein k> HAUS 0 k>! MÜNCHEN k KARLSPLATZ 5 DER qual. iT Aisstoffe 4 N. STARK & Cil 4 NÜRNBERG J LUITPOLDSTRASSE tl