Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 24 (15.12.1928)
- Article
- Der jüdische Friedhof zu Burgkundstadt
- Date
- 1928-12-15
- Page
- Seite 384 (sequence 2)
- Language
- German
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24; -fj 3 formen fällt zunächst eine wohltuende Einfachheit in der Umrißlinie und die Einheitlichkeit in dem Baustoff auf. Durchwegs ist einheimischer, zuweilen roher, körniger Sandstein verwendet. Schon Mein durch Liese Materialeinheit ist eine gewisse Ruhe und Bodenständigkeit verbürgt, ganz im Gegensatz zu den vielfarbigen, oft wie Musterausstellungen wirkenden Grabmalen aus unseren Tagen. Der einzelne Grabstein verrät bei aller Einfachheit durch die reinausgeprägten Stilformen eine ungewöhnliche, künstlerische Gestaltungskraft, eine fast unerschöpflich scheinende Phantasie und große handwerkliche Geschicklichkeit. Hinsichtlich der Größe der Steine fällt besonders auf, daß weitaus die meisten sehr niedrig gehalten sind. Sie gehen in der Höhe meist nicht viel über 80—100 Zentimeter hinaus, die Breite beträgt durchschnittlich 40—50 Zentimeter, die Stärke 8—15 Zentimeter. Schon Mein durch diese Abmessungen kommt in diese Grabsteine etwas zierliches und elegantes, ganz im Gegensatz zu vielen unserer heutigen GrMsteine, die durch ihr Volumen mitunter über die künstlerische Unzulänglichkeit des Entwurfes hinwegzutäuschen versuchen. Gerade diese niedrige Form paßt besser zum Wesen und zur Aufgabe eines Friedhofes; denn durch große Gebilde wird viel weniger der Gedanke an die Vergänglichkeit dieses Daseins wachgerufen. Der älteste Stein im ältesten Teile des Friedhofes ist ein FrauengrMmal aus Altenkundftadt und trägt die Jahreszahl 1623. Er ist kaum einen halben Meter hoch mit einem Dreiecksgiebel. Auch andere Steine seines Alters tragen diese Giebel, oder schließen mit dem Rundbogen ab. An den beiden Rändern laufen eingekerbte Linien, welche Säulen andeuten und ihrer Struktur nach der Renaissance angehören, wenn auch in einfacher Form. Überhaupt finden wir in dieser Zeit ganz einfache ärmliche Steine entsprechend der bedrängten Lage, in welcher sich damals unsere Glaubensbrüder befanden. Gehen wir nun einige Reihen seitlich nordöstlich, so fallen uns drei gleichmäßige, prächtige GrMsteine auf, die der Inschrift nach ohne Zweifel einer Gelehrtenfamilie angehören, Vater, Mutter und Sohn, die zwischen 1730 und 1750 verstorben sind. Das rühende inhaltsreiche Epitaph derselben endigt in seinen Versen auf n oder Die schönen und kunstvollen Steine sind von gewundenen Säulen umrahmt und besitzen über dem Kapitäl doppelt hinauf geschwungene jonische Voluten. Sie verkörpern in der Form den Barockstil. (Siehe Abbildung 3.) In einer anderen Reihe finden wir diesen Kunststil aus ausgeprägter und hochentwickelter Stufe. Ein GrMstein aus dem Jahre 1737 zeigt kunstvoll gewundene Säulen mit sein ausgearbeiteten Kapitäls, worauf doppelte, gewundene Schnecken ruhen, aus welchen lanzettliche Blätter, herauswachsen ,in der Mitte oben eine große Muschel einschliehend. (Korynthische Säule.) Ein Stein aus dem Jahre 1726 zeigt diese Ausführung in reicher, verschwenderischer Fülle. Ein fein ziseliertes Pflanzengewinde umrankt das Epitaph und die gewundenen Säulen werden von reichem Blatt- und Doldenwerk eingeschlossen. Über der Schrift prangt die Levitenkanne. Ähnlich diesem zeigt ein anderer Stein in der krönenden Rundung 5 diese Kanne in einem Becken, während der GrMstein eines Talmudgelehrten aus Kronach mit Löwen geschmückt ist, dem Wappen des Stammes Juda. Der schönste Stein Mer — ein Rokokokunstwerk — war mitten entzwei gebrochen und abgebröckelt. Heute steht er wieder erneuert an seinem Platze und wundert sich, daß er nicht etwa ein französisches Prunkschloß ziert. Wenn dieser Stil an sich wohl keine neuen konstruktiven Elemente mitbrachte, sondern nur vorzugsweise Dekoration war und hauptsächlich bei der Gestaltung der Jnnenräume, auch in äußerlich durchaus klassizistischen Bauten zur Anwendung kam, dieser Stein wirkt als Rahmenwerk selbständig als organisches Ganzes. Eine bestrickend anmutige Ornamentik von quellenden Blütentrauben unterbrochen, oben eine eigentümliche Muschelform haltend, verläßt sie die strenge Stilistik der früheren Bau- und Kunstformen. Dieser Grabstein hatte bei der Renovierung besondere Schwierigkeiten verursacht, da die Schrift durch den Bruch schwer gelitten hatte und deshalb die Arbeit des Bildhauers beständig an Ort und Stelle sorgfältigst überwacht werden mußte. Auf einem anderen Stein dieser Gruppe, welchewohlfürdie Chefrah- Mitglieder als, Ehrenplätze und als Gedaulim-Ecke reserviert war, erhält auf dem Epitaph dessen Träger den Beinamen „Kodausch", „Heiliger", da er von „fremder" Hand getötet wurde. So sehen wir ferner auf manchem Stein die bekannten Symbolzeichen für Kohanim, Leviten, Mohalim, Schofarbläser, auch manche 4