Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 2 (15.1.1929)
- Article
- Gegenwartsfragen der jüdischen Wohlfahrtsarbeit
- Date
- 1929-01-15
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 gedanke unserer organisatorischen Arbeit: Zusammenfassung unbeschadet der freien Entwicklung, um so zu höchster Wirksamkeit zu kommen, durchzuführen versucht worden, und fast überall ist gute und enge Zusammenarbeit von gemeindlicher und Vereinswohlfahrtspflege das Ergebnis. Dabei ist es sicher schwierig und keineswegs bisher überall gelungen, die zum Teil sehr alten Vereinsformen innerlich mit der Arbeitsweise und dem Arbeitsinhalt moderner Wohlfahrtspflege zu verbinden. Indes sind solche Verbindungen an vielen Orten, gerade auch in Süddeutschland, erfolgreich eingeleitet worden. Ich komme nun zu einem weiteren Abschnitt, dem Inhalt der Arbeit. Auch hier kann ich nur die Hauptgebiete streifen. Auf dem Gebiete der Gesundheitsfürsorge möchte ich berichten, daß wir durch die schon erwähnte Arbeitsgemeinschaft im Ausbau der jüdischen Tuberkulosenfürsorge stehen; insbesondere besteht ein offener Fonds zur Ergänzung der Fürsorgemittel der behördlichen und der jüdischen örtlichen Fürforgeftellen sowie der etwa in Frage kommenden Versicherungsträger; der offene Fonds beteiligt sich meist ungefähr zu einem Drittel an den Kurkosten. Es besteht nun die Frage, ob und inwieweit dieser Fonds weiter zu entwickeln ist als allgemeiner deutscher Fonds, oder ob das den einzelnen Ländern selbst zu überlassen ist. Besonders Hinweisen möchte ich sodannj auf die notwendige Gründung einer Männertuberkulofenheilstätte. Es sind gegenwärtig Bestrebungen im Gange, Mittel dafür durch eine von Frankfurt ausgehende Lotterie zu gewinnen, um deren Förderung ja sicherlich auch Sie gebeten worden sind. Ich möchte ferner noch ein Wort über die Erholungsfürsorge sagen, die ja, wie Sie alle wissen, so wie in Deutschland, überhaupt gerade auch in jüdischen Kreisen, sehr große Bedeutung erlangt hat. Es gibt kaum jüdische Eltern, die nicht in irgendeiner Form eine Erholung für ihre Kinder durchzuführen wünschen, manchmal, sogar in zu reichem Maße. Sie wissen auch, daß diese Arbeit sich im allgemeinen gut entwickelt hat. Sie wissen vielleicht aber nicht alle, daß große Schwierigkeiten für die wirtschaftliche Ausnützung der Heime bestehen, weil sie alle nur während der wenigen Sommermonate gebraucht werden. Es wird jetzt angestrebt, durch Verbindung mehrerer Verwendungszwecke eine bessere Ausnützung der Heime zu erzielen. In diesem Zusammenhänge möchte ich besonders auch auf die Erholungsfürsorge für Erwachsene Hinweisen, die bisher fast überall etwas zu kurz gekommen ist. So bedeutungsvoll alle Wohlfahrtsarbeit für Kinder und Jugendliche ist, so darf darüber doch nicht vergessen werden, die Arbeit für Erwachsene, auch für die älteren und nicht mehr erwerbstätigen unter ihnen, und besonders auch für die im Haushalt tätigen Frauen und Mütter, die so vielfach durch den Haushalt und die Fürsorge für ihre Kinder überlastet sind. Darum möchte ich Ihnen die Erholungsfürsorge für Erwachsene besonders ans Herz legen. Eine weitere brennende Frage ist die Verbesserung der Fürsorge für jüdische Nerven- und Geisteskranke. Ich erwähne diese auch deshalb besonders, weil sie möglicherweise eine der Aufgaben sein wird, die den kommenden Reichsverband beschäftigen werden. Zum Schluß dieses Gebietes möchte ich noch von der bedeutungsvollen sozialen KrankenhauSfürsorge sprechen, die an die Arbeit der jüdischen Krankenhäuser, aber auch der allgemeinen Krankenhäuser, anknüpst, und die ein bedeutungsvoller neuerer Zweig der Wohlfahrtsarbeit ist. Für ihre Durchführung ist besonders wesentlich ein enges gegenseitiges Zusammenwirken