Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 22 (15.11.1928)
- Article
- Die jüdischen Dichter in der modernen deutschen Literatur
- Date
- 1928-11-15
- Page
- Seite 348 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727850-2727872-2734299--03880-2734373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
S48 Bayerische Israelitische Gemeindezertung Nr. 22 sondern jeder dient. Nirgends ist der Dichter so verehrt, wie im östlichen Judentum. Es ist begreiflich, daß das Ostjudentum westliche Dichter erschütterte. Man' denke an Arnold Zweig, der in den „Novellen um Claudia" so westlerisch-ästhetisch begann. Unter östlichem Einfluß erscheint sein Buch „Das ostjüdische Antlitz". Nie wäre das Buch vom Sergeanten Grischa ohne diese östliche Erneuerung möglich gewesen. Vielfach haben westliche Denker und Propheten jüdische Dichter ihrer Sendung entfremdet. Nietzsche, der das Leben um des Lebens willen verherrlicht, hat auch auf jüdische Dichter Einfluß geübt. Einer von ihnen ist Alfred Döblin. Stefan George hat die Heiligung des Lebens verkündet, aber doch nur die Gestaltung des Lebens zum Kunstwerk, es geht ihm nicht um einen über den Menschen stehenden Gott, sondern um die Vergottung des Menschen. Im östlichen Prophetenwn werden, wie bei Nietzsche, westliche Ideen verkündet. Auch durch George hat das Judentum manche seiner besten Geister verloren. In den Kriegsjahren entstand eine geistige Bewegung Aktivismus genannt, in dem zum ersten Male der jüdische Geist seine Botschaft, wenn auch in westlicher Form, verkündet hat. Juden waren die Schöpfer und Juden die Führer. Rubiner, Hiller und Max Brod. Sie verkündeten, die Zeit der Kunst sei zu Ende, es gehe um die Verwirklichung. Das Ziel ist ein neuer Staat als die Verwirklichung des Geistes, ein Staat der Gerechtigkeit für alle. Mitten in dieser Bewegung schreibt Werfel seine Übersetzung der Trojanerinnen des Euripides. In seinem Vorwort erklärt Werfel das Leid als notwendig zur Erlösung. Dagegen wendet sich Kurt Hiller und erklärt alles Leid in der Welt sei durch diese Irrlehre entstanden, die Paulus in die Welt gebracht habe. Dagegen erwidert Werfel und seine Erwiderung heißt „christliche Sendung". Er bekenne sich zum Christentum, zu Paulus, denn von allen Lehren sei diese die einzige, die das Ich bejahe und es zum Schauplatz des höchsten Kampfes mache. Der aktivistischen Tat stelle der Christ den reinen Glauben entgegen. Christliche Sendung vollziehe ihr Werk nicht außen, sondern innen. In diesem Sinne sei der Christ fanatisch egozentrisch. Er, Werfel, sei gerade als ein Dichter Christ, denn gerade dem Dichter gehe es immer nur um das eigene Ich. Hier ist der ewige Kontrast zwischen Welterlösung und Jcherlösung, zwischen Gottesverwirklichung in der Gemeinschaft und im Ich. Hier liegt der Unterschied zwischen Judentum und Paulinischem Christentum. So hat Werfel sein Drama „Paulus unter den Juden" geschrieben. Jedoch wenn wir fragen, was Werfel den jüdischen, neuchristlichen Dichter zum Dichter machte, so ist es nicht die Erlösung des Ich, sondern die Loslösung vom Ich. Die grenzenlose Einsamkeit der in.sich selbst abgeschlossenen Seele ist sein Schmerz. Im „Spiegelmensch" sehen wir den Versuch, dem Ich zu entrinnen. Auch Franz Kaffka leidet an seinem Ich. Sein größtes Werk, „Der Prozeß" genannt, stellt den Kamps des Menschen gegen einen unsichtbaren phantastischen Gerichtshof dar, der ihm immer wieder seine Schuld vorhält. Denn die Einsamkeit des Ich ist nicht nur ein Schmerz, sondern auch eine Schuld. Welch ein Schritt von Hofmannsthal aus gesehen! Aktivismus und Expressionismus ist der Unterschied zwischen Judentum und Paulinischem Christentum. Aus dem jüdischen Aktivismus heraus kommt Max Brod, dessen Weg symbolisch ist. In seinem Roman, „Jüdinnen", vollzieht er die Trennung vom Westen. In „Tycho Brahes Weg zu Gott" wird die soziale Tat verkündet. Brod will nicht nur Verkünder, Verteidiger des Judentums sein, sondern dem Judentum den Weg bereiten und dieser Weg heißt ihm Weg nach Zion. Brod wird Zionist. Das Bild, das die Dichter von Zion haben, verlangt, daß Zion nicht aus einem neuen Nationalismus heraus entsteht, nicht aus einem System des Kapitalismus und der Macht. Zion hat nur dann einen Wert, wenn die Verwirklichung des Judentums auf eigenem Böden eine allmenschliche Erfüllung bedeutet. Nicht um der Jcherlösung, sondern um der Welterlösung willen, muß sich das Judentum verwirklichen. Nur das Beispiel kann die Welt erlösen. Zion ist nicht um der Dichtung willen zu schaffen, aber wenn eine jüdische Gemeinschaft mit jüdischem Inhalt und jüdischer Sprache dort enffteht, so wird ihr eine jüdische Dichtung als Geschenk von selbst zufallen. Aber auch die in Europa Verbleibenden haben die Möglichkeit, für die Verwirklichung des Judentums zu arbeiten, nämlich durch das Beispiel eines reinen Lebens. Jude sein heißt Mensch sein, und dies kann man auch in einem Volke, das Juden gegenüber so unmenschlich sich verhalten hat. Gerade hier gilt es ein Leben reinen Menschentums als Verwirklichung des Judentums zu leben. S. flus dem Verbände Schändung der Synagoge in Hof (Bayern) Berlin, 1. November. (ITA.) In der Nacht von Sonnabend auf den Sonntag wurden — wie dem Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mitgeteilt wird — in Hof in Bayern im Gotteshause der Israelitischen Kultusgemeinde vier Fensterscheiben eingeworfen. Der diensttuende Beamte der Wach- und Schließgesellschaft überraschte die vier Übeltäter bei ihrer Zerstörungsarbeit. Sie entzogen sich jedoch durch eilige Flucht der Festnahme. Über die zur Ergreifung der Täter getroffenen Blaßnahmen kann aus naheliegenden Gründen noch nichts mitgeteilt werden. Schändung des jüdischen Friedhofs in Harburg. — Die 64. Friedhofsschändung seit Ende 1923 Berlin. 12. November. (ITA.) Friedhossschänder haben auf dem israelitischen Friedhof in Harburg große Verwüstungen ungerichtet. Sie haben eine große Anzahl Grabsteine umgeworfen und HAUSHALTWÄSCMERil „APOLLO” Inhaber: Peter Popfinger Spezialität: Hiet-, Stärk- und Feinwäsche aller Art Dachauer Straße 19 Rgb. Telephon 52553 Damenwäsche Rosner& Seidl Gnädige Frau! Wissen Sie, welch prachtvolle Wäsche in weiss oder in den neuesten Modefarben Sie bei uns finden? Bitte beachten Sie unsere Schaufenster. Rosner & Seidl MÜNCHEN + 21 Dienersfral^e 21