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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-12-15 · 24 (15.12.1928) · p. Seite 382

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
24 (15.12.1928)
Article
Die Schändung der Gräber
Date
1928-12-15
Page
Seite 382 (sequence 2)
Language
German
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382 Bayerisch? Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 ihren religiösen Reinheitsvorstellungen zusammen, so war die Unsitte der Römer, die Schädel erschlagener Feinde zu skalpieren und als Trophäen mit sich herumzuführen (Cholin 123a; Tofefta Cholin p. VIII; vgl. Aboda Sara 1!d), offenbar die Folge von abergläubischen Vorstellungen, welche wir heute in allgemeinerer Verbreitung nur noch bei den sogenannten Primitiven antreffen. Für den primitiven Menschen ist der Tote nicht eigentlich tot. Er lebt — und zwar in der gleichen Gestalt, ja sogar in der gleichen Kleidung, in welcher er beerdigt wurde — fort. Daher die große Bedeutung, welche bei vielen Völkern darauf gelegt wird, daß der Tote wohl versehen mit Kleidern, Nahrungsmitteln, Waffen usw. bestattet werdet Daher auch die Abneigung vieler Primitiven gegen chirurgische Eingriffe, die mit dem Verlust eines Gliedes verbunden sind. Sie sind überzeugt, im Jenseits bein- oder armlos leben zu müssen, wenn ihnen eines dieser Glieder amputiert werden würdet Der Tote lebt nach primitiver Vorstellung, aber er lebt ein anderes, von dem normalen spezifisch verschiedenes Leben: Er ist mächtiger als der Lebende, dem er leicht übel will und dann Böses antut, auch wenn er zu Lebzeiten den sanftesten Charakter besessen hättet Im übrigen ist er den gleichen Zufällen und Gefahren ausgesetzt wie der Lebende. Nicht allein der Gedanke, daß der Tote jede ihm angetane Kränkung empfindet, sondern auch die für uns noch paradoxere Vorstellung, daß er verwundet, ja sogar ein zweites Mal und noch häufiger getötet werden könne, ist vielen Primitiven ganz einleuchtend. Und da sie sich die Toten als mit besonderem „Mana", d. i. besonderer Zauberkraft ausgestattet denken, steigern sie unwillkürlich ihnen gegenüber die Gefühle der Liebe und des Hasses, die sie ihnen als Lebenden entgegengebracht. Der Fremde, außerhalb des anerkannten Kreises Stehende wird aber in allen menschlichen Gruppen auch als Lebender nur in seltenen Ausnahmefällen geliebt. So heilig und wichtig daher auch dem Primitiven die Bestattung der eigenen Toten und die strenge Beobachtung der hierfür von den Ahnen vorgeschriebenen Riten und Zeremonien ist, so selbstverständlich erscheint es ihm, daß der tote Fremde auf gleiche Fürsorge und Ehrung keinen Anspruch hat. „Wenn ein Fremder in einem Thongadorfe stirbt," sagt Iunod, „so wird wenig Aufhebens gemacht, wenn niemand ibn kennt. Die erwachsenen Männer werden ihn begraben. Sie schaufeln ein Loch und ziehen die Leiche mit einem Strick hinein." Andere Primitive gönnen dem toten Fremden nicht einmal diese unfeierliche Art der Beerdigung. So sagt Peschuel-Lösche von den heutigen Kongonegern: „Die Glaubensvorstellungen verbieten, daß der Fremde in ihre Erde eingegraben wird. Denn wenn dies geschähe, würde man seiner Seele Gastfreundschaft gewähren, und wer weiß, wessen diese fähig ist?" Er erzählt die Geschichte eines toten Portugiesen, der ausnahmsweise in Loango beerdigt wurde. „Eine Dürre trat ein, man grub ihn aus und warf ihn ins Meer^." Da nach den Kausalitätsvorstellungen der Primitiven alles Ungewöhnliche und alles Unheil: körperliche Anomalien, Krankheit, Todesfälle, Niederlagen, Mißwachs, Naturkatastrophen u. ä. aus Zaube- Perles a. a. £)., Seite 12. Bei den Primitiven erhielt offenbar ursprünglich der Tote schlechthin alles mit, was ihm gehört hatte, weil das Privateigentum als integrierender Bestandteil der Person betrachtet wurde. Levy-Brühl, „Das Denken der Naturvölker", Seite 288 ff. 3 Levy-Brühl, „L’äme primitive“, Seite 398—401. 