Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 19 (2.10.1928)
- Article
- Leibesübungen bei den Juden
- Date
- 1928-10-02
- Page
- Seite 302 (sequence 3)
- Language
- German
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302 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 Gymnastische Spiele am Haifaer Strand ein Großteil der hygienischen Gebote und Vorschriften, die wir überliefert finden, religiösen Ursprungs sind. Ich erinnere an das Händewaschen, das Schwimmen ufw. Das Baden und Salben ist cum grano salis auch in diesem Zusammenhang zu nennen. Da mir zufällig einige Zitate bekannt sind, die über die allgemeinen Hinweise noch Einzelheiten zu bringen vermögen, seien sie hier angeführt. In Sabb. 147a erklärt der Kommentar des R. Chanael das wir heute schlechthin Gymnastik nennen würden, mit folgendem: „Man hebt die Arme nach vorne und hinten, macht Kniebeugen, bis man sich erwärmt und in Schweiß gerät, was eine Art Arzneimittel ist." Weiterhin bringt Berach. 57b: „Drei Dinge gibt es, die nicht in den Körper eingeführt werden, aber ihm dennoch Nahrung zuführen: Das Baden, Salben und Massieren." Zusammenfassend können wir feststellen, daß aus biblischen und talmudischen Quellen eine Anzahl von Stellen darauf Hinweisen, daß die Juden bereits damals Sinn und Verständnis für die Körperpflege hatten. Von einem System kann keine Rede sein, trotz der relativ günstigen Bedingungen, die einer einheitlichen und nationalbetonten Entwicklung der Leibesübungen gegeben waren. H. Ein ganz anderes Bild zeigt das Mittelalter. Mit Vorliebe wird davon gesprochen und geschrieben, daß die Ausbreitung des Christentums Askese und Verachtung des irdischen Lebens mit sich brachte. Erft vor wenigen Monaten übergab Neuendorff, der Leiter der Spandauer Hochschule für Leibesübungen, eine Schrift der Öffentlichkeit, betitelt: „Leib und Leibesübungen im frühen Mittelalter", in der er zeigen will, daß vieles von dem Dunkel nur in den richtigen Zusammenhang gebracht werden müßte, um in anderer Tönung zu erscheinen. Hier soll nicht näher daraus eingegangen werden, da diese Arbeit auf die Leibesübungen bei den Juden nicht Bezug hat. Es finden sich zweifelsohne aber auch im Judentum Paralellerscheinungen zu Tertulians „palaestrica negotium diaboli“ im klerikalen Rabbinismus, der vielleicht als Affimilationserscheinung der klerikalen-despotischen Kirche bzw. dem mönchischenmystischen Wesen im Mittelalter nahestand. Ausnahmen finden sich hier wie überall. So soll ein Dekret der Kretenser Juden erhalten sein, das von Wanderungen und Ruderfahrten an Stelle des fabbatlichen Synagogenganges zu berichten weiß. Mehr als im Altertum treten einzelne Männer hervor, die jedoch für die Gesamtentwicklung bedeutungslos sind, mit Ausnahme von Maimonideö. Von den vielen Anweisungen, die M. in Keg. sanit. gibt, möchte ich (nach Munter a. e. O.) wiedergeben: Es gibt keinen für die Leibesübungen ebenbürtigen Ersatz, sie erregen die natürliche Wärme und bringen die Verdauung des Genossenen in die richtige Regulierung. Mag die Speise noch so schwer verdaulich, mag mal zuviel gegessen sein, die körperliche Übung bringt alles zum Ausgleich; auch der Blutüberfüllung (daher die vielen Aderlässe im Mittelalter, als Surrogat für die Leibesübungen) wird durch die Leibesübung vorgebeugt. Die Gymnastik hebt den Schaden so mancher übler Gewohnheiten des Menschen auf. Aber nicht jede körperliche Übung, ob schwer oder leicht, ist eine Leibesübung. Die wahre Leibesübung soll die Atemtätigkeit anregen. Ein Zuviel aber kann auch nicht jeder vertragen, darum ist es das Beste, auch hierin Maß zu halten, am besten eine bestimmte Gruppe von Übungen systematisch zu trainieren, mit allmählicher Steigerung der Bewegungen. Eine Massage tut dem Körper sehr wohl. Töricht sind entschieden die, welche allzu schwere Übungen vornehmen, z. B. Steinwälzen und Gewichtheben. Nur eine mittelmäßig anstrengende Übung ist eine wirklich hygienische Leibesübung. Als eine wichtige Bedingung hygienisch vollwertiger Gymnastik kommt die seelische Luft bei derselben dazu... Es soll überhaupt bei jeder Leibesübung mehr auf das seelische Vergnügen als auf die Intensität der körperlichen Anstrengung geächtet werden.. Wer daher Übungen zur Erhaltung seiner Gesundheit betreibt, wie Ballspiel, Ringen, Fechten, Frei- und Atemübungen, wird zwar in den Augen der Unvernünftigen nur Spielerei treiben, die Vernünftigen aber werden ihren Wert einzuschätzen wissen. III. In der Zeit der Renaissance sind uns wiederum recht eigenartige Erscheinungen über die Leibesübungen bei den Juden berichtet. Unter Paul II. wurden 1460 Volksfeste in Rom eingeführt, die jährlich über zwei Jahrhunderte hindurch in der Art gepflogen wurden, daß an jedem Wochentage bestimmte Truppen, in Anlehnung an die Wettkämpfe der Griechen, um den Siegespreis streiten sollten. So war der Dienstag den Spielen der Juden Vorbehalten. Als Preise mußten die Juden kostbare Decken liefern, was anfänglich gerne von den Gemeinden getan wurde, bis später Ausartungen bei den Spielen die Gemeinden zur Abstellung bzw. Ablehnung ihrer Teilnahme an den Wettkämpfen veranlaßten. Vom Jahre 1550 soll ein Gedicht über den Lauf der Juden, über einzelne Teilnehmer und deren Preise erhalten sein. (8. 8. de Penni8, Cronica della festa magnifica, Florenz 1891.) c&vctriEti AUTOHAUS-AUGSBURG Waetzoldt & Aigner Ausstellung: Maximilianstraße A 35 ✓ Reparaturwerk: Ulmer Straße 34-38 Fernruf 4132 und 4162 allen überlegen