Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 1 (1.1.1929)
- Article
- Alexander Eliasberg
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 5 Alexander Von Ahron Zum Andenken an den verstorbenen hervorragenden Übersetzer und Schriftsteller Alexander Eliasberg, der lange Zeit in München lebte und im Vorjahre seinen fünfzigsten Geburtstag hätte feiern können, veröffentlichen wir nachstehende Erinnerungen, die wir den Blättern des Heinebundes entnehmen. Der Mann Wiewohl mehrfach mit ihm verwandt, habe ich Alexander Eliasberg erst als Dreißiger kennengelernt. Seine Jugend lag hinter ihm, aber er war noch ein freier Mann, der seinen Liebhabereien nachgehen konnte, seinen Liebhabereien und den Eingebungen seines Temperaments. Sein ganzes Wesen war Widerspruch. Er war gründlich im Lernen und Arbeiten, las ernste theoretische Werke und verbrachte Stunden auf der Staatsbibliothek, um Zitate auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Aber seine Urteilsbildung war oft leichtfertig wie die eines Literatenjünglings. Seine Aufsätze und Rezensionen waren sachlich, fast trocken. Die Briefe, die er mit Randzeichnungen, vielfarbigen Unterstreichungen, Einrahmungen und graphischen Scherzen aller Art belebte, zeigten schon eher den Mann; auch die geschäftlichen glichen bei aller Präzision im Sachlichen oft mehr Roda Rodaschen Skizzen als Urkunden von verpflichtendem Inhalt. Sein eigentlicher Stil war die Unterhaltung, die Erzählung. Sie wurde von einer bezwingenden Freude an einem Witz — gleichviel ob eigener oder fremder Fabrikation — beherrscht. Seine Wiedergabe von Erlebnissen und Abenteuern — zuweilen stilisierte Wirklichkeit — gehörten zum Vollendetsten, was ich an mündlicher Erzählungskunst erlebt habe. Er war kein trockener Humorist. Cr lachte mit, oft zuerst; darauf und auf dem angeborenen Charme in Haltung und Gebärde beruhte die oft recht nachhaltige Wirkung seiner Darbietungen. Er hatte Künstlerblut. Seine Kunst war die Schnurre, die er schrieb, erzählte und agierte. Possen Er kannte schlechterdings keine Hemmungen, wenn es galt, eine Hetz anzuzetteln, Freunden oder Feinden, Bekannten oder Fremden einen Schabernack zu spielen. Nur einige Proben. Ein Freund von ihm machte eine Reise durch Oberitalien. An jedem Aufenthaltsort erwartete ihn als postlagernde Sendung ein Exemplar der Broschüre „Die Hebung des Richterstandes", deren Restauflage Alexander auf der Münchener „Dult" im Hinblick auf solche Zwecke um ein paar Pfennige erstanden hatte. Eines Tages erschien in der Münchener Presse ein Inserat, in dem Reklameoerse für ein neu erfundenes Stärkungsmittel gesucht wurden. Am Stammtisch im Cafe Luitpold gab es tagelang kein anderes Thema als das Dichten von Reklameverfen für das „Robron". Es wurden derer an die hundert verfaßt, wovon gut die Hälfte von Alexander beigesteuert wurde; zwei weiß ich noch: In Portugal liegt Lissabon, . Der Suppe Würze in Robron und: Graf Pückler und der kleine Cohn Genießen beide das Robron. Alexander schrieb sie mit feiner zierlichen Handschrift nieder — er war unter anderem ein hervorragender Kalligraph — und machte sich damit auf den Weg zum Inserenten. Weit außerhalb der Stadt, durch tiefen Schnee stampfend, fand er eine elende Baracke, wo sich der Sitz der „Firma" befand. Die Verse gefielen, man. begann zu verhandeln, d. h. zu handeln. Er forderte drei Mark für jedes Gedicht, in Summa dreihundert Mark. Man einigte sich auf zwei Büchsen Robron und — sechs Mark, die allerdings in bar ausgezahlt wurden. Manchmal ging es aber wohl schief. In München lebte ein getaufter Journalist, den Alexander an sein Judentum erinnern zu müssen glaubte. Er begann ihn regelmäßig mit anonymen Sendungen jüdischen Inhaltes zu versorgen: zionistischen Aufrufen, Jahresberichten der Chewra Kadifcha, Mitteilungen über Synagogenxlätze und dergleichen. München ist keine Weltstadt. Betroffener machte den Täter schnell ausfindig und lief zum Kadi. Der Vermittlung gemeinsamer Freunde im Anschluß an einen ehrenerklärenden Brief gelang es, einen Beleidigungsprozeß zu verhüten. Cliasberg Eliasberg Das Werk Seine Bildung war ebenso vielseitig wie seine Intelligenz. Er