4 Levy-Brühl „Die geistige Welt der Primitiven", Seite 52. rei beruhen, ist natürlich der tote Portugiese daran schuld, wenn es in Loango längere Zeit nicht geregnet hat°. Von der Furcht zum Haß ist nur ein Schritt. Darum sind bei zahlreichen Primitiven Racheakte an fremden Leichen und Gräberschändungen an der Tagesordnung. So berichtet Irle: „Für die Hereros ist der Tote nicht tot.- Er versteht, empfindet, denkt an die Lebenden und bestraft sie. Wenn ein Herero zum andern sagt: ,Gott d. h. der Ahne ist Zeuge; ich werde mich bei ihm beschweren^, so ist der andere sicher, daß dies geschehen wird. Aus dem gleichen Grund nehmen sie Rache an den Feinden, selbst wenn diese schon tot sind und in ihren Gräbern liegen. Sie graben sie zu diesem Zwecke eigens wieder aus^." Ähnlich denken und handeln zahlreiche Primitive. Die furchtbare Sitte der Schändung der Leiche des toten Feindes ist auch heute noch so verbreitet, daß man sie als eine der hervorstechendsten Merkmale primitiver Gesinnung und Haltung überhaupt bezeichnen muß. Die primitive Vorstellung vom Fortleben der Toten ist auch eine der Hauptursachen der Unausrottbarkeit der Menschenfresserei. Der Tote wird von den Kannibalen nicht bloß darum verspeist, weil man sich an seinem „schönen, weißen Fleisch" ergötzen will, auch nicht bloß, weil man glaubt, die mystische Kraft seiner Person gehe auf den Fresser über (namentlich auf denjenigen, der den Vorzug hat, das als Zentralsitz der Lebensgeister angesehene Herz zu verzehren), eine wesentliche, vielleicht sogar die ausschlaggebende Rolle spielt die Vorstellung, man mache den Toten, indem man seine Leiche verstümmelt und zerstückelt, unfähig, zurückzukommen und sich zu rächen. Letztere Erwägung ist auch die Triebfeder anderer unmenschlicher Sitten. So pflegen auch zahlreiche Nichtkannibalen den getöteten Feind zu zerstückeln und zu verstümmeln. Sie sind überzeugt, den Toten dadurch unfähig gemacht zu haben, eine Waffe zu führen und andere körperliche Funktionen auszuüben. Gewisse, bei einigen längst christianisierten Balkanvölkern noch heute vorkommenden Unsitten in bezug auf die Behandlung der Leichen gefallener Feinde hängen ebenso mit diesen urtümlichen Gruppenvorftellungen zusammen, wie die abscheuliche Gepflogenheit einiger besonders tiefftehender Primitiver, Körperteile des getöteten Feindes, insbesondere den Kopf oder Teile desselben, zu Trophäen und 5 Auch bei den Melanesiern wird der fremde Tote offenbar kurzerhand ins Meer geworfen. „Dillon wurde erzählt, daß einer der Überlebenden der La-Perouse-Expedition, der viele Jahre auf der Insel gelebt hatte und schließlich dort verstarb, einen Stein an die Füße gebunden erhielt und nach Landessitte ins Meer geworfen wurde." Vgl. Camilla Wedgwood „Death and Social Status of Melanesia Journal of Royal Anthropological Institute LXVII“ (1927), Seite 387. 6 Auch die Kulturmenschheit ist von abergläubischen Vorstellungen dieser Art nicht immer frei. In seinem Romane „Effi Briest" hat Theodor Fontane meisterhaft geschildert, wie die abergläubische Furcht vor einem toten Chinesen, von dem es im Volksmund heißt, er spucke in ihrem Wohnhause, das seelische Gleichgewicht der besonders sensibel veranlagten Heldin erschüttert und im Zusammenwirken mit ihrer durch den Mann verschuldeten Vereinsamung die Ursache ihres Verderbens wird. 7 Die Hereros sind auch noch für ein anderes Hauptmerkmal primitiver Mentalität, nämlich den Gruppendünkel, besonders bezeichnend. „Selbstbewußt wie einst das civis romanus sum aus dem Munde des Quirlten klingt das oami omuherero ka omatua, d^h. ich bin ein Herero, kein Fremdling, kein Barbar, von den Lippen dieser Vantuneger.... sie dünken sich eben mehr als die anderen Völker, einschließlich die Europäer, die sie gleichfalls mit dem Worte ovatua (Barbar) umfassen." Vgl. Felix Meyer: „Wirsschaft und Recht der Herero", im Jahrbuch der Internationalen Vereinigung für vergleichende Rechtswissenschaft usw. VIII 1, Seite 451.

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