Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1928
- Issue
- 10 (15.10.1928)
- Article
- Die Neuordnung der Lehrerbildung in Bayern
- Date
- 1928-10-15
- Page
- Seite 22 (sequence 3)
- Language
- German
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Mitteilungen des Israelitischen Mrervereins für Wem Schriftleitung: M.Rosenfeld, München 1928 München, 15. Oktober Nr. 10 Die Neuordnung der Lehrerbildung in vavern Referat von I. S t o l l, erstattet auf d Wir sind schon aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht in der Lage, neben Stätten, welche der Bildung des jüdischen Volksschullehrers dienen, auch noch besondere Stätten für Religionslehrerbildung ins Leben zu rufen. Für den Bedarf an Volksschullehrern ist nicht nur die Zahl der z. Zt. in Bayern vorhandenen jüdischen Volksschullehrerstellen maßgebend. Die bayerischen Lehrerbildungsstätten haben in der Vergangenheit auch für zahlreiche außerbayerische staatliche und private Volksschullehrerstellen (Berlin, Frankfurt, Hamburg, Breslau, Leipzig) das Lehrermaterial geliefert, wie umgekehrt ihr Schülermaterial sich aus allen deutschen Gauen rekrutiert. Die Schülerzahl in den 7 Klassen der jüdischen Lehrerbildung in Bayern (einschließlich des Fortbildungskurses) hat in diesem Jahre beinahe die Zahl 100 erreicht und befindet sich, wie die Statistik der unteren Klassen und die bereits für das nächste Jahr vorliegenden Anmeldungen ausweisen, noch im Anstieg. An der gegenwärtigen Vesuchsziffer von beinahe 100 sind beteiligt: Bayern mit 35, Preußen mit 27, Württemberg mit 14, Baden mit 10, Sachsen mit 3, Hessen mit 2, Thüringen mit 1, Oldenburg mit 1, Deutschösterreich mit 5 Schülern. Die Verhältnisse, welche die in Bayern vorhandenen Lehrerbildungsstätten zu einer Quelle des Lehrernachwuchses für ganz Deutschland machen, bestehen in Gegenwart und Zukunft in verstärktem Maße weiter. Das Interesse, welches die jüdischen Landesverbände in ganz Deutschland unseren Anstalten entgegenbringen, legt dafür beredtes Zeugnis ab. Aber auch zahlreiche bayerische und außerbayerische Mittel¬ und Großgemeinden, welche Religionslehrer für höhere Schulen brauchen, werden, wie bisher, auch in Zukunft ihre Stellen nur mit solchen Lehrern besetzen wollen, welche profane, pädagogische und religionswissenschaftliche Ausbildung harmonisch in sich vereinigen. Etwa 90 Prozent der deutschen Juden wohnen in Städten! Run kann sehr wohl das Bildungsbedürfnis des Religionslehrers auf der Bildungsstätte des allgemeinen Volksschullehrers befriedigt werden. Ein bloß auf Religionslehrerbildung beschränktes Seminar kann aber niemals Volksschullehrer bilden. Eine nur auf Religionslehrerbildung eingestellte Anstalt würde sich somit von vorneherein auf den Beamtenbedarf von etwa 10 Prozent der deutschen Juden einstellen. b) Was den jüdischen Lehrerbildungsanstalten das Schülermaterial zugeführt hat, war bisher das Berufsideal des Volksschullehrers und wir in den Lehrerbildungsstätten wissen auf Grund von wiederholt angestellten Umfragen und aus persönlicher Erfahrung ganz genau, daß heute kein junger Mann, der Präparandie oder Seminar besucht, daran denkt, „Nur-Religionslehrer" zu werden. Alle Schüler erstreben die Ausbildung zum jüdischen Lehrer schlechthin, der sowohl die eine als die andere Aufgabe erfüllen kann. Nur dann wird der Wunsch lebendig, „Nur-Religionslchrer" zu werden, wenn ein junger Mann in seinem Bildungsgang Schiffbruch erlitten und er keine Aussicht mehr hat, das Schulziel zu erreichen. Dann war bisher für ihn immer der letzte Rettungsversuch der „Religionslehrer". Eine Trennung von jüdischer Religionslehrer- und jüdischer Volksschullehrerbildung würde also mit Naturnotwendigkeit in die Klassen der Religionslehrerbildung die geistig Armen hinüberleiten und vor einer solchen Degradierung des Judentums sollten sich doch alle hüten, die in der jüdischen Lehrerbildung mitzusprechen haben. c) Es ist auch nicht wahr, daß es der nunmehr zu erweiternden und teilweise