war ein guter Mathematiker — hatte auch Mathematik und Physik in Moskau studiert — und sprachlich begabt. Wladimir Medem, ein russisch-jüdischer Sozialist und A.s Mitschüler, erzählt in seinen Erinnerungen, wie A., der zeitlebens ein hervorragender Humanist blieb, seinen Kameraden den Sinn für die antike Literatur erschloß: Er hatte ein geschultes Auge für bildende Kunst und gute Kenntnisse der Kunstgeschichte überhaupt, der Graphik (auch nach der technischen Seite) insbesondere. Ganz außergewöhnlich war sein Gedächtnis. Er konnte hunderte von Gedichten, in verschiedenen Sprachen auswendig und erinnerte sich wohl aus allem Gelesenen der markantesten Situationen und Gespräche. Ebenso historischer Daten und sogar absoluter Zahlen. Er konnte z. B. hundert beliebige Zahlen, die man ihm, in einer Gesellschaft etwa, zurief, wenn er sie nur einmal ausgeschrieben und durchgelesen hatte, noch nach Wochen in der gleichen Reihenfolge aufsagen. Diese Begabung, verbunden mit schneller Auffassung und schnellem Denken, machte ihn zu einem Arbeiter von höchstem Nutzeffekt. Seine eigenen Bücher sowie seine Übersetzungen diktierte er ohne jede Vorbereitung in die Maschine und feilte verhältnismäßig wenig an seinen Manuskripten. Mit der zunehmenden Produktion beschleunigte sich das Tempo. Die Arbeitstechnik wurde immer mehr „rationalisiert". Er erlangte allmählich eine solche Virtuosität, daß er — wohl ein Unikum! — seine Übersetzungen in die Setzmaschine diktieren konnte. Vor dem Kriege kannte der Sohn des wohlhabenden Kaufmanns, obwohl seine Finanzen stets in. Unordnung waren, wirtschaftliche Sorgen ernster Art nicht. Was er mit der Feder verdiente, bildete kaum mehr als einen Zuschuß für seinen gemischten Haushalt — halb bürgerlich, halb Schwabing. Erst die Kriegs- und Nachkriegsjahre zwangen ihn, auf eigenen Füßen zu stehen. Er zeigte sich den Anforderungen der neuen Verhältnisse gewachsen, aber seine Selbständigkeit bezahlte er mit seiner Freiheit und. letzten .Endes mit seinem Leben. Es war ein Joch schwer zu tragen, eine Arbeit ohne Rast, eine Frohn ohne Maß. Er hatte von Kindheit an deutsch gelernt. Es gelang, ihm daher schon nach einem Aufenthalt von wenigen Jahren im Lande, die deutsche Sprache vollständig zu meistern. Sein erstes Buch „Neue russische Lyrik", welches gerade die größten russischen Sprachkünstler wie Brjussow und Balmont verdeutschte, wurde als Übersetzungsleistung viel gelobt. Einige Zahlen und Daten über feine Produktion. Mir sind 116 Bücher bekannt, die seinen Namen tragen. Dovan sind drei von ihm verfaßt: Die Geschichte der russischen Kunst. Die russische Architektur und Die Geschichte der russischen Literatur. Von den 105 ins Deutsche übersetzten Büchern stammen 88 aus dem Russischen, 15 aus dem Jidischen und je 1 aus dem Englischen und Polnischen. Diese 108 Bücher verteilen sich auf 26 deutsche Verleger und erstrecken sich über einen Zeitraum von 17 Jahren. In der Hochkonjunktur der Inflam tionszeit stieg seine Jahresproduktion auf 20 Bände. Das erste Buch, die vorhin erwähnte „Russische Lyrik" erschien im Verlag R. Piper ,'x Co., sein letztes: „Die Geheimnisse des Ostens" von Mereschkowskj hat wenige Monate vor seinem Tode mein Welt-Verlag gebracht. Schon im Anfang des Jahrhunderts, „vor Buber", wie er mit Stolz betonte, hatte er in verschiedenen Blättern Geschichten aus chasfidischen Volksbüchern übersetzt. Sein volles Interesse gewann die jidische Lieratur im Kriege, als „meine lieben Juden" und die „Jiden fin Pojlen" salonfähig wurden. Seine ersten Übersetzungsversuche waren nicht einwandfrei, denn er hatte das Jidische von Haus aus nur unvollkommen beherrscht. Doch er arbeitete sich rasch: ein. Die letzten Bände wurden recht gut. Neben einzelnen Werken irdischer Klassiker wie Perez, Mendele, Scholem Alejchem und Jüngerer, verstand es A. mit dem ihm eigenen Spürsinn, originelle Anthologien zusammenzustellen, deren wertvollste sein „Ostjüdisches Theater" sein dürfte. Jüdisch! eit ' Alexander Eliasberg wurde im Herbst 1923 u. a. wegen „bolschewistischer Gesinnung" in München verhaftet und ausgewiesen. Der schwerkranke Mann starb an den Folgen der Aufregung. Ein sonder--