Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 1 (1.1.1929)
- Article
- Alexander Eliasberg
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
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6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 bares Mißverständnis! Eine unpolitische Natur, war er mit seiner heimatlichen Familie konservativ, fast reaktionär. Seine Veranlagung zog ihn zu allem Mythischen, Mystischen, zu den Gewalten des Halbdunkels und des Unsichtbaren, zur katholischen Liturgie, zum Okkultismus. Er glaubte an magische Zusammenhänge aller Art, z. B. wenn er von den Opfern des Tutenchamon-Grabes sprach. So auch in Staat und Gesellsckaft. Er liebte den Sozialismus nicht. Noch 1918 bekannte er sich mir gegenüber zum Monarchismus. Auf diesem Boden konnte kein Verständnis für die revolutionären Bestrebungen im modemen Judentum gedeihen. Hierfür fehlten aber auch die jüdischen Voraussetzungen. Wohl hatte er in Miysk noch manchen jüdischen Brauch gesehen, aber seine Erziehung' verlies außerhalb des lebendigen Judentums. Gymnasium, französische Gouvernanten, Badereisen ins Ausland, restlose Hingabe an die Landessprache und Landeskultur — es ging so westeuropäisch zu wie nur irgendwo diesseits der Weichsel. Dementsprechend war seine Einstellung zu jüdischen Dingen, die er durch die Brille der russischen Literatur zu sehen gelernt hatte — man denke an die Juden bei Puschkin, Lermontow, Gogol, Turgeniew, Dostojewski, Tschechow ... Und trotz dieses ungünstigen Milieus wurde das Jüdische in ihm nicht unterdrückt. Ich persönlich habe nicht verfolgen können, welche Erlebnisse oder Einflüsse die Keime, die in ihm schlummerten, zum Entwickeln brachten. Als ich ihn kennenlernte, war er ausgesprochen auf dem Rückwege zum Judentum. Er war ein guter Kenner der Bibel geworden, die er in allen möglichen Sprachen las — außer auf Hebräisch, das er schlecht verstand. Der Krieg scheint auf ihn entscheidend eingewirkt zu haben. Im Jahre 1915 ließ er sich von mir alle Kriegsnummern der Jüdischen Rundschau schicken. Er wollte etwas von den neuesten Schicksalen der Juden erfahren. Nach kurzer Zeit schon schrieb er mir, er sei von den Leiden der Juden im Kriege: im Evakuations- und Okkupationsgebiet, in der französischen Armee, und auch anderwärts erschüttert. Er -bekenne sich nunmehr zum Zionismus. Er blieb bis zu seinem Tode Mitglied der Organisation. Zionist ist er eigentlich nie gewesen. Sein allem Gemeinschaftsstreben abholder Sinn ließ ihn nicht tiefer in die Bewegung eindringen. Er interessierte sich weder für die Ideologie des Zionismus, noch für seine Politik oder für den Palästinaausbau. Seine Zugehörigkeit zur Organisation war einfach ein Bekenntnis zur Judenheit, ein Symbol dafür, daß seine jüdische Seele wieder in ihren sicheren Port eingelaufen war. emanuel Lasker zu seinem 60. Seburtstag am 24. vezember 1928 Am 24. Dezember 1928 hat Dr. Emanuel Lasker, vielleicht der größte Schachspieler aller Zeiten, seinen 60. Geburtstag gefeiert. Lasker hatte 27 Jahre hindurch die Weltmeisterschaft im Schachspiel inne, die er im Jahre 1894 in einem Wettkampf gegen Wilhelm Steinitz gewann und erst im Jahre 1921 in Havanna gegen Capablanca abgeben mußte, wobei seine Spielstärke offensichtlich durch das ungewohnt heiße tropische Klima beeinflußt war. Emanuel Lasker ist zu Berlinchen in der Mark geboren und hat in Berlin, Göttingen und Erlangen Mathematik und Philosophie studiert. Von 1892 bis 1907 war er meist in Amerika und England, einige Jahre hindurch bekleidete er auch eine Professur auf dem Polytechnikum in Manchester; seit 20 Jahren hat er seinen Wohnsitz in Berlin. Auch nach seiner Niederlage im Kampf um die Weltmeisterschaft hat er noch Leistungen auf internationalen Turnieren verbracht, die ihn gewissermaßen heute noch als inoffiziellen Weltmeister erscheinen lassen. Es sei nur erinnert an das Neuyorker Turnier 1924, wo er vor Capablanca und Alechin unter denkbar stärkster Besetzung des Turniers den ersten Preis gewann. Moskau 1925 wurde er Zweiter, hinter Bogoljubow und vor Capablanca. Lasker ist, unbeschadet seiner großen praktischen Fähigkeiten in der Kunst des königlichen Spieles, der Philosoph des Schachspieles. Für ihn ist das Schachspiel nur eines der vielen Fälle menschlichen