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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-12-15 · 24 (15.12.1928) · p. Seite 383

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
24 (15.12.1928)
Article
Die Schändung der Gräber
Date
1928-12-15
Page
Seite 383 (sequence 3)
Language
German
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M. 24 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 383 Masken zu verarbeiten. Auf den Salomonen hängt man nach W e u l e die erschlagenen Gegner an Bäumen auf, bis sie verwesen. „Ihr Geist kann dann nicht ins Totenreich eingehen, sondern spukt im Walde und ist auf seine Angehörigen erbost, weil sie ihn nicht ordnungsgemäß bestattet haben." Endlich ist die primitive Vorstellung von dem Fortleben der Toten die Quelle zahlreicher, uns unglaubhaft erscheinender, aber von den Primitiven geglaubter Legenden. So berichtet Professor Neuhaus eine von ihm bei Bewohnern Neu-Guineas gehörte Geschichte, wonach Tote, welche zurückgekehrt waren, im Kampfe mit lebenden Menschen nochmals den Tod erlitten und, nachdem sie gebraten worden waren, von letzteren gefreffen wurden. „Getötet, gebraten und verspeist:" - kommentiert der französische Soziologe Levy-Brühl diesen Bericht — „Jene Toten werden behandelt, wie unter gleichen Umständen lebende Menschen mit Fleisch und Blut behandelt worden wären." — Bei den Ainoö in Japan herrscht die Vorstellung, daß die Toten die lebenden Menschen, welche den Totenfluß noch nicht überschritten haben, für Gespenster, sich selber aber als die wirklichen Menschen ansehen. Levy-Brühl bezeichnet diese Vorstel-- lung als „merkwürdig". Man wird den Ainos aber auch von unserem Standpunkte aus einräumen müffen, daß die Toten tatsächlich menschlicher sind, als Lebende, die Gräber schänden. Letztere leben in einer Vorstellungswelt, die glücklicherweise für den weit überwiegenden Test der heute lebenden Kulturmenschheit tot und — hoffentlich auf Nimmerwiederkehr — begraben ist. ver jüdisrbe §riedhok zu vurgkundftadt von Leopold Godlewsky (Amberg) Ein besonders ansprechendes Gebiet bayerischer jüdischer Kulturgeschichte bilden die alten, jüdischen Begräbnisstätten mit ihren reichen kunsthistorischen Werten. Sie bieten nicht nur wertvolles, umfassendes Material für die Geschichte — besonders die Familiengeschichte — der bayerischen Judenheit, sie weisen auch oft auf eine Glanzzeit jüdischer Friedhofskunst hin und veranschaulichen ferner in gleichem Maße die sprechende und reizvolle Symbolik. Ein solches Wahrzeichen alter jüdischer Kulturgeschichte und Friedhosskunst ist der idyllisch gelegene Friedhof in dem oberfränkischen Städtchen Burgkundstadt am Main. Urkunden berichten, daß im Jahre 1620 die Standesherrn von Redwitz-Rodach den Gemeinden Küps und Burgkundstadt die Errichtung von Sammelfriedhösen gestatteten. Im Jahre 1832 wurde der Küpser Friedhof geschlossen, da dieser wegen seiner Lage im Weichbilde des Marktfleckens keine Ausdehnungsmöglichkeit mehr besaß, die Küpser Gemeinde rapid im Abnehmen begriffen und das zuständige Rabbinat Rodach der Auflösung verfallen war. Seitdem diente der Friedhof in Burgkundstadt als Begräbnisstätte für sämtliche Gemeinden der näheren und weiteren Umgebung. Von Nordost mit Föhrenwald umsäumt hat man nach den beiden anderen Seiten einen reizenden Überblick über das Maintal zu den Schlössern der toleranten Herren von Redwitz und zu den bewaldeten Höhenausläufern der Fränkischen Schweiz. Einzelne Bäume und Sträucher umschatten die zum Teil tief eingesunkenen, bemoosten Steine, als wollten sie dieselben vor gänzlichen Verfall schützen. Die kleinen Grabmäler, die nicht mehr an Menschenhand erinnern, liegen im Moos, in langhalmigen Gräsern, in Wiesen- und Feldblumen, in der grünen Vegetation eingebettet, wie Gestein, das von Ewigkeit zu ihnen gehört. — (Siehe Abbildung 1.) Gleich den Bäumen waren sie dem Wind, der Luft, den Gesetzen der Natur untertan. Der Mensch errichtete sie, dann überlieh er sie sich selbst. Im Anfänge standen die Denksäulen und Steinbretter senkrecht auf den Platten, dann neigten sie sich, stürzten, brachen in Stücke und verbargen sich in die Erde. Die Blumen sorgten für sich selbst, sie wuchsen, wo es ihnen gefiel. Diese Friedhöfe waren schöner als die jetzigen; sie waren näher dem Tod. Die Auffassung unserer Religion sprach daraus: wo Tote liegen, nicht künstlich die Erinnerung pflegen. Wie stechen die heutigen Friedhöfe dagegen ab! Es sind gemauerte Städte von kleinen Prunkhäusern, deren jedes den Namen des Besitzers zur Schau trägt, damit man auch im Tode noch zum Ring der besitzenden und geldverdienenden Familien gehört. Wenden wir uns wieder zu unserem Friedhofe. Wir stehen hier, lassen unseren Blick über diese Stätte des Friedens schweifen und schweigend umfaßt uns die Melancholie dieses Waldes der Toten. In der Mitte des alten Teiles, der viel mehr als tausend alte Grabsteine umfaßt, fesselt uns besonders eine Gruppe von Steinen, die in den letzten zwei Jahren mit Hilfe des Landesverbands einer Renovierung unterzogen wurde. (Siehe Abbildung 2.) Was der Beschauer hier an Formenschönheit bewundern kann, läßt sich nicht leicht wiederfinden. An Stilformen finden wir hier die der Barock-, Rokoko- und Biedermeierzeit vorherrschend. Bei diesen Grabmals 1 2

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