Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 22 (15.11.1928)
- Article
- Die jüdischen Dichter in der modernen deutschen Literatur
- Date
- 1928-11-15
- Page
- Seite 347 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 347 um Gotteswillen ethisch sein. Ihr sollt die Gebote halten um meinetwillen. Das jüdische Volk ist nur deswegen ein Volk, weil es ein Gottesvolk ist. Volksbewußtsein heißt hier religiöses Bewußtsein, nationale Gesinnung heißt hier religöse Gesinnung. Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern! Diese Stellung bedingt auch eine verschiedene Stellung zur Dichtung. Kunst um ihrer selbst willen ist die geistige Eroberung des Abendlandes. Das Judentum aber kann niemals die Kunst als Absolutes anfehen. Das Leben hat keinen Sinn in sich selbst, und so hat es auch keinen Sinn, bas Leben aus seinen eigenen Kräften zu gestalten. Der Sinn ist das Leben durch den Geist zu verwandeln, zu heiligen. Darum steht der jüdische Geist dem Leben gegenüber, geht nicht aus in ihm. Darum kann die Kunst sür den Juden nicht höchster Ausdruck und höchste Erfüllung sein. Wenn Europa alle seine Kräfte sammelte, entstand ein Künstler: Michelangelo. Wenn der Osten alle seine Kräfte sammelte, entstand der Prophet. Die Propheten wollten nicht Dichter sein, sie wollten Künder der Gesichte sein, die Gott ihnen gab. Wenn die Propheten' sprachen, wollten sie sich nicht von eigener Erschütterung frei machen, sondern vielmehr Erschütteret sein und Erwecker zur Umkehr, Kündiget des Messias. Seit Herder über den Geist der hebräischen Poesie gesprochen hat, hat man viel zu sehr das Testament als eine Dichtung betrachtet. Doch Prosa und Poesie, solche Trennung verliert hier ihre Gültigkeit. Goethe verwandelte den Satz: „Im Anfang war das Wort", in „Im Anfang war die Tat". Für den jüdischen Geist ist Wort und Tat das gleiche. Nach den Propheten soll die jüdische Volksgemeinschaft nicht Machtstaat sein oder Zweckverband, sondern ein Gottesvolk. ein Gottesstaat. Der Messias wird nicht nur ein Befreier des jüdischen Volkes sein, sondern auch zugleich die Aufgabe seines Volkstums von ihm verlangen. Es wird einst kein jüdisches Volk mehr geben, mehr zu geben brauchen, es wird eingehen in die menschliche Gemeinschaft. Jüdischer Kosmopolitismus ist nicht etwa aus Entwurzelung entstanden, sondern aus jüdischer Religion. — So weit das Alte Testament und damit haben wir das Maß der Beurteilung auch für die modernen Dichter und die moderne Dichtung. Der Jude, entwurzelt und heimatlos, er hat doch die Heimat des Geistes, wie kein anderes Volk. Alle Völker Europas haben ihre Religion vom Osten her empfangen, nur das jüdische Volk hat noch seine Urreligion. Der Deutsche ist nicht nur deutsch, der Germane ist nicht nur Germane. Die Tradition ist abgerissen, das Christentum hat das Volk verwandelt. Der Jude ist aber nur Jude, wenn der Geist der Psalmen und Propheten in ihm ist. Weil der Jude eine Sendung hat, darf er nicht einfach in anderen Völkern aufgehen. Jedoch im 19. Jahrhundert ist der Einfluß der Propheten bei jüdischen Dichtern nur wenig bemerkbar. Im 19. Jahrhundert war nicht der Gedanke an die Einheit Gottes letzter Grund des Humanitätsgedankens. Was hätte der Jude im 19. Jahrhundert an großer Sendung erfüllen können, wenn er diesem Jahrhundert und seinem Humanitätsurgedanken den göttlichen Grund hätte geben können. Wik verstehen es aber, daß anderseits gerade jüdische Dichter sich für den Versöhnungs- und Einheitsgedanken in der Menschheit einsetzten. Es ist kein Zufall, daß der Übergang vom Dichter zum Schriftsteller zum erstenmal in Heine sich vollzog. Der erste Aktivist Heine tritt gegen Goethe auf, indem er sagt, daß dieser (Goethe) sein eigenes Leben genießen, verschönern wollte, während ihm (Heine) das Leben dazu zu gering erschiene. Goethe sei der Künstler um der Kunst willen. Der