der Fürsorgetätigkeit mit der Seelsorgearbeit der Rabbiner. Mit diesen Ausführungen muß ich leider den kurzen Überblick über die Gesundheitsfürsorge abschließen und mich nun Fragen der Wirtschaftsfürsorge zuwenden. Es wäre sicherlich reizvoll, dabei einiges von der praktischen Durchführung der Reichsfürsorgeverordnung und von dem Verhältnis der wirtschaftlichen Leistungen der jüdischen Wohlfahrtspflege zur allgemeinen, insbesondere der kommunalen Fürsorge zu berichten. Wenn ich mir das auch versagen muß, so möchte ich doch hervorheben, daß zum Teil in viel weiterem Umfange, als angenommen wird, öffentliche Fürforgemittel herangezogen werden können, nicht nur für Inländer, sondern auch für Ausländer, besonders um Krankenhilfe und Gesundheitsfürsorge aller Art zu leisten, besonders natürlich bei Ausländern, die bereits jahrzehntelang in Deutschland wohnen und deshalb wohl überall praktisch den Inländern gleichgestellt werden. Ich kann das alles nur andeuten und möchte deshalb auch nur mit einem Wort auf das eingehen, was Herr Rabbiner Dr. Baerwald zum Gebiet der Wirtschastsfürforge gesagt hat. Es wird bestimmt nicht zu viel geleistet, weder von der jüdischen noch von der öffentlichen Wohlfahrtspflege; aber der Punkt, in dem wir durchaus mit ihm übereinstitnmen, ist nicht die Höhe, sondern die Art der Durchführung wirtschaftlicher Fürsorge. Denn sicherlich ist Grundprinzip jeder guten Wohlfahrtsarbeit, besonders auch der wirtschaftlichen Fürsorge, daß sie vor allem Antrieb zur und Anfang der Selbsthilfe sein soll, um die Notwendigkeit dauernder wirtschaftlicher Unterstützung zu vermeiden und innerlich und äußerlich die Möglichkeit eigener wirtschaftlicher Betätigung wiederzugeben. Gerade in diesem Sinne gilt gegenwärtig beim Ausbau der jüdischen Wirtschaftsfürsorge ein besonderes Maß von Arbeit der Entwicklung des Kreditwesens. Sie müßte am besten in Anknüpfung und in planmäßigem Ausbau auch bei Ihnen bereits vorhandener und bewährter Stellen, Darlehenskassen oder Kreditgenossenschaften, und ferner durch stärkere Nutzbarmachung der interkonfessionellen Einrichtung der Kreditgemeinschaft geschehen, die ja auch eine bayerische Zweigstelle besitzt. Auf diese Kredirbeftrebungen, die bei unseren letzten Gesamtvorftandsberatungen behandelt worden sind, möchte ich Sie besonders Hinweisen. Zum Schluß dieses Gebiets wird es Sie vielleicht interessieren, noch ein Wort über den Stand der sozialen Wohlfahrtsrente für unsere Anstalten zu hören. Es sind bisher über 500 Anträge von jüdischen Anstalten und Vereinen gestellt worden, von denen über 500 positiv und 100 negativ entschieden sind und die übrigen 100 sich noch in Arbeit befinden. Man rechnet damit, daß bis Ende dieses Jahres die Arbeit vorläufig abgeschlossen sein wird. Zunächst werden für zweieinhalb Jahre für diese Anstalten Wohlfahrtsrenten zur Verfügung gestellt werden, und unsere Bemühungen wie die der übrigen Spitzenverbände werden nun darauf gerichtet sein müssen, daß baldmöglichst mit der Auszahlung begonnen wird. Von dem Gebiet der Wirtschastsfürforge möchte ich nun übergehen auf das Gebiet der Gefährdetenfürsorge und sagen, daß schon im Hinblick auf das bevorstehende Bewahrungsgesetz Vorbereitungen für ein Bewahrungsheim zunächst für Frauen und Mädchen im Gange sind, deren Hauptträger der Jüdische Frauenbund ist. Daneben bestehen bereits kleinere Zufluchtsheime in einer Reihe von Städten. Zu der damit im Zusammenhang stehenden Gefangenenfürsorge darf ich erwähnen, daß sich der Soziale Ausschuß des Rabbinerverbandes dieser Arbeit besonders unterzieht, natürlich im engen Zusammenwirken mit der Zentralwohlfahrtsstelle und mit den Organen der allgemeinen jüdischen Wohlfahrtsarbeit. Auch auf diesem Gebiet wird