akademisierten Mischen Lehrerbildung an Schülermaterial fehlen würde, denn in dieser Beziehung ist sestzustellen: a) Der Unterschied in der neuen Bildungszeit gegenüber dem Mitgliederversammlung in Würzburg Fortsetzung bisherigen Bildungsgänge beträgt bei den staatlichen Anstalten 2 Jahre, in der jüdischen Lehrerbildung nur ein Jahr. ft) Auch der verflossene Kultusminister Matt, der ein ausgesprochener Gegner der Hochschulbildung der Volksschullehrer war, hat ohne weiteres zugegeben, daß eine Vertiefung der bisherigen seminarischen Lehrerbildung und eine Erweiterung der Bildungszeit eine unumgängliche Notwendigkeit ist. Und die in Preußen eingeschlagene und in Bayern vorgesehene Neuordnung bedeuten im Gegensatz zur Lösung in Thüringen und Sachsen ja gar nicht Universitätsstudium: die pädagogische Akademie ist eine Kompromißlösung zwischen Hochschulbildung' und der Einrichtung des alten Seminars. Es scheint sogar, daß die bayerische Lösung noch enger als die preußische an das bisherige Seminar organisch anschließt. Denn das Kernstück des alten Seminars, die Seminarübungsschule, mit ihrem auf die Methodik und Praxis der Volksschule eingestellten Unterrichtsbetrieb soll von der kommenden bayerischen Akademie restlos übernommen werden. Anderseits will die geplante bayerische Aufbauschule auch bewußt diejenigen Schichten, die bisher das Material für die Lehrerbildung geliefert haben, auch der künftigen Lehrerbildung wieder zuführen und daß dieser neue Weg von jüdischen Kreisen in viel stärkerem Maße beschritten werden wird als von christlichen, liegt in der sozialwirtschaftlichen Grundlage unserer bisherigen jüdischen Lehrerbildung begründet. Allgemein muß berücksichtigt werden, daß auch die neue Lehrerbildung dem jungen Mann mit 21 Jahren die Aussicht auf einen gut bezahlten Posten im öffentlichen Dienst sichert, ein wirtschaftlicher Vorteil, den keiner der anderen akademischen Berufe bieten kann. Es müßte sehr merkwürdig sein, wenn die Aussicht, mit 21 Jahren eine wirtschaftlich fundierte Existenz in einem geistigen Berufe zu finden, nicht Anreiz zu starkem Zugang bilden sollte, zumal die anderen akademischen Berufe ein viel länger dauerndes Studium erfordern und in hohem Maße übersetzt sind. Ich bin nun nicht der Optimist, der glaubt, daß diejenige jüdische Jugend, die bisher die neunklassigen höheren Schulen durchlaufen und dem akademischen Studium sich zugewandt hat, nunmehr dem Beruf des jüdischen Lehrers zustreben werde. Hochschulstudium in den verschiedenen Fakultäten wurde bisher betrieben von der jüdischen Jugend aus den besser situierten Kreisen, die das Studium auf Gymnasium und Universität im wesentlichen aus eigener Tasche bestritten haben. Ganz anders aber liegen die wirtschaftlichen Verhältnisse derer, die zur Zeit unsere Lehrerbildungsanstalten bevölkern. Von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, konnten fast alle selbst den Beruf des alten seminaristisch gebildeten Lehrers nur erreichen, weil ihnen zur Verfügung stand: Unentgeltlichkeit des Unterrichts, teilweise oder gänzliche Lehrmittelfreiheit, äußerst mäßig gehaltene Verpflegungssätze in dem eigens zu diesem Zweck unterhaltenen Schülerheim; und ein wesentlicher Teil dieser mäßigen Sätze wird in denletzten Jahren bestritten durch Stipendien der jüdischen Landesverbände in Deutschland. Darum ist ein Abspringen dieser Schüler, welche bisher unsere jüdischen Lehrerbildungsanstalten bevölkert haben und voraussichtlich auch künftig das Material für die Lehrerbildung liefern werden, schon aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht möglich. Zahlen mögen das beweisen: Die Verpflegungskosten für etwa 100 Schüler in unseren Schülerheimen betragen pro Kopf etwa 600 RM. jährlich. Unter diesen sämtlichen 100 Schülern sind zur Zeit nur 3 (!), welche diesen Betrag aus eigener Tasche bestreiten. Alle anderen sind auf Stipendien angewiesen. Durchschnittlich gerechnet zahlt der Schüler selbst von seinen Unterhalts- I.J. SCHRAMM^^