Übergang der Kunst zur Verwirklichung also ist von Juden, von Heine und Börne, vollzogen. Jakob Wassermann hat einmal einen Vortrag in München gehalten, in dem er aussprach, jeder Dichter wolle heute Apostel, Erlöser sein, das Heil komme allein von der tendenziösen Betrachtung. Der innerste Konflikt Wassermanns ist der Konflikt zwischen Weg und Bild, zwischen Gewissen und Gestalt. Man fühlt, wie im „Fall Maurizius" der Dichter gequält von dem Problem der Gerechtigkeit. So ist Wassermann von seinem jüdischen Erbe her bestimmt, dem . er nicht entrinnen kann. Ich erinnere weiter an Bruno Frank. Den Titel seiner letzten Schöpfung „Polittsche Novelle" konnte nur ein jüdischer Dichter finden. Den begrifflichen Gegensatz Grieche — Nazarener hat Heine ausgestellt. Der Jude wird immer Nazarener bleiben. Als Heine auf feinem Schmerzenslager fein Griechentum vergaß, hat er feine größten und ewigen Gedichte geschaffen. Dekadence des jüdischen Dichtertums ist, wenn das Leben nur mehr um der Kunst willen da ist. Ich denke an Hofmannsthal. Das Leben wird zum Theater, zum „großen Salzburger Welttheater". (pentsasmssssnnassi Aiss-SdineiclereL - Jüdisches Beiwerk Der Blick ist dem Leben geöffnet, alle Eindrücke strömen auf die Seele ein, aber nicht mehr auf eine einheitlich gerichtete Seele. Der Sendung des jüdischen Dichters stand entgegen der Wille zur absoluten Kunstvollendung. Das Evangelium des Griechentums und der Schönheit löscht jenen Schmerz aus, jenen ewigen Judenschmerz. Ein weiterer Konflikt entsteht durch den Persönlichkeitskultus Europas, der die Gemeinschaftsidee Israels gegenübertritt. Die Dekadence bedingt ein spezifisches Artistentum. Damit sind nicht jene Denker gemeint, welche die Fülle der Erscheinungen begrifflich zusammenfassen. Hier ist im Gegenteil jüdische Einheitssehnsucht richtunggebend. Dekadence ist es, wenn Denken lediglich um des Denkens willen geübt wird. Nach Hehn heißt deutsch: eine Sache tun um ihrer selbst willen. Wenn dies wahr ist, so heißt allerdings jüdisch sein das Gegenteil. Jüdisch sein bedeutet nie eine Sache um ihrer selbst willen tun, sondern des Zieles wegen. Dies ist kein platter Utilitarismus. Es ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Zweck und Ziel. Karl Sternheim entlarvt die Menschen von heute, aber seine Art der Entlarvung gehört selbst zum tiefsten Verfall: sehr begabt, sehr elegant, snobistisch. Prophetenzorn wird man von ihm nicht erwarten, man findet aber auch nicht einmal den Willen zur Gestaltung. Dieser Dichter greift lieblos das ihm Interessante heraus; Verwesung, Untergang ist ihm nichts anderes als ein sehenswertes Schauspiel. Sternheim verlor die Seele und behielt jüdische Jntellektualität und Begabung. Aber trotzdem ist die Art Sternheims ein Anfang, denn immer ist Erkenntnis auch ein Anfang. Es erscheint symptomatisch, daß gerade im Kreise Hosmannsthal ein Dichter Richard Beer-Hofmann auftritt, der versucht sein Ästhetentum abzuschütteln und ein priesterlicher Dichter zu werden in der Historie vom König David. In dem Vorspiel wird Jakob vor die Wahl gestellt, die Sendung anzunehmen. Nimmt er die Sendung nicht an, so wird ihm Glück und Erfolg beschieden sein, nimmt er die Sendung an, so wird sie ihm schwerstes Schicksal zuteilen. Aber Jakob nimmt die Sendung an und wird Israel. — Tolstois Fluch über die westliche Kunst als Luxus, sein Evangelium eines reinen Lebens wird von jüdischen Geistern ausgenommen, denn diese Botschaft aus dem Osten mahnt sie an die eigene Botschaft der Propheten. Sie erinnert auch an die Juden im Osten, wo sich das Judentum unberührter erhalten hat. Es tritt Martin Buber auf, der auf den Chassidismus hinweist. Die ostjüdischen Theater haben deswegen so erschüttert, weil sie wirklich noch eine Angelegenheit des Volkes sind, daher dies wunderbar erschütternde Zusammenspiel in dem keiner eitel hervortritt,