Kampfes, ihm gelten im Schachspiel wie im menschlichen Leben dieselben ewigen Kampfregeln, deren Außerachtlassung die Niederlage herbeiführt. In den Schachkämpfen wie in den Lebenskämpfen wirkt sich nach ihm eine immanente Gerechtigkeit aus. Seine philosophischen Anschauungen hat Lasker in großen philosophischen Werken niedergelegt. Wir nennen „Begreifen der Welt" (1913) und vor allem „Die Philosophie des Unvollendbar" (1919). Auch auf seinem ursprünglichen Arbeitsgebiet der Mathematik hat ihm die Wissenschaft wertvolle Bereicherung zu verdanken. Lasker hat durch seinen überragenden internationalen Ruf manches für deutsche Weltgeltung geleistet. Nicht zuletzt ist er aber auch ein treuer Jude und mit dem Judentum, zu dem er sich stets treu und offen bekannt hat, fest verwurzelt. Als für des Meisters Denkungsart charakteristisch möchten wir zum Schluffe eine Stelle aus Laskers Werk „Gesunder Menschenverstand im Schach" (neu erschienen 1925, Wertbuchhandel, Berlin), an der Lasker über das Läufergambit spricht, zitieren: „Alles in allem, und ohne allzuviel auf Einzelheiten einzugehen, lautet unser Schluß, daß das Läufergambit ungesund ist. Wie soll |T| B I [E| B E , Cafe Luitpold — Palmengarten Tabarm Luitpold neue Leitung: Hans Keckeisen Erstklassige Küche u. Wirtschaftsführung jeder Art zu mäßigen Preisen Täglich nachm, und abends Konzert, Sonn- und Feiertags nachmittags 4-Uhr-Tee » Tatarin täglich Künstlerprogramm mit Tanz Telephon 90 0 65, 927 99 ich dies aus Prinzipien erklären? Vielleicht vom Prinzip des Ethischen, vom Prinzip des Rechts und Unrechts. Gewiß, ich will hier nicht — was größenwahnsinnig wäre — das kleine Spiel der 64 Felder mit der Welt und die kleine Geschichte einer Schachpartie mit den ungeheuren Ereignissen der Weltgeschichte vergleichen. In letzteren herrscht ein gewaltiges Ethos, zu gewaltig, um es in Vergleich zu setzen mit Geringem. Aber doch, darf Man nicht vielleicht im kleinen Rahmen des Schachspiels vom Recht und Unrecht reden? Fällt nicht auch in das Spiel ein Reflex des großen Lichtes, wie in die Bauernhütte ein Strahl der Sonne? Und so darf man wohl sagen, daß Weiß kein Recht hat, in einer gleichen Stellung, wie sie nach 1. 62—64, 67—65 entsteht, einen Bauern zu opfern und seinen König Gefahren auszusetzen, wie es durch!2—f4 geschieht; und dann diese Politik der List und Überhebung fortzusetzen, indem es das Schach auf h4 frei läßt. Die Idee des Gambits, wenn dieses Berechtigung hat, kann nur auf Irreführung des Gegners zielen: Diesen nämlich zur zu eiligen Verfolgung seiner Attacke zu verlocken. Wenn daher im Läufergambit gesundes und folgerechtes Spiel des Schwarzen den Vorteil erringt, so triumphiert der gesunde Menschenverstand über Gaunerei, und auch im Schachspiel mit Recht. In älteren Zeiten hat man das Schachspiel nicht von diesem Gesichtspunkte her angesehen — erst Steinitz hat ihn gelehrt — und damals war die Vorstellung verbreitet, der Einfall des Spielers fei der Zauber, der alles vermöge. Damals hat man gerne Gambits gespielt; da beide Spieler nach Einfällen suchten, besonders nach' neuen, originellen, überraschenden Einfällen, kamen bei den Gambitspielen, bei denen sich ja die Linien schnell öffnen und so schnelle Entscheidungen möglich werden, blendende Kombinationen vor. Aus diesen Zeiten stammt eine zwar äußerst ungesunde, doch äußerst brillante Partie, die mit dem Namen der „Unsterblichen" geehrt wurde. 8. Eine Uegierungsentsdilietzung über jüdische Sriedhoiskunft Von Hauptlehrer A. Strauß (Üffenheim) Wir veröffentlichen gerne nachstehende Ausführungen unseres geschätzten Mitarbeiters, denen wir uns im wesentlichen anschließen. Zum Verständnis der Ausführungen sei bemerkt, daß die Grundsätze der Regierungsentschließung nicht für Großgemeinden gelten, in welchen die ständige Praxis für die Ausgestaltung der Friedhöfe und Grabsteine gärtnerischen Schmuck, plasttsche Ausgestaltung in Reliefform und deutsche Inschriften zuläßt. Nicht ganz gerechtfertigt erscheint dagegen die' Nichtzulassung von liegenden Grabsteinen, die gerade in manchen Friedhöfen auf Grund einer guten, alten, jüdischen Tradition gebräuchlich sind. Es ist eine bekannte, oft beklagte Tatsache, daß mit dem Niedergang der Kunst in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen